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Theater: Die Wahrheit über alles

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Wolfram Lotz' Einige Nachrichten an das All am Akademietheater in Wien.
Wolfram Lotz' "Einige Nachrichten an das All" am Akademietheater in Wien.
Foto: REUTERS

Explosionsdramatik: Wolfram Lotz’ Meisterstück „Einige Nachrichten an das All“, inszeniert von Antú Romero Nunes in Wien.

Ist es zum Lachen? Wie wär’s mit Heulen? Ist der Tod eine Möglichkeit? Ist er? Ich weiß es nicht. Wer weiß das schon. Vor zwei Jahren hat Wolfram Lotz, Jahrgang 1981, geboren in Hamburg, ein Theaterstück geschrieben, das solche Fragen stellt. Zum Beispiel. Es fragt auch, ob es eine Indianersprache gibt, eine Ursprache vielleicht. Ob die Rente sicher ist. Ob „dieses entsetzliche große Ganze“, unsere Welt, meine Sorgen, dein Alltag Sinn ergeben. Warum alles ist, wie es ist. Warum es nicht anders ist. Es ist ein Stück Literatur, das Lachen und Heulen gleichzeitig macht. Sieben Szenen hat es und ein Motto: „Wir befinden uns in einer Explosion, ihr Ficker.“ Das Motto sagt: Es geschieht etwas mit uns, wir sind mittendrin, aber wir wissen nicht, was es ist. Wir spüren es nur, wenn überhaupt. Von einer Ahnung handelt es also, von der „Wahrheit über alles“.

Klingt verstiegen, ist verstiegen. Alles ist ausgefallen übertrieben in diesem Stück, die poesievollen Sätze, wortspielwahnwitzigen Szenen, die irrsinnstrunkenen Verse. Alles scheint aus dem Inneren einer Explosion zu stammen, einer Explosion der Wirklichkeit in Fiktion. Lotz liebt es, sich an den Rändern der Logik zu tummeln, jenseits des Wirklichkeitssinns, diesseits des Spinnerten. Immer wenn man glaubt, etwas verstanden zu haben, schlägt der Text eine unvermutete Sinnänderung ein. Die Effekte sind so komisch wie todtraurig.

Wolfram Lotz

Er wurde 1981 in Hamburg geboren und wuchs als Apothekersohn im Schwarzwald auf.

Er studierte an der Universität Konstanz Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaft. 2007 ging er ans Literaturinstitut in Leipzig.

Er war Mitbegründer und Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Minima und ist Redakteur der Edit. Er schreibt Prosa, Lyrik und Theaterstücke.

Er erhielt diverse Preise, unter anderen den Kleistförderpreis und den Stückemarkt-Publikumspreis des Berliner Theatertreffens für sein Stück „Der große Marsch“. 2011 wurde er „Nachwuchsdramatiker des Jahres“

Fantasieloses Textverwursten

„Einige Nachrichten an das All“ heißt dieses Stück; es ist das größenwahnsinnigste, klügste, unfasslichste und unverschämteste der Gegenwartsdramatik, ein Stück Theater, das sich gegen ein Theater stemmt, das seine Aufgabe in der Umsetzung von Stücken sieht. Am 24. Februar 2011 wurde es am Nationaltheater Weimar uraufgeführt. Es war ein furchtbarer Abend. Man sah, wie das Stückeumsetzungstheater baden ging. Man sah kleinmütiges, engherziges, fantasieloses Textverwursten. Die Regie, Annette Pullen, hatte offenbar der Vorlage nicht getraut, oder sie nicht verstanden. Bestenfalls eine Urlesung fand seinerzeit statt, wenn überhaupt.

Meistens war es das dann auch schon. Einen unbekannten Autor, dessen erste Uraufführung derart verpfuscht wird, räumt der aufgeheizte Theaterbetrieb rasch beiseite. Normalerweise. Diesmal glücklicherweise nicht. Im September hat sich Kay Voges in Dortmund daran versucht, im November der junge Regisseur Antú Romero Nunes am Wiener Burgtheater. Und hier, in Wien, wurde die Uraufführung nachgeholt. Es ist das prallste, verrückteste, bilder- und gedankenvollste Lotz-Theater entstanden, das sich denken lässt. Urkomisch und trauerzittrig. Mit herrlich sinnenzerstäubenden Videofilmtrickserein der Videofilmtricksertruppe „Impulskontrolle“, mit Comedy-Anleihen und Tragödieneinsprengseln. Mit Witz und Aberwitz.

Es ist nicht ausgemacht, ob dieses Stück überhaupt eine Handlung hat, aber wenn, dann diese: Es findet eine Unterhaltungsshow statt, in der „Leute aus Medien und Historie“ Nachrichten an das All senden, moderiert von einem „Leiter des Fortgangs“.

Die Nachrichten lauten „Mama“, „Bums“ und „Unterhaltung“. Es sind dies Auskünfte, „damit man dort erfährt, was uns Menschen bewegt“.
Außerdem treten auf: Fußnoten, Kinder in einem Krippenspiel und Heinrich von Kleist. Ob sich Fußnoten spielen lassen, ist eine ungeklärte Frage, ob Krippenspiele Theater oder Predigt sind, ebenfalls. Und über Kleist wird noch immer gestritten, warum er sich erschossen hat zum Beispiel.

Die Behauptung, dass große Literatur Fragen stellt statt sie zu beantworten, ist eine billige Phrase. Verkürzend fast immer, falsch meistens, auch in diesem Fall. Bei Wolfram Lotz wird die Offenheit des Fragenstellens zur Form, zu einem Stück, das zwar keiner Regel und keinem Figurenplan zu folgen scheint, aber sehr wohl Antworten gibt. Er hat eine „Rede zum unmöglichen Theater“ verfasst, darin steht: „Das Theater ist der Ort, wo Wirklichkeit und Fiktion aufeinandertreffen, und es ist also der Ort, wo beides seine Fassung verliert in einer heiligen Kollision.“ Das ist Lotz’ Antwort auf die Frage nach dem Sinn: „Die Würstchen der Wahrheit, die für uns gebraten werden, wollen wir nicht mehr essen!“

Der Tod als Dauerthema

Das ist bei Nunes in Wien der Inszenierungsleitspruch. Er hat aus dem Text drei Spielthemen herausgeschält, die von den Figuren in exzentrischen Bahnen umtänzelt werden: der unergründliche Tod, die einengende Sprache und die Unfasslichkeit aller Utopie. Es werden an diesem Abend deshalb keine Figuren vorgeführt, sondern Gespenster, Geister aus dem Diesseits. Offensichtlich sind sie alle verrückt, im besten Sinne. Matthias Matschke, Fabian Krüger und Ignaz Kirchner, die sehr junge Jasna Fritzi Bauer, Daniel Sträßer und eine Kinderschar – sie spielen, als wären sie traurige Ritter in einem Schelmenbocksgesang, oder gestürzte Engel. Diese Figuren werden, was sie bei Lotz sind: Luftgeister, Traumtänzer, Todesträger.

Der Tod ist überhaupt Lotz' Dauerthema. Der Tod, das Vergehen, das Sein. Im Grunde ist er Philosoph. Und wie alle ernstzunehmenden Philosophen ist er größenwahnsinnig: Er will die Welt als Ganzes erfassen, „dieses entsetzliche große Ganze“. In Nunes hat er seinen Theaterseelenverwandten gefunden. Dass der Abend in ein Videofinale mündet, dass die Bilder sich überlagern und die Figuren darin verschwinden und dann, nach dem Ende, noch ein zweiter Schluss folgt, ist nur folgerichtig: Alles verliert seine Fassung, seine Form.

Kay Voges hat in Dortmund eine andere Möglichkeit der Fassungslosigkeit gefunden: Er hat das Stück in einen Film verwandelt, einen wunderbar verschrobenen, zärtlichen, garstig hyperrealen Film mit Außerirdischen, Zombies, Verrückten, Kindern, Frauen, Toten. Das Theater verschwindet, wird zur Fußnote. Ein schöner Film, aber gemessen an den großformatigen Irrsinnigkeiten, die Lotz bietet, ist dies allenfalls ein Westentaschenwahnsinn.

Wolfram Lotz schreibt übrigens auch Prosa und Gedichte, es gibt zudem noch zwei andere Theaterstücke von ihm. Immer tritt er dabei als der ferne Verwandte von Alfred Jarry und Jorge Luis Borges auf. „Einige Nachrichten an das All“ aber ist sein Meisterstück, ein Stück Explosionsdramatik.

Wolfram Lotz’ Stück ist erschienen in: Theater. Aktuelle Stücke 22. Hg. von Uwe B. Carstensen und Stefanie van Lieven. Fischer, Frankfurt a. M., 464 S., 14,99 Euro.

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