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Durchsichtig für Schmerz und Scham

Nellie und Anna Thalbach sind auch im echten Leben Tochter und Mutter. Großmutter Katharina Thalbach hat inszeniert

Nellie und Anna Thalbach sind auch im echten Leben Tochter und Mutter. Großmutter Katharina Thalbach hat inszeniert

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imago/Stefan Zeitz

Es klingt gar nicht nach dem üblichen Wohlfühl- und Schmuse-Sound der Komödie am Kurfürstendamm, was da aus der Seitenloge ganz vorne an der Bühne dringt: Hartes Schlagzeug, schnelle Rhythmen, wilde Energie. Der Drummer Emanuel Hauptmann drischt ordentlich auf seine Instrumente und sorgt mit einer Mischung aus Jazz und Zirkustönen für einen munteren Beat. Dieser scheint dem Mann mit Bärtchen, Strickmütze und Zigarette, der von der Bühne her angetan lauscht, während er cool ins Publikum blickt, den Puls zu beschleunigen. Zuerst zeigt er ein paar Zaubertricks mit Tüchern und Karten und schließlich sagt er, er würde jetzt die Zeit zurückdrehen.

In enger Zwiesprache mit dem Trommler, der mal lauter oder leiser, schneller oder sanfter wird, führt uns Tom zurück in seine Vergangenheit, als er mit Mutter und Schwester in prekären Verhältnissen im St. Louis der 1930er-Jahre lebte. Alle drei, findet er, waren ausgeschlossen von der Realität, oder, genauer gesagt, sie schlossen sich selbst von ihr aus. Als er die häusliche Weltflucht und Wirklichkeitsverweigerung nicht länger ertrug, ging er weg und kehrte höchstens in Gedanken zurück.

Um diese merkwürdige Familie mit ihren Träumen und Tragödien kreist Tennessee Williams’ Stück „Die Glasmenagerie“, das 1944 dessen künstlerischen Durchbruch bedeutete. In der Komödie am Kurfürstendamm hat es nun Katharina Thalbach inszeniert, und wer fürchtete, sie würde es mit dem ihr eigenen, oft ins Krachlederne abstürzenden Volkstheaterhumor veralbern, sah sich nachdrücklich eines Besseren belehrt. Thalbach nimmt „Die Glasmenagerie“ so zart und fürsorglich in die Hand wie es sich für die kleinen gläsernen Tiere gehört, die das einzige Glück der jungen Laura sind. Die sammelt und pflegt sie und denkt sich Geschichten über sie aus. Mit ihnen kommt das extrem schüchterne und verunsicherte Ding problemlos klar, mit Menschen hingegen gar nicht.

Aufgelockerte Erzählweise, trotz Melancholie und Tristesse

Wegen einer Gehbehinderung trägt Laura eine Beinschiene und schämt sich dafür dermaßen, dass sie sich kaum vor die Tür traut. Der Vater ist abgehauen, die alleinerziehende Mutter, die ihre Tochter endlich unter die Haube bringen will, überfordert. Das Ganze könnte sentimental bis kitschig und heutzutage reichlich verstaubt erscheinen. Aber mit ihrer leichten, trotz aller Melancholie und Tristesse immer wieder heiter aufgelockerten Erzählweise macht es Katharina Thalbach durchsichtig für den Schmerz und offen für die Verzweiflung. Sie hält sich nicht für klüger als der Autor, unterlässt Aktualisierungen und jedwede Mätzchen, und plötzlich wirkt „Die Glasmenagerie“ frisch, spannend, berührend.

Die vier Schauspieler sind blendend aufeinander eingestimmt und bringen ihre Rollen überzeugungskräftig zum Strahlen. Anna und Nellie Thalbach, im normalen Leben Tochter und Enkelin der Regisseurin, ergänzen einander in funkensprühendem Kontrast: Hier das unentwegt plappernde, laute, unbelehrbar rechthaberische Muttertier namens Amanda, dort die gehemmte, geduckte, piepsende Laura, der alles und besonders ihre Mutter schrecklich peinlich ist. Leonard Schleicher als ihr Bruder Tom und Florian Donath als dessen Kumpel Jim sind noch mehr an der Ernst-Busch-Hochschule als in der freien Theaterwildbahn unterwegs, wissen indes bestens aufzutreten und ihre verloren-sehnsüchtigen Figuren in schwungvollen Bögen wie liebevollen Details zu entwickeln.

Keine dieser Gestalten ist unangenehm, doch die sozialen Umstände und die Geldnot drängen sie in die Bredouille. Williams’ subtile Zeitkritik wird bei Katharina Thalbach als bösartige Klippe inszeniert, an der sich die Personen unentwegt verletzen. Sie plustert das nicht zur großen Sache auf, aber wie die Menschen durch die kleinen Demütigungen und ewigen Repressionen zerbrechen, gerät ihr mit dem wunderbaren Ensemble zu einer still-stolzen Aufführung.