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„Borgen“ als Theaterstück in Berlin: Schaubühne inszeniert TV-Erfolg „Borgen“

In der Schaubühnenversion spielen Sebastian Rudolph, Stephanie Eidt (als Birgitte Nyborg Christensen), Tilman Strauß und Regine Zimmermann (v.l.)

In der Schaubühnenversion spielen Sebastian Rudolph, Stephanie Eidt (als Birgitte Nyborg Christensen), Tilman Strauß und Regine Zimmermann (v.l.)

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Arno Declair

Die dänische Fernsehserie „Borgen“ erzählt die politische Karriere von Birgitte Nyborg Christensen, die es zur Ministerpräsidentin schafft, sich in den Seilschaften, Intrigen und Inszenierungen von Macht und Medien verfängt − und auch ihren Preis im Privatleben zu entrichten hat. Der Schaubühnen-Dramaturg und Professor an der Ernst-Busch-Schule Bernd Stegemann ist auf die Idee gekommen, die Fernsehserie für das Theater zu adaptieren und Nicolas Stemann mit der Inszenierung zu betrauen.

Herr Stegemann, „Borgen“ besteht aus drei Staffeln à zehn Folgen, das sind 30 Stunden Spielvorlage. Wie lang wird der Theaterabend?

Das wissen wir leider noch nicht. Wir werden uns wohl auf die ersten beiden Staffeln beschränken. Und bitte, keine Bange. Wir werden den Stoff ja nicht eins zu eins nachspielen, die Folgen werden deutlich kürzer erzählt.

Nachdem seit einigen Jahren immer mehr Film- und Romanadaptionen auf die Bühne drängen, kommen nun Fernsehserien dran?

Ob das eine Tendenz wird, weiß ich nicht. Wir sind jedenfalls mit die ersten, die das machen. Wir haben etwas für Nicolas Stemann gesucht, der seit einigen Jahren vor allem als Jelinek-Regisseur in Erscheinung tritt. Es sollte diesmal keine Textfläche sein, sondern etwas, das eine andere Begabung dieses Regisseurs zum Blühen bringen kann. Er ist ein großer Meister des Epischen. Und das große epische Format unserer Zeit ist natürlich die Fernsehserie.

Wieso episch? Ist die Serie nicht eher ein Drama als ein Roman?

Das epische Format in dieser Fernsehserie ist kaschiert. Die Schauspieler spielen Figuren innerhalb einer Illusion – Fernsehen kann ja nicht anders. Aber das Theater kann die epische Ebene dahinter sichtbar machen, indem es diese Illusion komplett aufbricht und reflektiert, was der Vorgang hinter dem gesprochenen Dialog ist. Also: Was sind die Machtverhältnisse, Gesetzmäßigkeiten und Regeln, in denen das Gespräch stattfindet. Wir befreien das epische Format der Fernsehserie von seinem Illusionsgewand, das es anlegen muss, damit es massenkompatibel ist.

Macht nicht die Serie inhaltlich Ähnliches, indem sie zeigt, dass alle Politik nur ein mit Illusionen behaftetes Machtspiel ist?

Deswegen bietet sich „Borgen“ an. Dort gibt es innerhalb der Narration diesen Spin-Doctor, eine Figur, die in jeder Folge versucht, eine Erzählung, einen Wendepunkt, also einen Spin zu erfinden, damit diese sympathische Frau, die an der Macht ist, auch weiterhin an der Macht bleiben kann. Wir erweitern dieses Spin-Doctor-Prinzip auf die ganze Inszenierung, indem wir versuchen herauszufinden, was, ganz nach Bertolt Brecht, die Vorgänge hinter den Vorgängen sind.

Haben Sie schon öfter mit Nicolas Stemann zusammengearbeitet?

Weiß Gott. Wir kennen uns seit über zwanzig Jahren und haben Dutzende Inszenierungen zusammen gemacht. Ich war schon bei seinem allerersten Szenenstudium sein Dramaturg.

Ist es nicht so, dass Stemann für Vieles steht, das Sie zuletzt in Ihrem Buch „Lob des Realismus“ kritisieren – die Ironie, die Ambivalenz, die Selbstreflexivität des postdramatischen Theaters.

Absolut! Gegenseitige Kritik gehört mindestens ebenso wie das gegenseitige Vertrauen zu einer konstruktiven Zusammenarbeit dazu. Der Dramaturg sollte immer auch Kritiker des Regisseurs sein, sonst macht er sich überflüssig.

Gibt es da keine Spannungen?

Nicht in dem Grundverständnis, dass wir kein formalistisches Theater, keine nur ästhetische Bebilderung einer Fernsehserie machen wollen. Das Theater kann und soll immer mehr zeigen, als die Vorlage beinhaltet, indem es sie reflektiert – ob nun bei Jelinek oder bei einer naturalistischen und kommerziellen Serie – darüber sind wir uns sehr einig.

Was ist denn der Unterschied zwischen dem TV-Realismus und dem Realismus im Theater?

Wir setzen im Theater das Was und das Wie des Gezeigten in ein Verhältnis. Und das Wie wird ja im Naturalismus des Fernsehens komplett ausgeblendet, da sind Erzählung und Erzähltes miteinander identisch. Je mehr wir uns bei den Proben in „Borgen“ vertiefen, desto mehr begreifen wir, dass die Machtspiele, die da gezeigt werden, eigentlich nicht kritisiert, sondern gefeiert werden.

Sie haben einmal von der „Lüge des Authentischen“ gesprochen und damit einen Dokumentartheater-Trend gemeint. Aber arbeitet nicht auch die Politik mit dieser Lüge?

Der Haupt-Spin für den Machterhalt von Birgitte Nyborg Christensen ist, dass man innerhalb der Entfremdung Momente inszeniert, in denen sie ganz sie selbst sein kann. Dann tritt sie als Mensch und nicht als Politikerin in Erscheinung. Diese Momente sind natürlich für das Stemann-Theater interessant, weil Stemann die Mittel, mit denen das Pseudo-Authentische inszeniert wird, auf der Bühne entlarven kann. Die Serie erzählt von diesen Mechanismen, und wir wollen versuchen, sie auf dem Theater ein wenig fragwürdiger erscheinen zu lassen.

Sind politische Inhalte einfach nicht mehr deutlich genug, um Leute dafür zu interessieren, so dass man Spins braucht?

Das Argumentative hat deutlich ab-, und das Persönliche zugenommen. Das hat viel mit den Medien zu tun, mit der Sehnsucht nach vereinfachten Lösungen in komplexen Zusammenhängen. Man will gar nicht mehr die Gedanken des Politikers verstehen, sondern einfach nur glauben, dass er es schon richten wird. Nur Letzteres muss er also rüberbringen, was auch immer er spricht.

Wären Ihnen klare Klassenstandpunkte im politischen Tagesgeschäft lieber?

Schwierige Vokabel, aber ich finde durchaus, dass man sich in eine Position bringen muss, aus der heraus man dieses demokratische, ausgehöhlte Machtverabredungsspiel, das die Serie zeigt, kritisieren kann. Demokratie ohne erkennbare Standpunkte ist nichts als ein Machtspiel.

Was wollen Sie erreichen?

Dass man weniger darauf reinfällt, wie Politiker wirken, wie sie sich überzeugend inszenieren, als dass man prüft, was sie tun.

Wissen denn die Politiker selbst, was sie tun und wollen? Ist es nicht möglich, dass nicht nur ihre Wähler, sondern auch sie selbst ihren Inszenierungen aufsitzen?

Ich glaube, niemandem ist von vornherein klar, was er will. Politik ist auch ein Spiel von Trial and Error. Das betreibt die zu Beginn noch ziemlich naive Birgitte Nyborg Christensen auch. Das wäre dann noch eine höhere Stufe des reinen, also inhaltslosen Machttheaters: Ich suche als Politiker nach Inszenierungsmechanismen, die mich handlungsmächtig wirken lassen. Es scheint oft so, als würde etwas, das man selber noch nicht versteht, nur darum gewollt, weil es einem erst einmal die Position sichert. Vermutlich ist das die derzeitige demokratische Praxis: eher ein Rauschen der Gefühle und Inszenierungen, die die eigentlichen Interessen verbergen.

Das Gespräch führte Ulrich Seidler.

Borgen. 14. 2. (Premiere), 15.–17. 2., 6.–8. 3., 19.30Uhr, Schaubühne,

Karten unter Tel.: 890023