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Studie zum Künstlerdasein: Nur 427 Euro Rente

Will wirklich jemand in die Kunst gehen? Zwölf Plakate in der Akademie der Künste visualisieren die sozialen Fakten zu diesem Berufsbild.

Will wirklich jemand in die Kunst gehen? Zwölf Plakate in der Akademie der Künste visualisieren die sozialen Fakten zu diesem Berufsbild.

Foto:

Testset/Ralph Drechsel

Berlin -

Die Rente beläuft sich auf 427,50 Euro im Monat. Das klingt nicht gut, aber solche Summen tauchen gelegentlich auf, wenn über die Altersarmut von Frauke F. oder Manfred M. berichtet wird, beide verfolgt von einigem Pech im Leben. In diesem Fall sind 427,50 Euro aber keine Ausnahme, sondern ein statistischer Mittelwert. Ermittelt nicht in Bulgarien, sondern in Deutschland nach einem vollen Berufsleben.

Es ist die Durchschnittsrente eines freiberuflichen Schauspielers oder Tänzers, der 45 Jahre lang in die Künstlersozialversicherung eingezahlt hat. In Berlin reicht das nicht einmal für die Miete. Die Zahl ist ernüchternd, neu ist sie nicht. Sie stand schon vor zwei Jahren mit dreihundert anderen Trostlosigkeiten im „Report Darstellende Künste“ über die Lage der Theater- und Tanzschaffenden in Deutschland von Günter Jeschonnek, herausgegeben vom Fonds Darstellende Künste.

Jetzt haben die Münchener Regisseurin Gesche Piening und der Grafiker Ralph Drechsel aus der Studie und der allgemeinen Situation freier Künstler eine Ausstellung in der Akademie der Künste gemacht: „Brenne und sei dankbar“. Treffender kann ein Titel nicht umreißen, was von einem Künstler erwartet wird – beides gleichzeitig.

Aber was stellt man aus, um ein gesellschaftliches Problem zu erörtern? Als Piening und Drechsel den 723 Seiten dicken Report sahen, war ihre erste Reaktion: Wer soll denn das lesen? Eben. Beide Künstler, selbst Freiberufler, fanden das Werk aber wichtig, auch weil die meisten Freien mit Tonnen von Unwissen durch ihr soziales Leben in eine dramatische Zukunft schaukeln. So haben sie Kernthesen herausgefiltert, in zwölf Plakaten visualisiert und durch ein paar Fakten darunter ergänzt. Dabei ging es ihnen ausdrücklich um eine Versachlichung des Problems, nicht um eine Emotionalisierung.

Frauen verdienen ein Drittel weniger als Männer

Es gibt viele überraschende Tatsachen darunter, aber keine tröstlichen. So ist festgehalten, dass 80 Prozent der Freiberufler neben ihrer Kunst noch einer anderen Arbeit nachgehen müssen, zumeist Kellnern, Kassieren und Klos putzen. Der Stundenlohn der Künstler liegt bei 5 Euro, trotz überdurchschnittlicher Qualifikation: Knapp zwei Drittel haben einen akademischen Abschluss. Genau so viele sind hoch flexibel und arbeiten stetig an verschiedenen Orten. 90 Prozent sprechen mindestens eine Fremdsprache.

Frauen verdienen ein Drittel weniger als Männer, nämlich 9430 Euro (2008), während es sich Männer mit üppigen 14.124 Euro wohl sein lassen (Achtung, Ironie). Im Jahr wohlgemerkt, nicht im Monat, wie bei Nennung solcher Zahlen mitunter vermutet wird. 85 Prozent der Künstler unterstützen ihre Engagements mit Eigenmitteln und verzichten dabei auf angemessene Entlohnung.

Muss man erwähnen, dass jemand, der so schlecht für sich sorgt, auch Schwierigkeiten hat, eine Familie zu gründen? Zwei Drittel der Freiberufler haben keine Kinder – etwa doppelt so viel wie in der übrigen Bevölkerung. Die meisten geben dafür zuerst finanzielle Gründe an.

Die Studie basiert auf einer Befragung von 4400 professionellen Tanz- und Theaterakteuren. Weil hierzulande über jeden Cent öffentlicher Kulturausgaben laut und widersprüchlich lamentiert wird, sich das Land auch ständig als verantwortungsvolle Kulturnation geriert, gehört es zu den Überraschungen der Studie, dass Deutschland mit 100 Euro Kulturausgaben pro Kopf mitnichten zu den höchsten in Europa zählt.

Vorher kommen Liechtenstein (580 Euro), Norwegen (438), Dänemark (352), Österreich (260), Schweden, Frankreich, Estland, Finnland, Spanien, Slowenien und Italien (Zahlen mehrheitlich von 2007). Deutschland liegt im hinteren Mittelfeld, immerhin vor Ungarn, Lettland, Irland...

Prekarisierung auf dem Vormarsch

Der Kulturkuchen macht also im Vergleich keinen aufgeblasenen, sondern einen eher bescheidenen Eindruck, trotz der weltweit größten Operndichte nicht nur in Berlin. Geradezu unsichtbar in einer grafischen Darstellung aber sind die Summen, die die Bundesländer für die freie Kunst- und Theaterszenen ausgeben: 0,3 bis 2,5 Prozent des ohnehin kleinen Kulturhaushalts. Dabei arbeitet hier die Hälfte der Künstler.

Seltsam füllt sich das letzte Plakat dieser Serie, das einen leeren goldenen Rahmen zeigt – hier geht es um das Selbstbild des Künstlers. Jeder zweite der Theater- und Tanzleute nämlich schätzt sein gesellschaftliches Ansehen als gut oder sehr gut ein, nur vier Prozent als subjektiv schlecht. Und mancher erwartet sogar gute berufliche Perspektiven (21 Prozent). Als wäre es in den letzten zwanzig Jahren irgendwo besser geworden.

Zur Eröffnung der Ausstellung in der Akademie waren vorige Woche Politiker und Vertreter von Fördergremien gekommen, als der Titel der Ausstellung praktisch live nachgespielt wurde. Die beiden Künstler, die diese Ausstellung erdacht und nach Berlin gehievt haben, die sie nun auf Wanderschaft schicken wollen, die damit Monate ihres Lebens ohne Bezahlung zubrachten, und nun eloquent und leidenschaftlich ihr Anliegen vortragen, also brennen für ihr Projekt, die stürzen sich in artig-ehrliche Danksagungen an die Vertreter der Apparate, die diese Ausstellung an so prominentem Platz überhaupt erst ermöglicht haben.

Und die Vertreter der Apparate – Nele Hertling (Akademie), Gitta Connemann (Bundestag), Alexander Opitz (Freie Theater) – erklären in ihren Ansprachen wort- und variantenreich, wie es künftig dringend um die Verbesserung der oft verzweifelten Lage von Künstler gehen müsse, wie sie sich einsetzten, was schon erreicht wurde.

Dabei weiß jeder, dass sich deren Lage seit den 90er-Jahren nur verschlechtert hat, dass die Prekarisierung zügig voranschreitet und zwar nicht nur unter Künstlern. Künstler sind nur die Vorhut. Sie gehen voran und zeigen, wie die Zukunft der Arbeit aussieht.

Brenne und sei dankbar. Bis 30. September Akademie der Künste am Pariser Platz. Eintritt frei.


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