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„Macbeth“ im Deutschen Theater: Einbildungskraftsport

Kaum gekrönt, schon wieder unzufrieden: Eheleute Macbeth (Ulrich Matthes und Maren Eggert).

Kaum gekrönt, schon wieder unzufrieden: Eheleute Macbeth (Ulrich Matthes und Maren Eggert).

Foto:

Arno Declair

Berlin -

Da treten mit Lars Eidigner und Ulrich Matthes die (einer verbreiteten Meinung nach) beiden weltbesten deutschen Hauptstadttheaterschauspieler in kurz nacheinander herausgebrachten Inszenierungen der finstersten Shakespeare-Tragödien gegeneinander an: der erste als Richard III. in der Schaubühne (Regie: Thomas Ostermeier) und der zweite als Macbeth im Deutschen Theater (Regie: Tilmann Köhler). Und es gewinnt − Trommelwirbel − die vom DT dazwischen geschobene Shakespeare-Komödie „Was ihr wollt“, die ganz ohne Titelrolle auskommt und von Stefan Pucher so bildmächtig wie leicht, so anrührend wie intelligent in Szene gesetzt und von einem durchküssenswerten Ensemble gespielt wurde. Ausgerechnet dieser Komödienabend ist der dringendste, herzzerreißendste, am wenigsten harmlose. Wobei sich auch die beiden Tragödieninszenierungen durch regielichen Mut bei literarischer Verbindlichkeit auszeichnen. Vielleicht sind uns die narzisstischen Narren einfach näher als die narzisstischen Schlächter?

Vielleicht ist aber auch die herausgestellte Hauptstadtschauspielerkunst ein bisschen das Problem. Was die aber auch können! Mit so hellem, gewinnendem, schlechtigkeitsbegeistertem Blick ins Publikum lächeln wie Eidinger. Aber auch Matthes! Schon vielfach gerühmt wurden seine Augen, die er brechen und brennen lassen kann, die Purzelbäume des Entsetzens schlagen und unter den Gedanken durchkugeln. Muss man gesehen haben.

Aber diesmal dies: Nachdem die Hexen Macbeth den Floh ins Ohr gesetzt haben, König von Schottland werden zu müssen, schreckt er erst einmal vor der Versuchung zurück, dem Schicksal tat- und mordfreudig nachzuhelfen: „Warum befängt mich die Versuchung?/ Deren entsetzlich Bild aufsträubt mein Haar,/ so dass mein festes Herz ganz unnatürlich/ An meine Rippen schlägt. Erlebte Gräuel/ Sind schwächer als das Graun der Einbildung.“ Und da stellen sich tatsächlich die Nackenhaare des Schauspielers auf, und man kann ganz deutlich sehen, wie ihm das Herz im Brustkorb herumpoltert! Und wenn er uns im Parkett vielleicht meisterlicherweise auch nur dazu bringt, dass wir uns das einbilden − umso gräulicher!

Muckibudenhaftes Geschiebe, Gestöhne, Geschleppe, Gestoß

Matthes hat eine ganze Reihe solcher Schauspielkunstoffenbarungsmonologe zu bewältigen, er tut dies mit hochlöblich durchgestufter Deklamationskunst, die mehr als einmal ins Brüllen hinüberlappt und ihn gar die Hände vor die nackte Brust schlagen lässt, bis diese errötet. Das ist schon ganz schön dicke. Auch Maren Eggert als riesige königsblau gewandete Lady Macbeth flippt mit ihren Wahnsinnslachschreien ein bisschen sehr wirkungsvoll aus.

Aber vielleicht macht auch die Bühne von Karoly Risz alles so überdimensioniert. Es handelt sich (mal wieder) um einen leeren Holzschacht, der sich hinten zu einem kleinen quadratischen bildschirmgroßen Fenster verengt. Da verschieben sich die Größenverhältnisse, und durch den Schalltrichter dröhnt und donnert es leicht − eine Wirkung, die der Regisseur arg strapaziert.

Die volle Breitseite der spielerischen Druckaufbauerei und Dampfablasserei bekommt man jedoch von dem fünfköpfigen Hexenknäuel verpasst, das sich zu Beginn des Abends durch besagte Öffnung in den Raum quetscht. Fünf fast nackte Mannsbilder in hautfarbenen Schlüpfern kleben und klatschen zusammen. Sie verzapfen ein muckibudenhaftes Geschiebe, Gestöhne, Geschleppe, Gestoße, Gestampfe und Gerülpse. Diese extraheftig tuenden Mannhexen (wir sehen die feinnervigen differenzierungsfähigen Spieler durchschimmern) drücken sich nach Bedarf die anderen handelnden Figuren auf, sind aus dem Knäuel heraus König, Prinz, Than, Mörder, Arzt und Suffkopfpförtner. Alles nur niederer, platter, geiler Gaukelzauber, der mit viel Anlauf jegliche Fantasie niederwalzt.

Und die ist doch in dem Stück eigentlich der Feind des Menschen. Seine hexenentzündete Einbildungskraft übernimmt die Herrschaft über Macbeth, der doch einem Wort der Gattin nach „zu voll von Milch der Menschenliebe“ ist. Seine Fantasie, die bald auch die Farbe der Angst annimmt, bläst das Gewissen weg und setzt sich ins Fleisch der Wirklichkeit. Sie ist es, die ihn immer hemmungsloser morden lässt. Zuerst auf dilettantische Weise seinen König, Vetter und Gast Duncan, dann mit Hilfe von Auftragsmördern seinen Freund Banquo und dessen Sohn und schließlich geradezu mit Appetit die Familie des übergelaufenen Macduff samt Kindern und Dienern. Das ist für alle Beteiligten, auch für den Zuschauer, sehr viel freudlose Arbeit.

Nächste Vorstellungen: 25., 28. März, 7., April (19.30 Uhr), 16., 24. April (20 Uhr) im Deutschen Theater

Karten unter Telefon: 030-28441225