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Teddy Award: Der Kater und die Krise

Händl Klaus mit seinem Teddy-Award für den besten Spielfilm

Händl Klaus mit seinem Teddy-Award für den besten Spielfilm

Wenn es einen Bären für das beste Berlinale-Tier gäbe, hieß es in dieser Zeitung, ginge er in diesem Jahr an eine Katze, die schwarze Pandora aus dem Wettbewerbsbeitrag „L’avenir“. Die hat allerdings ernsthafte Konkurrenz bekommen.

Vom getigerten Kater Moses nämlich, der Milch von den Fingerspitzen seiner Besitzer schleckt, übers Klavier tapst und überhaupt so präsent ist, dass ein Film nach ihm benannt wurde: „Kater“, ein schwules Beziehungsdrama des österreichischen Regisseurs Händl Klaus, der auch das Drehbuch schrieb, erhielt am Freitag in der Station Berlin den Teddy Award als bester Spielfilm.

Die beiden grandiosen Theatermimen Philipp Hochmair und Lukas Turtur spielen darin ein Paar, dessen Liebe durch einen plötzlichen Gewaltausbruch erschüttert wird. Sie kommt nicht von außen, wie in so vielen Filmen, die zur Auswahl für den queeren Filmpreis standen, sondern von einem der Partner selbst. Selten war die Fragilität, die jede auch noch so idyllische Beziehung bedroht, so spürbar wie in dieser Geschichte, die simple Antworten verweigert. „Ein Film, der das Publikum auch lange nach Verlassen des Kinos nicht loslässt“, lautete die Jury-Begründung.

Das gemeinsame Haustier spielt bei dieser Verstörung eine wichtige Schlüsselrolle. Wobei „Kater“ freilich auch den Gemütszustand beschreibt, den die Hauptfiguren nach dem Vertrauensbruch durchleben. So war der emotionalste Moment in der Rede des zu Tränen gerührten Händl Klaus dann jener, als er sich bei Moses bedankte: „Das Schönste an all dem ist, meinen Kater auf der großen Leinwand zu sehen!“

Es war die Krönung eines ohnehin bewegenden Abends am Berliner Gleisdreieck. Bereits zum 30. Mal wurde der Teddy verliehen, und während man 1987 noch „mit 15 Leuten in einem Buchladen hockte und Filme auf 16 Millimeter schaute“, wie Teddy-Erfinder und Panorama-Chef Wieland Speck erinnerte, wird die Gala heute von Arte per Livestream übertragen.

Das beste Beispiel für diese Entwicklung ist wohl die Preisträgerin für das Lebenswerk, Christine Vachon: 1991 hatte sie Todd Haynes’ ersten Spielfilm „Poison“ zur Berlinale mitgebracht und war etwas, was man noch immer selten antrifft: eine weibliche Produzentin. Heute zeichnet die Pionierin des queeren Films für Hollywood-Produktionen wie „Boys don’t Cry“, „Still Alice“ und „Carol“ verantwortlich. „Berlin und der Teddy haben mein Leben verändert“, sagte sie, als sie den Special Teddy entgegennahm.

Für die einen ist die Preisverleihung kurz vor Abschluss der Berlinale ein Familientreffen, für die anderen ist sie auch im Jahr 2016 eine wichtige Chance, sich Gehör zu verschaffen. So wie Alex Anwandter, der für seinen Film „You ’ll Never Be Alone“ mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde. „Ich bin glücklich, nicht für mich, sondern weil dieser Preis meinen Protagonisten feiert“, sagte er. „Und weil es diese Stimmen sind, die wir als Filmemacher repräsentieren.“ Sein Debüt über einen homophoben Angriff wurde von der Ermordung des schwulen Chilenen Daniel Zamudio durch Neo-Nazis inspiriert, die 2012 ganz Lateinamerika schockierte.

„Als queere Community kennen wir die Gewalt und wir kennen die Flucht, weil wir schon immer vor ihr geflüchtet sind“, mahnte Wieland Speck. Die Generalsekretärin der deutschen Sektion von Amnesty International, Selmin Çaliskan, sagte denn auch, in Deutschland gebe es zwei Hauptprobleme: Das Label „sicheres Herkunftsland“ greife für Schwule und Lesben meist nicht. Und: „Viele Anhörer, die für die Asylbewerbung entscheidend sind, sind nicht sensibilisiert für Verbrechen an Homosexuellen und Transgender-Personen. Davor müssen wir diese Menschen schützen!“

Oder, um es mit den Worten des musikalischen Hauptacts des Abends, dem zauberhaften John Grant zu sagen, der seinen Song „Glacier“ vortrug: „So don’t you become paralyzed with fear when things seem particularly rough“ (Lass Dich nicht von der Angst lähmen, auch wenn die Dinge besonders schwer scheinen).



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