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Theater: Schmetterlinge mit Bodenhaftung

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Szenenfoto aus Demenz Depression und Revolution von Fritz Kater, am Maxim Gorki Theater uraufgeführt von Katers Alter Ego Armin Petras, der das Gorki noch bis Ende dieser Spielzeit leitet.
Szenenfoto aus "Demenz Depression und Revolution" von Fritz Kater, am Maxim Gorki Theater uraufgeführt von Katers Alter Ego Armin Petras, der das Gorki noch bis Ende dieser Spielzeit leitet.
Foto: Bettina Stöß

Eine Schmerzübung: „demenz, depression, revolution“ von Petras/Kater am Maxim Gorki Theater

Schmetterlinge sind die Sommergesichter verschwundener Toter. Sie sind aufgestiegen wie Farbenstaub vom warmen Körper Erde. So schöntraurig schreibt Fritz Kater, das Autoren-Ego von Armin Petras, über das Sterben. Man hört das leise Butterfliegenflattern von unzähligen Toten im Maxim-Gorki-Theater, wo der dreiteilige Abend „demenz, depression, revolution“ (Nein! Bitte nicht mit „DDR“ abkürzen!) uraufgeführt wird. Es ist die letzte große Premiere des Noch-Intendanten Petras und ein erster Schmetterlingsabschied mit Bodenhaftung: 142 Schmetterlingsarten zählt Thomas Lawinky mit heiserer, Hall-unterlegter Stimme an der Rampe auf. Alphabetisch geordnet, vom Abendpfauenauge über den Fetthennenbläuling und den Gelbwürfligen Dickkopffalter bis zum Zwergbläuling. Was der Mensch sich alles merken kann! Und was er also alles vergessen wird. „zuletzt versinkt die kindheit im dunkel dann ganz zum schluss der eigene name und mit ihm hunger und durst die maschine stellt sich selber aus“.

Zart-pathetische Klänge begleiten die Schmetterlingsparade (Musik: Miles Perkin). Vier Mitspieler und Mitinsassen in Flatterhemdchen legen zusammen und doch jeder für sich eine knickflügelschiefe Absprungs-, Aufstiegs- und Erlösungs-Choreographie hin. Abertausend gelbe Blütenblätter oder Schmetterlingsflügelfarbstaubpartikel werden ins Arrangement geblasen. Und mitten hinein in diesen melancholischen Konfettimoment stampfen die Bühnenarbeiter mit ihren quietschenden, klappernden Aluminiumleitern und beginnen schon mal mit dem Aufräumen.

Eher eine Materialsammlung als ein Stück

Katers Trilogie ist kein Stück im klassischen Sinn, sondern eher eine Materialsammlung zu „drei Mythen der Gegenwart“, wie es im Untertitel heißt. Schwarze Fakten und Zahlen stehen neben Erzählungen, Monologen, abgründigen Blödeleien, angerissenen Situationen und lyrischen Passagen, die ihrerseits auch mal schwarzfaktisch ausfallen: „die raupen der weidenspinner die selber nackt sind/ ahmen die blätter der weide nach/ die sie fressen“

Ebenso angerissen, sammelsurisch, stolper-ästhetisch ist Armin Petras’ Inszenierung. Ohne dramaturgisches Getue, ohne falsche Scham und ohne Furcht vor Pop, Ulk, Kitsch und Pathos wird auf Herzquetsch- und Seelenaufblüh-Bilder hingearbeitet, dargeboten teilweise in rührend-beknackten Kostümen (Patricia Talacko), mit albernen Brillen, sperrigen Wanst- und Arschpolstern und verrutschenden Perücken. Harmloser wird es dadurch nicht.

Wenn zum Beispiel die demente Mutter (Cristin König) abgeholt wird ins Altersheim und dabei immer hin- und herkippt zwischen Absolut-Nicht-Durchsehen und Vollends-Einsichtig-Sein, wie sie sich schließlich an all die Absprachen erinnert, oder so tut, als würde sie sich erinnern, weil der Sohn (Peter Kurth) und der Arzt (Michael Klammer) ihr auf die Nerven gehen, wie sie freundlich und vernünftig auf sie einreden und ihr auf die Beine und also aus den Augen helfen wollen. Es endet im brutalen Gezerre und bleibt doch Slapstick.

Wie war das damals?

Oder wenn Peter Kurth erzählt, dass sie ihm das Auto weggenommen haben wegen der jungen Frau, die ihm auf die Windschutzscheibe geklatscht ist, ohne dass er es groß gemerkt hat. Eine Frau mit Einkaufszüte, sagt er und sein Gesicht arbeitet. Mit was? Züte? Klingt lustig, aber was soll das sein? Wieso sage ich solche Sachen? Und dann trauert er kurz, weil ihm das Wort Tüte nicht einfällt. Und dann, fast im selben Moment, hat er das Problem schon wieder vergessen.

Oder wie eine Tochter (Cristin König) ihre fast gänzlich umnachtete Mutter (Michael Klammer) auf hochnotpeinliche Weise befragt. Wie kalt war das damals? Wie viele Russen haben dich da vergewaltigt? Drei oder vier? Und was war mit deinem Baby, dem Manni, der verhungert ist, und den du vom Treck geschmissen hast, meinen Bruder, den Manni? Hm? − „Manfred“ kommt endlich ein einziges Wort aus dem leeren Gesicht gesabbert, ein letzter Kontakt vor der Erlösung. Dann spielt Klammer, wie er unangebrachterweise lachen muss über seine unangebrachte Verstellerei. Und wir sind wieder im Theater.

Vielleicht hätte der erste Teil für einen Abend gereicht. Im zweiten Teil, „schwarzer Hund“, ist der Verlauf einer Depression am Beispiel eines Fußball-Torwarts (Michael Klammer) und seiner Frau (Aenne Schwarz) zu erleben und im dritten Teil „tagebuch eines revolutionärs/ versuch einer fälschung“ die Geschichte eines tschechischen Schriftstellers, der mitten im Prager Frühling an einer Schaffenskrise und Privatproblemen laboriert, statt auf die Straße zu gehen und sich erschießen zu lassen. Diese beiden Erzählungen haben es nicht weniger in sich als der erste Teil, aber die Bereitschaft und die Fähigkeit, unlösbaren Sorgen des Lebens ins Auge zu sehen, ist bereits ein wenig geschwächt. Andererseits nimmt das Leben ja auch keine Rücksicht auf irgendwelche Sorge-Kapazitäten.

Sensibilisierung für den Schmerz des Lebens

Dennoch gehören die drei Teile zusammen. Ja, man kann nur leben mit der Verdrängung, aber darf man sich damit einrichten? Ja, jeder Trost ist eine unhaltbare Illusion, aber es gibt nichts besseres, das zart genug wäre, um einem an die Seele zu wachsen. Und ja, wenn es wirklich um die Wurst geht, ist man allein, aber vorher gibt es vielleicht Gelegenheiten sich zu verabschieden. Dass Petras/Kater in der gelebten und gelittenen Seelenverwandtschaft zu Heinrich Kleist und Einar Schleef den Schmerz sucht, ihn ausprobiert, mit ihm arbeitet und spielt, wird den Schmerz nicht lindern. Aber vielleicht ist Sensibilisierung für den Schmerz des Lebens die beste Übung gegen die Angst vor dem Schmerz des Lebens. Vielleicht.

Noch ein bisschen verdrängt werden soll vorsichtshalber der Abschied von Armin Petras, der von Shermin Langhoff abgelöst wird und ab nächster Spielzeit das sehr viel größere Schauspiel Stuttgart übernimmt. Trösten wir uns damit, dass dieser Abschied vielleicht auch nicht für immer sein wird, denn es gibt ja auch noch andere, größere Theater in Berlin. Außerdem währt seine Intendanz ja noch ein halbes Jahr, in dem unter anderem Robert Borgmann „Macbeth“ und Jan Bosse „Die Gladow-Bande“ inszenieren wird. Im Frühling kommt Petras’ Dresdner Inszenierung von Brecht/Weills „Das Leben des Galilei“ ans Haus. Und zum Schluss, kurz vor dem fernen, fernen Sommer, gibt es ein spektakelhaftes einwöchiges Festival zum 17. Juni 1953. Bis dahin sei dem Publikum dringend angeraten dem Petras die Bude einzurennen.

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