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Forrest: The Nature of Crises: Hänsel und Gretel im Großstadtschungel

Wer Angst im Wald hat, den setze man einmal in einer Großstadt aus.

Wer Angst im Wald hat, den setze man einmal in einer Großstadt aus.

Foto:

Thomas Aurin

Es sind schon zwei Stunden vergangen, zweihundert Menschen sind durch den Müggelwald gewandert. Zunächst noch bei Tageslicht, zwanzig Minuten lang, in nicht enden wollender Kolonne, immer den Berg hoch. Während ab und an feenhaft gekleidete Wesen durch den Wald jagten, Krieger in Baumrinden-Montur sich an Äste klammerten und man diverse kleine Installationen passierte, wie die mit den hoch aufgestapelten Matratzen, auf der sich eine Prinzessin auf der Erbse plagte. Na ja, dachte man, ganz nett anzuschauen ist das schon. Aber dass es wirklich etwas werden könnte mit Constanza Macras „Forrest: The Nature of Crises“, einer dreistündigen, von der Schaubühne präsentierten Waldinstallation, kann man sich da noch nicht vorstellen. Auch später noch nicht recht, als der Müggelberg erklommen ist, sich die Menschen auf einer Lichtung auf kleinen blauen Campingschemelchen niederlassen, zwischen den Zweigen und Blättern matt die Abendsonne hervor scheint und sich merkwürdige Wesen hinter Bäumen und auf dem Boden liegendem Gestrüpp heraus schälen. Irgendwo zwischen Märchenprinzessin und Miss Universum.

Vom Wald gefressen

Constanza Macras lässt sich Zeit. Um die Märchen der Gebrüder Grimm soll es an diesem Abend gehen, um romantische Natur-Fantasien, um den Wald als Ort der Krise und des Unheimlichen, um die Verschränkung mit der „Natur des Kapitalismus“. Ganz schön viel Ballast für eine kleine Wald-Installation. Aber tatsächlich wird all das eingelöst werden im Laufe dieses Abends. Auf eine sehr einfache, verrückte, verspielte Weise. Denn so, wie die Abenddämmerung ganz allmählich und unmerklich kommt und einen doch ganz plötzlich mit ihrer Dunkelheit überrascht, zieht Macras einen in den Bann und eh man sich’s versieht, ist man gefressen.

Ganz unspektakulär betritt eine einzelne ältere, schöne Stiefmutter als erste königlich die Waldlichtung. Es folgen vier junge Gespielinnen, die zunächst nicht mehr tun als zu hartem Rock ihre Mähnen wehen und ihre Körper wild auf den Boden krachen zu lassen. Die Musik dazu wird live gespielt. An jeder einzelnen Station, an der man noch Halt machen wird, sind Schlagzeug und Instrumente aufgebaut. Schneewittchen hat sich von halbseidenen Beratern zu Krediten überreden lassen, Wohnung und Auto gekauft und zu viel gekokst, bis sie unter der Last ihrer Schulden zusammenbricht, in den Wald geht und Öko-Aktivistin wird. Die Karten des Abends sind ausgespielt schon in diesen beiden ersten Szenen. Aber ihre Wirkung werden sie erst nach und nach entfalten.

Die Choreografin Constanza Macras war bislang eher Expertin für urbane Kulturen. „Big in Bombay“, „Megalopolis“ oder „Brickland“ (ein Stück über Gated Communities) heißen einige ihrer wichtigsten Stücke aus den vergangenen zehn Jahren. Auch jetzt im Wald, lässt sie die Stadt nicht hinter sich. Im Gegenteil. Als nach zwei Stunden, längst in tiefster Dunkelheit, die Menschen mit ihren kleinen Taschenlampen (die ihnen mit den kleinen Campingstühlen zu Beginn ausgehändigt wurden), irrlichternd einem roten, schwankenden Regenschirm folgen, der in der Ferne leuchtet. Einzelne angestrahlte Baumstümpfe und Äste erscheinen groß und fahl und unheimlich. Und dann steht man plötzlich vor einem grell ausgeleuchteten Blockhaus. Lässig und rau erzählt dort eine der Protagonistinnen von „Hänsel und Gretel“, von der Mutter, die ihren Mann überredet, die Kinder im Großstadtdschungel von Buenos Aires auszusetzen und wie der Junge all das hört und sich die Werbetafeln auf dem Wege merkt und so am Abend mit der Schwester nach Hause findet. Und wie sie nochmals ausgesetzt werden. Und weil die Krise und der Hunger inzwischen noch größer sind und es keine Werbetafeln mehr gibt, kann der Junge den Weg zurück nicht finden. Sie werden in ein Haus gelockt, der Junge soll gemästet, seine Organe sollen verkauft werden. Aber am Ende bekommt er einen Botenjungen-Job und auch das Mädchen hat Glück, und wenn sie sich nur genug anstrengen und ausbeuten lassen, wird alles noch richtig gut.

Der Felsen lebt

Früher saßen die Menschen drinnen in ihren Hütten eng beieinander und erzählten Schlimmes vom dunklen Wald da draußen. Jetzt sitzt das Theaterpublikum eng aneinander gerückt und geborgen im idyllisch schönen Wald und lauscht fasziniert Gruselgeschichten aus den Metropolen. Constanza Macras hat einige wunderschöne Szenerien entwickelt und sich eine eigenwillige Crew zusammengestellt, bizarre, fantastische Figuren. Ein magerer Junge, mit absurd langen Gliedmaßen und enormer Ausdrucksfähigkeit, ein massiger Tänzer, der wie ein Fels zum Ausruhen wirkt, aber eben überraschend zu Eigenleben erwacht, einen enorm präsenten Tamara−Danz-Verschnitt. Insgesamt 25 Protagonisten bevölkern den Müggelwald, dazu kommt ein gewaltiger logistischer Aufwand. Die Reise hat sich gelohnt. Bald schon werden Macras und ihr Trupp weiter ziehen um in den Wäldern um Leipzig, Freiburg und Karlsruhe ihr Unwesen zu treiben.

Forest: The Crisis of Nature 12.-14., 16.-19. August, Treffpunkt 19 Uhr, Waldeingang gegenüber Parkplatz „Rübezahl“, Müggelheimer Damm 143, Tel.: 89.00.23