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Anne Tismer im Theater Thikwa: Bestrickender Charme der Bourgeoisie

Anne Tismer im selbst gebastelten Gewirr ihrer Buñuel-Nachspielung

Anne Tismer im selbst gebastelten Gewirr ihrer Buñuel-Nachspielung

Foto:

bildbuehne.de/David Baltzer

Man sollte sich Luis Buñuels Film „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ alle paar Jahre ansehen. Selten fallen Analyse, Komik und Kritik an einer Gesellschaft so glücklich zusammen wie in dem Klassiker von 1972. Oft wird er „surrealistisch“ genannt, weil vieles darin verschachtelte Traumerzählung ist. Tatsächlich aber spielt sich alles so realistisch ab, so wenig traumsprachlich verschlüsselt, dass man die charmant verpackte Brutalität darin leicht als eigentliche Realität begreifen kann. Sieben Herrschaften wollen sich zum Diner treffen − der Botschafter von Miranda, zwei distinguierte Ehepaare, ein Bischof und ein Colonel − doch immer wieder hindert sie irgendetwas daran: Der Restaurantchef ist tot, ein Militärmanöver beginnt im Garten, oder die Polizei stürmt die Runde, da sie ihre Vornehmheit mit Drogenhandel finanziert. All diese Störungen also klappen herrlich lakonisch die perfekten Manieren der diskreten Bourgeoisie in pure Hohlphrasen und Machtmechanismen um. Ihr größter Albtraum folglich: ertappt zu werden als bloße Platzhalter in ihrer Statuswelt.

Ein gefundener Stoff für die Aktionskünstlerin Anne Tismer, die bis vor zehn Jahren selbst noch Schaubühnenstar und Diva des bürgerlichen Fassadentheaters war − ihr Ausstieg ist bis heute eine der erstaunlichsten Kehrtwendungen im kulturelitären Betrieb. Nun also keine Designermöbel mehr − selbstgebastelt und -gestrickt sind die Utensilien ihrer rätselhaft versponnenen Dada-Performances. So auch im Theater Thikwa, wo Tismer zusammen mit zehn der zumeist geistig behinderten Spielern eine Bastelstunde besonderer Art aus Buñuels Film macht. Der Bühnenraum ist in eine fantastische Wohn-Werkstatt verwandelt: Wolken oder Planeten aus Maschendraht verknüpft mit Stricklappen hängen von der Decke, ein Pappauto steht für die Buñuel-Clique bereit, und unzählige bizarre Gegenstände füllen den Raum: Geschirr, Flaschen, Gläser, Woll-Gewehre, die im Einsatz ihre Läufe grotesk hängen lassen.

Für „Der diskrete Schwarm der Bourgeoisie“ haben sich Tismer und Kollegen in bunte, afrikanische Festkleider geschmissen und versuchen sehr ernsthaft, die wichtigsten Filmszenen nachzuspielen. Natürlich ist es ein Nachspiel höherer Ordnung, denn hier wird nicht in, sondern mit den Rollen gespielt, wobei jeder Spieler seine ganz eigene Heftigkeit, Schüchternheit oder Lässigkeit seiner Figur mitgibt.

Und gerade dieses bemüht kontrollierte, zugleich unkontrollierbare Nachstellen dreht den Film noch einen Tick weiter: Die diskrete Verballhornung der Buñuel-Figuren und ihrer so wichtigen Contenance lässt uns noch ein bischen klarer und vergnügter in diese bunte, groteske, detailverliebte Strick-Werkstatt schauen − wie auf einen karnevalesken Seziertisch. Auf diesem Tisch liegen die verbiesterten Details der bürgerlichen Hochkultur als bunte Wollplüschspielzeuge vor uns. Und plötzlich versteht man, wie sehr die überformte, tote Darstellungskunst den befreienden Zugriff durch dieses naive, spielerische, lebendige Menschen(hand)werk nötig hat.

Vorstellungen bis 1. Februar 2014., jeweils 20 Uhr im Theater Thikwa, Tel.: 69505-0922



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