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"Das schwarze Wasser" in der Neuköllner Oper: Über Migration und soziale Ungleichheit

Die beiden bleiben kein Paar: Frank (Robert Elibay-Hartog) wird Minister und Leyla (Marielou Jacquard) Kassiererin.

Die beiden bleiben kein Paar: Frank (Robert Elibay-Hartog) wird Minister und Leyla (Marielou Jacquard) Kassiererin.

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imago/DRAMA-Berlin.de

Ob das so gut ankommt hier in Neukölln, wenn Musikhochschulabsolventen sich erkennbar bemüht in Mitglieder einer Halbstarken-Clique verwandeln und so breitbeinig wie -schultrig Raum beanspruchen gegen ihre Rivalen: „Seid ihr bescheuert, wir waren zuerst da“? Nicht weniger possierlich auch, wenn später Leyla, ein Mädchen mit türkischer Abstammung, den Anwesenden erklärt, dass ihre Eltern zu Hause starken Schwarztee trinken. Und zwar aus Gläsern. Außer den fünf anderen Figuren des Stücks müssten das hier in der Neuköllner Oper eigentlich alle wissen.

Grenzgedanken

Dem steht wiederum Gewagtes gegenüber, das auch Unbehagen bereiten kann. Wenn in einer Szene gegen Ende des Abends Leyla (Marielou Jacquard) ihren deutschen Freund Frank (mit schönem Bariton: Robert Elibay-Hartog) zu Hause vorstellt, dann sitzen ihm zwei Eltern-Figuren gegenüber, die in vollendeter Trotteligkeit dargestellt sind. Die Frau gespielt von einem Mann, dick umwunden von einem Kopftuch, fortwährend dümmlich kichernd, immer teeschlürfend. Auch die Eltern des deutschen Freundes sind hier Karikaturen. Aber irgendwie denkt man sich, dass es doch den Türken und Türkischstämmigen selbst vorbehalten sein sollte, sich über sich lustig zu machen. Oder werden genau mit diesem Gedanken wieder Grenzen gezogen, die es eigentlich nicht mehr geben muss nach so langer Zeit des Zusammenlebens?

Dass ein Stück über Migration und soziale Ungleichheit nach wie vor keine einfache Sache ist, das zeigte die Uraufführung des Musiktheaters „Das schwarze Wasser“ recht deutlich. Ebenso deutlich wurde am Donnerstagabend, dass zum Thema schon vieles, eigentlich alles gesagt ist. Zwei Gruppen stehen sich in diesem Stück nach einer Vorlage von Roland Schimmelpfennig gegenüber, die eine deutsch-deutsch, die andere deutsch-türkisch. In ständigem Wechsel bewegt sich die Handlung über eine Distanz von 20 Jahren hin und her, zwischen Schulzeit und Berufsleben, wobei sich herausstellt, dass die Deutschen Rechtsanwälte, Schulleiter und Politiker geworden sind, die Deutsch-Türken hingegen Kassierer, Dönerverkäufer, Arzthelfer.

Wenn sich die Personen des Stücks nach all den Jahren wieder begegnen, ergeben sich Spannungen, von denen das Stück leidlich lebt: Frank, kurz vor der Vereidigung als Minister, trifft im romantisch strömenden Regen die jetzige Kassiererin Leyla, mit der er früher ebenso romantische Mondnächte im Freien verbracht hat. Karim (Magnús Hallur Jónsson) wiederum sitzt nun plötzlich Cynthia (Hrund Ósk Árnadóttir) in der Elternsprechstunde gegenüber. Er ist Dönerverkäufer, sie Schulleiterin mit dicker Brille auf der Nase. Bildungs- und Chancenungleichheit in schönster Drastik.

Dass mit solchem Schwarz-Weiß nicht allzu viel zu holen ist, hat Regisseur Michael Höppner klug erkannt und flugs eine weitere Ebene hinzufügt. Die Sängerschauspieler stellen zusätzlich auch noch Journalisten dar, die für eine Zeitung namens „Zeitung“ die Story eben jener Cliquen recherchieren. Drei Rollen pro Darsteller. Das ist natürlich ein bisschen viel, weshalb man am Anfang nicht allzu viel versteht, immerhin aber erkennt, dass der Abend in einem großen Redaktionsraum spielt. Ein sechseckiges Tischungetüm in der Mitte nebst darüber schwebenden Flatscreens weisen ihn als solchen aus. Dass die „Zeitung“ drei Tage vor Franks Vereidigung als Minister berichten kann, dass er Vater eines unehelichen Kindes ist – von Leyla nämlich –, mag ein weiterer Dreh der Handlung sein. Als unmittelbar mit der Migrations-Thematik verbunden erweist er sich aber nicht. Denn: Wäre diese Nachricht wirklich die große, karrieregefährdende Sensationen, als die sie hier dargestellt wird?

Einfallsreichtum

Mithin bleibt der Eindruck realitätsfremd gemütlich werkelnder Journalisten, deren Treiben allerdings – wie sämtliches Treiben an diesem Abend – stark und unterhaltsam auf die Bühne gebracht wird. Die sechs Personen des Stücks werden von Höppner immer wieder gewitzt gruppiert, die ständigen Rollen und Zeitwechsel klappen wie am Schnürchen. Mag nach dem ersten Teil inhaltlich schon alles gesagt sein, der einfallsreichen Arbeit des Regisseurs und den schauspielerisch starken Auftritten der Sängerdarsteller schaut man gern weiter zu.

Dezent fügt sich Vivan und Ketan Bhattis Musik ein. Duftige Atmosphäre – hervorgebracht von Vibraphon, Streichern und schnurrender Bassklarinette – überwiegt dabei die solistischen Gesangsauftritte der Darsteller. Eine oft nachlauschende Musik, die dem Hörer aber auch zuzuflüstern scheint: „Das schwarze Wasser“ ist kein politisches Stück, sondern eines der melancholischen Sehnsucht nach Jugendzeiten, ein Stück der träumenden Nostalgie!