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„Schwarz gemacht“ English Theatre Berlin: Schrei aus Papier

Ernest Allan Hausmann als Klaus

Ernest Allan Hausmann als Klaus

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Adi Levy

Mutter hat den Rat fürs Leben, Mutter weiß, wie sich ihr Kleiner benehmen muss: besonders höflich, besonders zivilisiert. Als Stimme spukt sie im Kopf des Sohns: „Du hast nicht nur eine Herkunft. Du hast zwei, eine gute und eine schlechte.“ Das soll heißen: Du bist zur Hälfte deutsch (mütterlicherseits), zur Hälfte afrikanisch (Vater unbekannt). „Du musst lernen, in der Menge zu verschwinden. Du musst unsichtbar werden.“

Wir schreiben das Jahr 1938 in Deutschland. Mutters Benimmregeln haben leidlich gefruchtet. Klaus ist ein braver Landsmann geworden, mit gängigen nationalistischen Ressentiments gegen den Rest der Welt. Als schwarzer Nebendarsteller tritt er in Filmen auf und soll an die deutschen Ansprüche auf Kolonialbesitz gemahnen. Er lebt in einer Pension bei der regimekritischen Ex-Schauspielerin Ruth (als „Diener“, wie es nach außen dargestellt wird) und studiert täglich in Zeitungen, ob er nach den Rassengesetzen der Nazis weiterhin als Deutscher gilt.

Es ist ein packender Stoff, den das English Theatre an diesem Abend aufgreift. Eine hochinformative Ausstellung im Foyer schildert das Leben der Afrodeutschen in den 1920er und 30er Jahren, stellt Pro-tagonisten wie den Schauspieler Louis Brody vor. Doch leider legt sich dieses Recherchegut wie eine Last auf das Stück „Schwarz gemacht“, das der afroamerikanische Autor Alexander Thomas aus dem Wissen geformt hat.

Mit spröder Didaktik debattieren Ruth (Kerstin Schweers) und der arbeitslose Filmemacher Walter (Marco Klammer) mit dem Helden Klaus (Ernest Allan Hausmann). Durch die deutschstämmige amerikanische Cousine Ruths, Lisa (Miriam Anna Schroetter), kommen US-Diskriminierungskontexte ins Spiel. Wobei „ins Spiel“ zu viel gesagt ist. Regisseur Daniel Brunet (der zuletzt noch mit dem lockeren Rechercheabend „Echter Berliner!!!!“ punktete) lässt seine Akteure an vier Ecken einer verwinkelten Bühne in Lichtkegeln erstarren, während sie auf Englisch und Deutsch ihre Thesen herumreichen.

Dass weit mehr Raffinesse möglich gewesen wäre, zeigt Brunet in einem selbstgemachten Film-Ein-spieler, in dem mit „Die Rache des Dieners“ das Stummfilmkino der Weimarer Republik persifliert wird. Aber die prononcierte Kinosprache befeuert die Bühne nicht. Trotz Live-Klavierbegleitung.

Etwas unverkrampfter in der Spielhaltung wird es zumindest, wenn Klaus im Untergrund-Jazzclub auf den illegal nach Europa ausgewanderten Afroamerikaner Maurice (Sadiq Bey) trifft. Der bohrt mit Seelenruhe und einem lässigen „My Man!“ auf den Lippen regelmäßig in den Ungereimtheiten der Assimilationswut des Helden. „Ich bin ... Ich bin ... schwarz. Ja, ich bin schwarz, und ich bin auch Deutscher“, wird Klaus am Schluss unsicher verkünden, als ein „Reichsschreiben“ ihm mitteilt, dass „schwarze Deutsche nicht existieren“. Aber sein Schrei wächst nicht zur Geste, wird nicht markerschütternd. Eher raschelt er wie Papier.

Schwarz gemacht 28. Februar 2014, 1., 5.-8., 12.-15. März 2014, 20 Uhr, English Theatre Berlin, Tel.: 6911211



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