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Technologie-Konferenz TED: Ruhig bleiben und innovieren

Rose Goslinga erzählt bei der TED-Konferenz im Admiralspalast, wie sie den den Hunger in Afrika abschafft. Natürlich mit Technologie.

Rose Goslinga erzählt bei der TED-Konferenz im Admiralspalast, wie sie den den Hunger in Afrika abschafft. Natürlich mit Technologie.

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TED/James Duncan Davidson

Rose Goslinga steht auf einem kleinen runden roten Teppich auf der Bühne im Admiralspalast und erklärt, wie sie dafür sorgt, dass in Afrika nicht mehr die Saat verdorrt. Sie versichert den Regen, mit Mikrokrediten. Das traditionelle Versicherungsmodell mit Besuchen bei den Bauern ist für die Kleinbauern nämlich nicht rentabel. Goselinga setzt stattdessen auf Daten und Algorithmen. Über Satellitenaufnahmen wird gemessen, ob es geregnet hat. Bleibt der Regen nach der Aussaat aus, wird die Saat ersetzt. So konnten kenianische Bauern nach einer langen Dürrephase noch einmal aussäen. „Heute können afrikanische Bauern ihr eigenes Schicksal in die Hand nehmen“, ruft sie. Die rund tausend Zuhörer applaudieren frenetisch. Wieder hat eine technologische Innovation die Welt verbessert.

Das Format hinter der Veranstaltung ist ein Phänomen. Es nennt sich TED, das steht für Technology, Entertainment und Design. Die Konferenzreihe kommt aus dem Silicon Valley und hat nicht weniger gemacht, als eine der ältesten Formen der Kommunikationen zu einer der hippsten zu machen: den Vortrag. Maximal 18 Minuten lang, folgen sie bei TED-Konferenzen Schlag auf Schlag. In Berlin fand am Mittwoch die erste offizielle Konferenz in Deutschland statt. Ihr Thema „Wissenshappen“ ist Programm.

Thematisch gibt es nichts, wirklich nichts, um was es bei TED-Vorträgen nicht gehen könnte. Alles Wissen sei schließlich vernetzt, erklärt zu Beginn der Kurator. In Berlin reicht die Bandbreite der Happen von der Intelligenz von Schleimpilzen bis zum Fotografieren mit einer Hochgeschwindigkeitskamera. Besonders oft geht es bei TED-Vorträgen aber darum, wie Technologie genutzt werden kann, um gesellschaftliche Probleme zu lösen. In Berlin wird gleich noch ein Beispiel aus Afrika vorgestellt. Slum-Bewohner wurden mit GPS-Geräten ausgestattet, sodass sie ihren Slum kartographieren können, etwa einzeichnen, wo gerade wieder ihre Hütten zerstört worden sind. Das, räumt die Sprecherin ein, löse zwar nicht alle Probleme. Doch für die Machtungleichheit gebe es eben keine App. Es ist der Grund, wieso in TED-Vorträgen gesellschaftliche Machtstrukturen, die Einsatz und Resultat von Technologien enorm beeinflussen, meist nur ein Nebensatz sind, wenn sie überhaupt erwähnt werden.

Irgendwie inspirierend

Entscheidend ist dagegen, dass das Projekt oder die Idee, die vorgestellt wird, irgendwie inspirierend ist. Dass sie für einen Moment der Erleuchtung sorgt, wie es der Begründer der TED-Konferenz Chris Anderson mal genannt hat. Wer dort vorträgt, ist im Sprecher-Olymp angekommen. Die Bezeichnung Ted-Redner ist eine Trumpfkarte im globalen Konferenzgeschäft. Die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin gehören ebenso zu dieser Spezies wie Richard Dawkins und Bill Gates.

Tickets zu den TED-Konferenzen kann man nicht kaufen – man bewirbt sich darum, eines der mehr als 7500 Dollar teuren Tickets für die anders als in Berlin sonst sieben Tage andauernden Konferenzen zu erstehen. Auch das Publikum soll kuratiert werden. TED ist also einerseits eine extrem elitäre Angelegenheit. Andererseits stehen alle Vorträge später kostenfrei im Netz. Inzwischen sind es mehr als 1700. Weit mehr als drei Milliarden Mal sind sie abgerufen worden. TED hat zudem eine Basisbewegung hervorgebracht, sie nennt sich TEDx. Das x steht für selbst organisiert. Über 10.000 solcher selbst organisierten Treffen gab es schon, etwa acht pro Tag finden gegenwärtig statt.

Einer der interessantesten TEDx-Vorträge geht über TED selbst. Benjamin Bratton, Professor an der University of California, hat ihn gehalten. Es ist eine harsche Kritik. Bratton erzählt darin von dem Erlebnis eines befreundeten Astrophysikers. Dem erklärte ein potenzieller Geldgeber, er werde in seine Forschung nicht investieren – ihm fehle die Inspiration. Der Wissenschaftler müsse mehr wie ein TED-Sprecher werden, forderte der Geldgeber. TED, folgert Bratton daraus, führe zu einer Kultur der Vereinfachungen und Abkürzungen, bei der alles ausgeblendet bleibt, was nicht auf einen twitterbaren Slogan heruntergebrochen werden kann. „Keep calm and carry on innovating“, ruhig bleiben und mit den Innovationen weitermachen, sei das zynische Motto, mit dem sich eine bestimmte Schicht Selbstvergewisserung verschaffe.

„Das Kapital im 21. Jahrhundert“

Man kann das auch in Berlin beobachten. Der Ökonom Thomas Piketty, dessen Bestseller „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ gerade für Furore sorgt, ist der bekannteste Redner im Admiralspalast. Mit einer enormen Datensammlung zum Thema Ungleichheit hat er die These begründet, dass die Kluft zwischen Arm und Reich wachse, da die Gewinne aus Vermögen dramatisch anstiegen. Eine starke These, wie gemacht für einen TED-Vortrag. Doch Piketty macht stattdessen etwas, das TED-Redner eigentlich nie machen: Er verweist auf Grenzen seiner Studie, und statt einprägsamer Bilder zeigt er eng beschriebene Folien, durch die er hastet, um im 18-Minuten-Limit zu bleiben. Kurzum: Er spricht nicht wie ein Bestseller-Autor, sondern wie ein Wissenschaftler. „Das war kein echter TED-Vortrag“, sagt danach einer enttäuscht.

Wie es geht, zeigt dagegen später der Professor Hans Rosling, der als einer der beliebtesten Ted-Redner angekündigt wird. Seine Botschaft: „Die meisten Dinge werden besser.“ Man muss dazu nur die Perspektive ändern: Anders als Piketty nimmt er die Einkommensverteilung als Maßstab, unterschlägt die ungleiche Vermögensverteilung und bezieht sie auf die gesamte Welt. So gesehen, sorgt nämlich (was er auch nicht sagt) allein die Einkommenserhöhung in China dafür, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich schließt, nicht öffnet. Die Aussagekraft ist gleich null, aber es stellt sich das TED-Gefühl ein. Das Gefühl, dass es vorangeht. Der Admiralspalast jubelt.



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