Kultur
Feuilleton-Debatten, Interviews und Kritiken zu Medien, Literatur, Kunst, Theater, Musik und Film

05.12.2012

Theater: Der Textzerstäuber

Von Doris Meierhenrich
Geisterstunde: „M, a reflection“.
Geisterstunde: „M, a reflection“.
Foto: A Two Dogs Company
Berlin –  

Kris Verdonck gastiert mit „M, a reflection“ im Hau 2.

Irgendwann musste es kommen: Geisterstunde mit Heiner Müller. Nein, nicht mit Heiner Müller als Geist, wohl aber mit Heiner Müller-Texten als Geistertexte. Hört sich zunächst sinnvoll an, denn was war Müllers Schreiben je anderes, als die Anrufung bekannter und unbekannter Geister der Vergangenheit und Zukunft? Ein grotesk-reales Erinnerungstheater, bevölkert mit Untoten, die keiner Gegenwart erlaubten, sich sauber davon zu machen – sie musste sich durch deren zerschlagene Fratzen vielmehr selbst ins Gesicht sehen.

Ganz anders nun in der Geisterstunde „M, a reflection“, die der Belgier Kris Verdonck in silbrig-schwarzes Licht taucht. Ein Licht, das auf die Augenlider drückt, aber zur Illusionsherstellung seiner Szenerie nötig scheint. Denn wie ein großer Setzkasten ist die Bühne hier in drei Räume geteilt, in die nicht nur der famose Schauspieler Johan Leysen tritt, sondern auch sein virtuelles Double projiziert wird. Der reale und der vorproduzierte Leysen also, der Leysen von jetzt und einst. Das Schöne dabei: Beide sind so aufeinander abgestimmt, als sprächen sie tatsächlich miteinander über Raum– und Zeitgrenzen hinweg. Ein videotechnisch und schauspielerisch perfekt getimetes Spektakel, mit dem Verdonck das „Wesen“ Müllers erfassen will.

Nur virtualisiert er damit an diesem „Wesen“ perfekt vorbei. Und da sind wir bei der Müller-Geisterstunde, die hier entsteht. Denn so gegenwartsfern und gegenstandslos wie in diesen Scheingesprächen, hat man dessen Texte selten in der Luft hängen sehen, besser: verklingen hören. Die saubere Figurenverdopplung bekommt das blutige Widerspruchsprinzip, das sie illustrieren soll, die Dialektik, die jeden Müller-Gedanken durchschneidet, nicht zu fassen. Auch nicht die Deformierung des Menschen durch sein Eingezwungensein in ein großes Ganzes, sei es der Krieg oder die Revolution. Hier klingt es in dem Angstbericht des sowjetischen Soldaten im ersten Teil der „Wolokolamsker Chaussee“ an.

Auch in Müllers eigenem Kriegstrauma in der „Todesanzeige“ und dem „Nachtstück“ aus „Germania“, in dem sich ein Menschenpuppentorso selbst weiter verstümmelt. All das deklamiert Leysen, ohne jedes kleinste Zwiegespräch mit seinem Avatar. Keine Gespenster-Reflektion also, Texte zerstäuben nur gespenstisch.

M, a reflection Hebbel am Ufer/Hau 2, bis 6. 12., Karten: 25 90 04 27.

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