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Berliner Ensemble: Hoffnungsschrei nach dem Terror von Paris

Jean Bellorini sieht in „Der Selbstmörder“ ein Stück über die Lust am Leben.

Jean Bellorini sieht in „Der Selbstmörder“ ein Stück über die Lust am Leben.

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benedicte deramaux

Der 34-jährige französische Regisseur Jean Bellorini probt derzeit am Berliner Ensemble Nikolai Erdmans „Selbstmörder“. Es geht in der satirischen Komödie aus der frühen Stalin-Zeit um den lebensmüden Semjon, der sich erschießen will und plötzlich von Leuten umschwärmt wird, die Verwendung für seinen Tod hätten. Wenn schon sterben, versuchen sie ihm einzuflüstern, dann für einen höheren Zweck! Vor dem Hintergrund, dass Bellorini ein Theater in der Pariser Banlieue leitet, wo im November die Selbstmordattentäter wüteten, bekommt das Stück einen schmerzlichen Bezug zur Gegenwart.

Herr Bellorini, Sie inszenieren derzeit am Berliner Ensemble Nikolai Erdmans „Der Selbstmörder“, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Ängstlich sind Sie nicht gerade, oder?

Doch, extrem sogar! Aber wenn die Arbeit dann losgeht, ist die Angst weg. Das war hier genauso. Die Regiearbeit ist natürlich anders, wenn man die Sprache nicht spricht. Ich habe Übersetzer, trotzdem hat es etwas Lautmalerisches, Tänzerisches. Aber auch in Frankreich sage ich: Ich bin Dirigent. Ich kümmere mich zunächst gar nicht so sehr um den Sinn eines Stücks, sondern um Musikalität, um Tempi. Erdmans Sprache hat ja eine sehr poetische, musikalische Qualität. Oft verstehe ich in den Proben, ob etwas richtig ist oder nicht, auch ohne die Worte zu verstehen.

Was bedeutet es Ihnen, am Theater Brechts zu arbeiten? Wenn Sie Ihre künstlerischen Referenzpunkte nennen, ist er nie dabei.

Stimmt, da nenne ich dann eher Ariane Mnouchkine und vor allem Peter Brook. Gleichzeitig ist das, wofür Brecht steht, die Verfremdung, heute omnipräsent. Auch in meinem Theater. Die direkte Ansprache ans Publikum, die Erzählhaltung, das ist mir nah. Auch die Musik, der Gesang, das ist ganz intuitiv Teil meines Theaters. Die andere Seite Brechts, das Didaktische, Politisch-Aufklärerische, ist nicht meins.

Wer ist Erdmans Selbstmörder für Sie heute, 2016?

Natürlich ist dieses Gepäck der Pariser Anschläge von 2015 da. Aber für mich ist „Der Selbstmörder“ mehr als alles andere ein Stück über das Leben, über die Lust am Leben. Da sagt dieser Semjon, dass er sich umbringen will, aber er tut es nicht – sogar dann nicht, als seine Umwelt ihn mit Erklärungsangeboten für den Selbstmord überschüttet. Es geht nicht um einen Kamikaze-Dschihadisten, der sich vor allen anderen in die Luft sprengt. Semjon ist das Gegenteil. Er will leben. In Hinblick auf 2015 ist das Stück also eher ein Hoffnungsschrei als der Spiegel einer Welt, der alle Werte verloren gegangen sind.

Seit 2014 leiten Sie das Théâtre Gerard Philipe in Saint-Denis, einer sozial sehr durchmischten Banlieues nördlich von Paris. Was ist Ihr künstlerisches Credo?

Es gibt das Theater, damit man sich lebendiger fühlt. Für mich ist dies das Ziel. Gerade in Bezug auf die jungen Leute. Die Schulbildung leistet in Frankreich nur einen kleinen Teil der nötigen Arbeit. Lehrer unterrichten heutzutage nur, sie bringen den Menschen in der Schule nicht bei, wie man zum Autor seiner Zukunft wird. Ich glaube, dass die Kunst, vielleicht vor allem das Theater, hier komplementär sein kann. Es verleiht einem die Möglichkeit einer Autorität über sich selbst, im besten Wortsinn.

Sie sagen von sich, dass Sie Volkstheater machen. Wie macht denn ein Theatermacher aus bürgerlichem Pariser Milieu Volkstheater für die Banlieue Saint-Denis?

Man sollte nicht sagen: Ich mache ein Theater für die oder die. Sondern: Ich mache ein Theater für alle. Populäres Theater kann Leute aus verschiedenen Orten zusammenbringen, die im Saal dann nebeneinander sitzen. Jeder erlebt ein anderes Stück, aber man erlebt es gemeinsam. Meine Obsession ist es, zu erreichen, dass ein weißer 60-jähriger Anwalt und ein schwarzer Vierzehnjähriger, dessen Vater Flüchtling ist, genauso viel empfinden. Nicht das Gleiche, aber genauso viel. Das ist das einzige verbindende Element in unserem zusammengestückelten Programm in Saint-Denis: Man kann immer einen Zugang finden.

Am 18. November, fünf Tage nach den Attentaten, kamen im Rahmen einer Polizeiaktion in Saint-Denis, keine 500 Meter vom Theater entfernt, drei Terroristen ums Leben.

Der 18. November war für uns in Saint-Denis schlimmer als der 13., der Tag des Attentats im Club Bataclan. Ein wirklicher Schock. Aber abends haben wir gespielt! Eine Molière-Komödie und Dieudonné Niangounas „M’appelle Mohamed Ali“, wie geplant. Es waren 145 Leute da, in einem Saal für 400. Immerhin. Für mich war es eine Frage der Ehre, abends zu spielen.

Und nach dem Ereignissen vom 13. und 18. November blieben Ihnen nicht die Leute weg?

Im Gegenteil! Natürlich fielen die ganzen Schulklassen weg, die aufgrund des Terrorschutzprogramms nicht kommen durften. Normalerweise möchte ich immer mindestens 90 junge Leute im großen Saal. Aber es gab einen unglaublichen Elan hier. Eine Großzügigkeit. Natürlich gibt es hier mehr Dschihadisten als in den schickeren Vierteln von Paris. Aber es gibt auch das Beste hier, so viel Leben, so viel Bewegung.

Hat das Jahr 2015 Ihre Art über Theater zu denken verändert?

In jedem Fall. Ich denke, dass sich sogar die Ästhetik insgesamt gerade ändert. Wir sind am Ende der postmodernen Suche angekommen. Am Ende der Suche nach Neuheiten, nach neuen Formen. Heute wissen wir, wir brauchen Sinn. Wir brauchen Erzählungen. Seit den Griechen ist das so. Das kann neben den bildenden Künstlern stehen, neben den Performern. Der Sinn jedenfalls, die Suche danach, ist seit den Attentaten auf „Charlie“ wieder da. „Theater“, das hatte ja inzwischen den Geschmack von etwas Altmodischem bekommen. Jetzt erinnert man sich: Die Hauptsache sind Geschichten. Geschichten mit dem Menschen im Mittelpunkt.

Das Gespräch führte Lena Schneider.