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Gorki-Theater: Visionen pflegen und Körner picken

Hühnerhofidylle mit Astrow und Onkel Wanja (Dimitrij Schaad über Tim Porath).

Hühnerhofidylle mit Astrow und Onkel Wanja (Dimitrij Schaad über Tim Porath).

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MuTphoto

Sieht alles so schön grün aus an diesem sorgfältig ausgemalten Kulissentheaterabend im Gorki-Theater. Schließlich grünt es gewaltig in Anton Tschechows „Szenen aus dem Landleben“, auch wenn der titelgebende Onkel Wanja eigentlich nicht aufs Land passt, der herrliche Wald interessiert ihn nicht die Bohne. Nur als Verwalter des Guts muss er mit dem Grünzeug umgehen. Aber auch das Verwalten lässt er in letzter Zeit lieber bleiben, denn sein Schwager, der Kunstprofessor, ist zu Besuch und mit ihm die neue hübsche Gattin Jelena, der Wanja heillos verfällt. Auch der Arzt Astrow schmachtet nach ihr und so jaulen sie beide um die Wette über ihr reiches, aber sinnloses Leben in der grünen Idylle, über verpasste Chancen und verlorene Visionen.

Ja die Visionen! Man liebt sie in der Wanja-Sippe: die Vision vom gesunden Wald (Astrow) zum Beispiel, die Emanzipation der Frauen (Wanjas Mutter) oder ein intelligenteres Leben überhaupt (Wanja). Doch dass alle immer lieber nur die Körner vor den Füßen picken, anstatt den großen Sprung hinter den Wald zu wagen, das will sich niemand eingestehen.

Figuren bleiben bewegungslos

Der Regisseur Nurkan Erpulat hat das gut erkannt und wenn etwas wirklich gelungen ist an diesem sonst sehr behäbigen Tschechow-Abend, dann ist es die Einsperrung des Jammer-Personals in diese selbst aufgerichtete Illusionskulisse. Neben einigen Prachtexemplaren von Hühnern, die während der zwei Bühnenstunden geduldig vor sich hin picken und wiederholt die passenden Antworten gackern auf die immer zerfahreneren, wodkaseligeren Selbstbemitleidungen Wanjas (Tim Porath) und Astrows (Dimitrij Schaad), gibt es einige schöne Momente, in denen dieses Selbstbetrugstheater eindringlich wird. Das Panoramabild des kitschig-romantischen Waldes, vor dem sich das Unzufriedenheitsgeplänkel im Kreis dreht, ist nur der Anfang. Bald wölbt sich der Himmel über der Szenerie und eine Unmenge projizierter Schattenschnipsel rieselt auf die Idylle herab − ganz so, als klebte die Gutsgesellschaft am Boden einer Schneekugel. Irgendjemand hat diese angestoßen, das Geriesel gerät in Aufruhr, doch die Figuren bleiben bewegungslos.

Der Irgendjemand ist in diesem Spiel der Professor. Und das ist der zweite besondere Zugriff Erpulats. Falilou Seck muss nicht den eitlen tyrannischen Phrasendrescher spielen. Er ist vielmehr der nachdenkliche Fremde, einer, der das falsche, in Routine und Selbsthass eingezäunte und von Fremdeinflüssen abgeriegelte „Paradies“ durchschaut.

Allein steht er auf der Waldbühne, als plötzlich ein riesiger Scheinwerfer vom Bühnenhimmel herab fährt, und schlagartig entlarvt sich das so gehütete Landleben als einzige Truman-Show. Erschrocken hämmert Seck an den Wald-Horizont, denn ihm wird als einzigem klar, worin sich die beiden „alten Käuze“ Wanja und Astrow hier eingeschweißt haben mit ihren weinerlichen „Visionen“. So ist am Ende sein Vorschlag, das Gut zu verkaufen, auch nicht einfach der große Egotrip, sondern im Gegenteil der Befreiungsversuch für alle, auszubrechen aus dem masochistischen Illusionstheater.

Das sind frische Regieansätze, leider bleiben sie viel zu halbherzig. Kein Schauspieler darf an diesem Abend über das Mittelmaß des gehobenen Boulevards hinaus agieren. Alles bleibt gefällig temperiert, auf „gute Unterhaltung“ geeicht. Und am Ende verliert sich das Ganze dann komplett im Rückwärtsgang, als die arme Sonja (Mareike Beykirch) mit ihrem ganz unzweideutigen Lob der Geduld und Schicksalshörigkeit das Schlusswort bekommt. Nicht mal ein „Gack, gack.“ ist dann mehr zu hören.

Onkel Wanja 10. Mai, 26., 30. Juni, 19.30Uhr sowie am 17. Mai., 18 Uhr im Maxim-Gorki-Theater, Tel: 20221115


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