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Claus Peymann: Mein Theater! Meine Welt!

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Claus Peymann (l.) und Peter Handke verbindet eine arbeitslebenlange Künstlerbeziehung in aller Ein- und Zwietracht

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dpa

Claus Peymann inszeniert Peter Handke. Am Wiener Burgtheater. Er bringt das Schauspiel „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ zur Uraufführung, vergangenes Jahr als Buch erschienen, 177 Seiten lang, jetzt endlich auf der Bühne, mit 13 Schauspielern.

Für die Jüngeren unter uns: Das ist das Theaterereignis des Jahres. Claus Peymann hat insgesamt zehn Handke-Stücke uraufgeführt, „Publikumsbeschimpfung“ am Frankfurter Theater am Turm war das erste, vor fünfzig Jahren. Vier Peymann-Handke-Erstinszenierungen gab es allein an der Wiener Burg, die letzte allerdings im fernen Juni 1999, „Die Fahrt im Einbaum oder das Stück zum Film zum Krieg“. Da war Peymann noch Burgtheaterdirektor und der meist gehasste und meist geliebte Theatermann auf Erden.

Österreich, ein Irrenhaus!

Peymann an der Burg – was waren das für Zeiten. Man glaubt’s heute kaum. Peymann holte die jungen Wilden auf die Bühne. Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek, Peter Handke. Und was gab es für ein Theater dauernd. Misthaufen wurden vor die Burgtür gekippt, als Peymann Bernhards böses Stück „Heldenplatz“ urinszenierte.

Oder wie der Kollege Hans Weigel 1998 bei der Verleihung des „österreichischen Staatspreises für die Verdienste um die österreichische Kultur im Ausland“ über Peymann schimpfte: „Wir haben die Jahre des Dritten Reichs überlebt, wir werden auch das überleben.“ Meine Güte. Ein „Irrenhaus“ schimpft Peymann einst Österreich, offenbar zu recht, „wenn Sie wüssten, was für eine Scheiße ich hier erlebe“, flötete er einem Journalisten in den Block. So ging das zu seinerzeit. Es ließe sich Stunden davon erzählen, sie reden in Wien ja auch noch dauernd vom Peymann. Sie haben ihn angehimmelt und verdammt damals, immer zugleich.

Dann ging er vor 16 Jahren fort, der Peymann, ans Berliner Ensemble. Das hat er ihnen übelgenommen, den Wienern, dass sie ihn ziehen ließen in diese graue Stadt Berlin, die mit den Theatern und ihren Direktoren schlimm leidenschaftslos und achselzuckend, wenn nicht gehässig umspringt. Seitdem sucht Peymann in Berlin sein Wien und findet’s nicht. Er hat die Burg auch gehasst und geliebt zugleich immerfort. 13 Jahre ließen sie ihn schmählich warten, bis sie ihn 2012 endlich zum Burgtheaterehrenmitglied gemacht haben. Aber er hat sich gern ehren lassen, das dann doch. Und jetzt darf er sogar wieder inszenieren dort. Wieder Handke. Wieder Uraufführung.

Man sollte dabei nicht vergessen, dass das Handke-Stück durch und durch eigen ist, sonderbar, jenseits aller Moden. Wo gibt es sonst eine Figur, die uns wissen lässt, dass sie „manchmal Arschficker“ sagt, „allein um des Klangs willen“. Wer sonst lässt ein „Ich im Wechsel zwischen Ich, der Erzähler und Ich, der Dramatische“ auftreten, lässt das literarische Personal über eine Landstraße streifen, als schwebten sie durch tausend Himmel und Höllen. Man kann vor diesem Stück Handke-Literatur nur weglaufen oder es lieben.

Ich lief erst weg vor lauter einsiedlerischem Selbstentrückungstheatergehabe, das mir vorkam, als ersticke es an seinem hochtönenden, klimpernden Bedeutungswillen, als suche einer einen gemütlichen Abseitsplatz an der Landstraße, von dem er gleich zu Beginn ruft „Hier bin ich Menschenkind, hier kann ich’s sein“. Oh weh. Dann aber begann ich die sonderbare Komik zu lieben, mit der die Figuren immerfort aneinander vorbei stolpern, sich selbst in den Rücken fallen und sich nie so ernst nehmen wie sie vorgeben. Auf Shakespeares „Sturm“ wird oft angespielt, auf das Komische, Absurde, Abwegige. Peter Handke hat eine Welttheaterkomödie geschrieben. Ein gewagtes, verrücktes Drama, ein „Landstraßenstück“, wie er sagt, und es sind die aberwitzigsten Länder, durch die es führt. Handlung hat es im herkömmlichen Sinne keine, Figuren oder Konflikte auch nicht.

Das also darf Claus Peymann inszenieren. Ob dieser Peymann, 78 Jahre jung, nach wie vor für eine Überraschung gut sei, wurde Handke, 73 Jahre, nun gefragt. Antwort: „Ich hoffe! Ihr Wort in Gottes Ohr! Inschallah!“ Und dann hat er noch gesagt, er träume davon, dass seine Stücke „dieser oder jener junge Regisseur in die Hand nimmt, in die Luft wirft und schaut, was für Figuren im Raum entstehen“. So ein Junger wie Peymann damals an der Burg war vielleicht, früher, damals.

Ewige Jugend vor!

Sie haben schon immer kleine Giftpfeile hin und her geschickt. Peymann hielt ihm 1988 vor, Handke sei „auf geradezu rührende Weise reaktionär“, da könne er nicht mehr folgen. Dann hat er ihn wieder in den siebten Himmel gelobt, auch verdächtig. Handke seinerseits hat Peymann den „furchtbar provozierenden“ genannt, den „streitgeisterweckenden“, den „Boxer“, und das keineswegs nur nett gemeint.

Aber jetzt sind sie wieder beisammen, ein schönes altes Paar mit junger Theaterlust beide. „Der Weg hier ist mein Recht“, heißt es in Handkes Stück. Das war „meine Königsetappe“, sagt Peymann über seine Burgdirektorenzeit. Mein Theater, meine Welt! Ich, ich, ich! Sie rufen’s seit einem halben Jahrhundert im Chor. Vielleicht wird es gar wieder eine große Uraufführung. Wir wünschen gutes Gelingen.