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Theater in Sophiensaelen: Kalkulierte Qual, endloses Geblubber

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Gegenstandsloses Diskursgewäsch.
Gegenstandsloses Diskursgewäsch.
Foto: dpa
Berlin –  

400asa zeigen „Flow/Wasser“ in den Sophiensaelen. „Flow“ spielt im Jahr 2045 und die schöne neue Welt - gemeint ist die Zuspitzung der vercomputerisierten, komplett barrierefreien Online-Welt unserer Tage – hat allen Realitätsbezug aufgelöst.

Während man im Dunkel der Sophiensaele sitzt und leidet, wirklich leidet unter dem endlosen Nichts, das sich irgendwo vor einem ausbreitet, brütet man über einer Frage: Macht es eine Qual im Theater wirklich besser, wenn es eine kalkulierte Qual ist? Ja, es macht sie besser: einen Strich bekommt das Theaterkollektiv 400asa auf der Skala von hundert. Trotzdem bleibt ihr kalkuliertes Nichts namens „Flow/Wasser“, das sie an diesem Abend ausschütten, ein Ärgernis.

Schade, weil das, was da zunächst auf der Bühne keimt, der Beginn eines hoch interessanten Zukunftstheaters sein könnte: multiperspektivische Spielsituationen, die kein simples Zentrum mehr bedienen und trotzdem nicht auseinander fallen. Situationen, in denen jeder Figur volle Verantwortung für das Ganze zukommt und so bei jedem Spiel gelebte Fantasie und Rücksicht immer mit auf dem Spiel stehen. Ein Theater der Vielheit, das die gedeckelte Komplexität der Welt nicht einfach unter dem Kampfbegriff „Beliebigkeit“ wegwischt. Wäre das möglich?

Wahrscheinlich war Ähnliches sogar der Antrieb jenes Musikers, von dem 400asa erzählen will. Dieser Musiker erschuf einst das Wunderwerk „Flow“, das er der Struktur des Wasserstoffs ablauschte und dann ungeahnte Wirkungskraft freisetzte. Nun ist er eine der sieben Figuren, die nur noch autistisch über die Spielfläche und durch acht, neun Fernsehbildschirme zugleich hüpfen, während es heißt, alle Ichs haben sich längst aufgelöst. Der Grund: er wie alle und alles hier sind zum Spielzeug seines „Flow“-Wunderwerks geworden, das mittlerweile die ganze Welt zum Wasser-Prinzip konvertieren ließ.

„Flow“-Wunderwerk

Man lebt und denkt nur noch in Gestalt endlosen, formlosen, widerstandslosen Fließens, ist „Nur-noch-Bewusstsein“ und bewegt sich in Gedankenwellen. Den Text dieser „Flow“-Gesellschaft bildet demgemäß auch nur noch ein gegenstandsloses neuro-sozio-kulturelles Diskursgewäsch, das Stimmen aus dem Off einsprechen, während die Körper der Sprecher frei im Raum flottieren. Eine beulende, spiegelnde Kunststoffwand, um die sie schwärmen, verwässert alle Konturen zusätzlich.

„Flow“ spielt im Jahr 2045 und die schöne neue Welt - gemeint ist die Zuspitzung der vercomputerisierten, komplett barrierefreien Online-Welt unserer Tage – hat allen Realitätsbezug aufgelöst. Man lebt als Bilder von Bildern von Bildern von sich, die die Meinung, es gebe etwas konkret Fassbares, nur noch milde belächeln. Scheinbar setzt genau hier 400asas Anflug von Gegenwartskritik an. Nur ist der undifferenzierte Quark, den sie in neunzig „Flow“-Minuten darüber breit klopfen, so fest, dass nichts Sinnvolles darunter mehr hervor kriechen könnte. Nach zwanzig Minuten hat man den simplen Kulturpessimismus hinter der Drohkulisse des „Flow“ verstanden.

Leider aber kommt dann noch die kalkulierte Qual ins Spiel und eine endlose Stunde lang verblubbern wir im Geblubber.

Sophiensaele, wieder am 18., 19. 12. um 20 Uhr, Tel.: 283 52 66

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