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Streit zwischen Amazon und Bonnier: Amazon hält Verlagsbücher zurück

Blick in ein Amazon-Auslieferungslager: Eigentlich ist alles vorrätig. Aber manche lieferbare Bücher hält der Internethändler jetzt zurück.

Blick in ein Amazon-Auslieferungslager: Eigentlich ist alles vorrätig. Aber manche lieferbare Bücher hält der Internethändler jetzt zurück.

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REUTERS

Wenn sich diese Zwei streiten, ärgern sich erst einmal ganz andere. Und es gibt vielleicht sogar Leute, die sich freuen. Aber der Reihe nach. Das Internetversandhaus Amazon liegt im Clinch mit dem Verlagskonzern Bonnier. Deshalb vertreibt der sonst so fixe Händler die Bücher der zu Bonnier gehörenden Verlage wie Piper, Ullstein und Carlsen extra langsam.

Manchen Autoren fiel das erst gar nicht auf. Martina Kempff zum Beispiel schreibt historische Romane und Regional-Krimis. Als sie neulich in einer Buchhandlung las, wollte ihr eine Frau nicht glauben, dass das schon ihr fünfter Eifel-Krimi war. „Sie hielt mir ihr Tablet unter die Nase. Tja, bei ,andere kauften auch’ war keines meiner Bücher erwähnt“, erzählt sie.

Ähnliches berichtet ihre Kollegin Inge Löhnig, die ihre Bücher um den Kommissar Dühnfort bei den Bonnier-Verlagen Ullstein und List veröffentlicht, per E-Mail: „In den Jahren davor hatte der jeweils neue Roman die alten ordentlich gepusht. Diesmal nicht.“

Klassisches Druckmittel

Die beiden sind zwei von mehr als 1350 Unterzeichnern eines Briefes, der Anfang der Woche an Jeff Bezos, den Chef von Amazon, und den deutschen Geschäftsführer Ralf Kleber abgeschickt wurde. Viele bekannte Namen sind darunter, so Christoph Hein, Elfriede Jelinek, Doris Dörrie, Josef Haslinger, Saša Stanišić, Ingrid Noll. „Wir wollen im Streit zwischen Amazon und Bonnier nicht Partei ergreifen, sondern wir fordern Amazon entschieden auf, nicht länger Bücher und damit auch Autoren und Autorinnen als Geiseln zu nehmen, sondern eine lebendige, ehrliche Buchkultur zu gewährleisten und die benannten Maßnahmen zu stoppen“, heißt es in dem Brief.

Nina George, selbst Autorin, aber nicht bei Bonnier, ist eine der Initiatoren. Seit Tagen knüpft sie Kontakte zwischen Autorenverbänden, sammelt Erfahrungsberichte und gibt Interviews, auch der New York Times. Sie betont: „Es ist keine Aktion gegen Amazon, sondern für einen fairen Buchmarkt“. Deshalb heißt die Internetseite www.fairer-buchmarkt.de.

Aber was ist ein fairer Buchmarkt? Allein der stationäre Buchhandel, der auch jedes Buch von einem zum anderen Tag besorgen kann, gewürzt mit kluger Beratung? Klingt gut, doch auch hier haben Autoren Grund zur Klage. Und E-Book-Leser werden an dieser Stelle ergänzen, dass man das elektronische Buch sofort nach Bezahlung auf seinem Lesegerät hat, ob das nun ein Amazon-Kindle oder ein Tolino, Sony oder Kobo ist.

Auf Nachfrage verschickt Amazon ein Statement zum Streit, nähere Auskünfte werden zurzeit nicht gegeben. „Bonnier bietet uns die Mehrheit seiner Titel zu Konditionen an, die es für uns wesentlich teurer machen, eine digitale Ausgabe als die gedruckte Ausgabe desselben Titels einzukaufen.“ Das heißt: Amazon möchte höhere Rabatte für E-Books als für Papierbücher. In dem Schreiben wird der Wunsch damit erklärt, dass die Produktion eines E-Books viel günstiger ist.

Für die klassischen Verlage hängt allerdings dessen Herstellung an ihren gedruckten Büchern, in die neben dem Papierpreis auch Autorenbetreuung, Gestaltung, Marketing und vieles mehr einfließen. Die Benachteiligung der Bonnier-Titel ist also klassisch als Druckmittel zu verstehen: Verkauft ihr mir nicht eure E-Books so günstig, wie ich sie möchte, strenge ich mich für eure Bücher nicht so sehr an wie für andere.

Ringen um Konditionen

Amazon schreibt: „Tatsache ist jedoch, dass Bonnier mit seinen Konditionen deutlich von denen anderer führender Verlagshäuser abweicht. Wir arbeiten intensiv mit Bonnier daran, Vereinbarungen zu schließen, die mehr im Einklang mit branchentypischen Konditionen in Deutschland sind.“

Christian Schumacher-Gebler, Geschäftsführer der deutschen Bonnier-Verlage, sagt dazu, er könne sich nicht vorstellen, dass seine Verlagsgruppe die einzige sei, „mit der Amazon um Konditionen ringt“. Nur sei eben diese Auseinandersetzung öffentlich sichtbar geworden. „Ich denke, es gibt viele Verlage, die ähnliche oder vergleichbare Konditionen gewähren, denn auch alle anderen Verlage haben sicher ähnliche Kostenstrukturen und sind darauf angewiesen ein gewisses Konditionsgefüge einzuhalten, um seriös ihr Verlagsgeschäft zu betreiben.“

Deutschland ist der größte Markt für Amazon außerhalb der USA – wo es ja einen ähnlichen Streit gibt, mit Hachette. Der Internethändler ist längst auch Verleger für Autoren, die woanders nicht unterkommen. „Ich liebe Amazon“, schreibt Nika Lubitsch in ihrem Blog, denn ihr Traum, vom Schreiben zu leben, hat sich erfüllt. Andere verwirklichten bloß ihren Wunsch, ihre Geschichten in die Welt zu schicken – allerdings ohne Lektorat, denn die kritische Begleitung durch professionelle Leser gibt es nur in Verlagen. Doch auch Lektoren übersehen mal ein gutes Manuskript.

Auf phantanews.de veröffentlichten nun ihrerseits Selfpublisher einen Brief an den Buchhandel, der immerhin mehr als 100 positive Kommentare hat: „Denn egal, was die im Lobbykampf gegen Amazon erzählen, im Endeffekt geht es auch denen genau wie Amazon nicht um Kultur, und erst recht nicht um Autoren, sondern darum, wer die meiste Kohle einsackt.“

Vielleicht darf man den Selbstverlegern nicht unterstellen, sie freuten sich, wenn der Internetriese mit einem Verlagsriesen im Clinch liegt. Zu Recht weisen sie darauf hin, dass es nicht nur um das Gute und Schöne geht. Die Leidtragenden sind jene Autoren, deren Bücher langsamer verkauft, schlechter beworben werden. Viele von ihnen haben den Brief für den fairen Buchhandel unterzeichnet. Doch die Mehrzahl unterschreibt aus Solidarität.