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Theater : Liebe macht böse

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Die nummernhaft beleuchtete Peter-Pan-Welt im BE reißt nichts auf, sie illustriert Oberflächen und füttert das willige Publikum mit Hochglanzunterhaltung.
Die nummernhaft beleuchtete Peter-Pan-Welt im BE reißt nichts auf, sie illustriert Oberflächen und füttert das willige Publikum mit Hochglanzunterhaltung.

Edelvarieté: Robert Wilson inszeniert „Peter Pan“ im Berliner Ensemble

Man muss 45 Jahre zurückgehen, um zu verstehen, wer Robert Wilson einmal war und warum viele auch heute immer noch in seine Stücke gehen, wie andere in die Messe.

Damals, 1968, spazierte er in New Jersey eine Straße entlang und sah plötzlich, wie Polizisten einen farbigen Jungen schlugen. Er mischte sich ein, erfuhr, dass dieser Junge öffentliche Gebäude zerstörte und merkte dann als erster überhaupt, dass dieser Dreizehnjährige sich gar nicht verständigen konnte: Er war taubstumm. Wilson, der selbst bis ins Erwachsenenalter Sprechprobleme hatte, nahm sich seiner an, adoptierte ihn und von da an war nicht nur Wilson der Förderer dieses Raymond Andrews, sondern umgekehrt auch Raymond der Inspirator Robert Wilsons.

Zwei Jahre später schlug ihr erstes großes Theaterprojekt ein wie ein Meteorit: „Deafman Glance“ mit Raymond Andrews war ein siebenstündiger Zeitdehnungsrausch ohne Worte aber mit verschobenen Klang- und Bewegungsbildern, über die der begeisterte Dichter Louis Aragon schrieb: endlich die späte „Verwirklichung des surrealistischen Traums“.

Der Vorgang, Sinneswahrnehmungen frei und völlig neu zusammen zu setzen war für ihn eine „Maschine der Freiheit“. Allein die berühmteste Szene des Stücks, in der nichts anderes passiert, als dass eine Frau einem, mit dem Rücken zum Publikum sitzenden Kind erst ein Glas Milch reicht, dann zurück zum Tisch geht, ein Messer nimmt, sich wieder dem Kind nähert, es mit dem Messer berührt und dieses darauf zu Boden fällt, dauert 48 Minuten.

Damals sprengten diese Wilson’schen Realitätsaufspaltungen alle Raster, verstörten Sehgewohnheiten, widersetzten sich rationalen Verwertungen, schufen andere Bewusstseinszustände. Heute zieht die unvermeidliche Mutter auf Wilsons Bühne ihren pittoresk nachgezeichneten Mund zehn Sekunden lang beeindruckend schief und stimmt dann einen schaurigen Jammersong zum Mitjaulen an, der mit entsprechender Zäsur in tosenden Szenenapplaus mündet.

Wir sitzen in Robert Wilsons neuestem Theatertraum „Peter Pan“ im Berliner Ensemble, und die bizarre Fünfminutennummer der famosen Traute Hoess markiert den Beginn der beliebten Kinderverführungsgeschichte, mit der James Matthew Barrie vor gut hundert Jahren berühmt wurde.

Schwer erklärlicher Erfolg

Auch dieser Peter Pan, der die drei Kinder der Familie Darling aus dem bürgerlichen Heim ins Fantasiereich „Nimmerland“ verführt, der selbst immer nur „jung“ und „lustig“ bleiben will und das mit Gefühl- und Gedächtnislosigkeit bezahlt, ist ein höchst zwiespältiger Genosse. Sein Publikumserfolg eigentlich schwer erklärlich, auch wenn dieses „Nimmerland“, in dem Peter mit seiner Bande „verlorener Jungs“ gefährliche Abenteuer gegen böse Seeräuber besteht, willkommene Freiheitsfantasie eines jeden Heranwachsenden bestätigt.

Seine engstirnige Angstlust gegenüber Mädchen, Müttern und jeder Form von Nähe aber bleibt einigermaßen befremdlich. Genau hier, bei dieser Befremdlichkeit hätte Wilson wohl vor vierzig Jahren angesetzt. Heute aber ist nur noch das malerisch Bizarre und ausgewogen-schief Choreografierte Gipfel seiner theatralischen Forschung.

Die nummernhaft beleuchtete Peter-Pan-Welt im BE reißt nichts auf, sie illustriert Oberflächen und füttert das willige Publikum mit Hochglanzunterhaltung. Dafür ist das Personal des Stücks mit weißen Puppengesichtern geschminkt, deren Züge − wilsonüblich − immer ein bisschen fieser sind als fies und deren Sturmfrisuren ein bisschen schiefer sind als schief und deren Songs ein bisschen klamottiger klingen als klamottig: Kein gewöhnliches Varieté also – Edelvarieté.

Die Musik steuert diesmal das Schwesternduo CocoRosie aus New York bei, das sich damit einen Namen gemacht hat, auf Kinderplastiktröten und -klavieren poetischschräge Melodien zu zaubern. Auch hier haben sie teils flotte Schauerrhythmen im Stil von Tom Waits geschaffen, andernteils aber auch so eintönig simple Kracher, wie etwa den Tigerlilly-Song, dass man sich im Kindertheater glaubt.

Das Anbiedernde dominiert diesen „Peter Pan“, obwohl Wilson das Stück mit scharfen Schnitten auf sein Handlungsgerüst skelettiert hat und Pans Fantasieland genauso wie das Darling’sche Bürgerkorsett als zwei Schattenreiche derselben Manie vorstellt: des Sich-gegenseitig-besitzen-wollens. Die zombiebleiche Wendy (Anna Graenzer), die dem hübschen Peter (Sabin Tambrea) nach Nimmerland folgt, ist deshalb auch nur der Spiegel ihrer Mutter, die den hündischen Vater (Martin Schneider) an der Leine führt.

Es ist die Liebe selbst, die hier alle zu bösen Buben macht, denn sie ist die Feindin der Freiheit: die elterliche, die geschwisterliche, die hetero- wie die homoerotische. Letztere führt Stefan Kurt als Kapitän Hook besonders elegant vor, als er seinem Erzfeind Peter im Duell einen Liebeslied singen darf. Der aber fliegt unbeeindruckt davon.

Peter Pan 19., 20. 4., 19.30 Uhr im Berliner Ensemble, Tel.: 28 40 81 55.

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