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Berliner Zeitung | Jury gibt Auswahl bekannt: Diese zehn Inszenierungen kommen zum 53. Theatertreffen nach Berlin
03. February 2016
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Jury gibt Auswahl bekannt: Diese zehn Inszenierungen kommen zum 53. Theatertreffen nach Berlin

Heimspiel beim Theatertreffen: Das Stück „der die mann“ in der Regie von Herbert Fritsch hatte an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Premiere.

Heimspiel beim Theatertreffen: Das Stück „der die mann“ in der Regie von Herbert Fritsch hatte an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Premiere.

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Thomas Aurin

Das ist also das bemerkenswerteste Theater derzeit: Zehn Inszenierungen des deutschsprachigen Schauspielschaffens kommen im Mai nach Berlin, allesamt unter eben diesem ehrfurchtgebietenden Banner des Bemerkenswertesten. Wir gratulieren den Auserkorenen.

Sechs Juroren und eine Jurorin ward die heikle Aufgabe zugedacht, sie zu bestimmen. Ihnen gebührt der aufrichtigste Dank. Solch Jury-Fron ist bekanntlich reich an Entbehrungen und schlafarmen Nächten, er gefährdet fortwährend den Familienfrieden und die Freundschaften, hinzu kommen die unnennbaren Nöte durch all die nicht ausgewählten und folglich schlimmen Inszenierungen, die das geplagte Jurorengemüt zu ertragen hat. 394 Inszenierungen in 59 Städten hat diese Kommission besucht. Über 38 Arbeiten stritt man ausführlicher, also nervenaufreibender, ehe die Liste der zehn bemerkenswertesten am Mittwoch der Öffentlichkeit überbracht wurde.

Die neue große Nummer

Und was sagt uns diese Auswahl? Wie stets kann man trefflich disputieren, kann dies vermissen (keine einzige Inszenierung aus Nordrhein-Westfalen?) oder das (schon wieder nichts aus dem Osten? Herrje.), darf sich freuen, dass aus Kassel mit Ersan Mondtag ein Regisseur geladen wurde, der als die neue große Nummer gehandelt wird und die Wahl von Anna-Sophie Mahlers Münchner Inszenierung „Mittelreich“ laut begrüßen, der Inszenierung halber, aber auch, weil sie hoffentlich noch mehr Leute dazu verführt, „Mittelreich“ zu lesen, den wunderbaren Roman von Josef Bierbichler.

Doch Trends, irgendwelche validen Aussagen über den Zustand des Theaters, sind aus dieser Liste nicht ablesbar. Natürlich nicht. Berlin ist mit drei Inszenierungen vertreten, so oft wie keine andere Stadt. Schön, aber ist Berlin deshalb wieder Theaterhauptstadt? Wer derlei glaubt, macht sich der Einfältigkeit verdächtig, es hieße, die Jury-Entscheidung mit einem TÜV-Bescheid verwechseln und also glauben machen, in Kunstdingen ließen sich harte Kriterien festklopfen. Die gibt es nicht – und doch wird das Theatertreffen stets als Trendsetter und Qualitätsmesser wahrgenommen.

Das hat nicht nur . amit zu tun, dass sich das Festival und die Jury naturgemäß selbst überschätzen, als hinge das Seelenheil von ihren Entscheidungen ab. Es hat mit unserer Theaterlandschaft zu tun. Sie ist von herrlichster Dichte. Nirgends auf der Welt gibt es derart viele Häuser, niemand auf Erden vermag das Schaffen dieser Bühnen zu überblicken, auch keine Jury. Man muss diesen Theater-Reichtum loben, loben, loben. Aber wo viel ist, wächst das Bedürfnis nach Ordnung und Übersicht, nach Hierarchien, Wertungen, Differenzen.

Dafür braucht’s das Theatertreffen. Denn dieses Festival gibt es nicht nur aufgrund der reichen Theaterlandschaft, seine Existenz ist auch ein dauerndes Signal, diesen Reichtum zu erhalten. Das Festival hängt am Tropf all jener vielen Theater, die es nie zum Theatertreffen schaffen. Das ist die Logik einer solchen Leistungsschau. Zu ihr gehört, dass sie eine Vergleichbarkeit unter den Theatern fingiert, die es nicht gibt. Das Theatertreffen handelt mit Illusionen, die für bare Münze genommen werden – das macht seinen Erfolg aus.

Zwei Botschaften an Berlin

Mit einer Theatertreffen-Einladung lässt sich immer bestens kulturpolitisch wuchern und die eigene Karriere beschleunigen. Insofern schafft die jeweilige Auswahl weitreichende theaterpolitische Fakten, auch wenn die Jury gebetsmühlenartig wiederholt, sie schere sich nicht darum; das aber ist jene vorgeschobene Naivität, die zum festesten Bestandteil des Theatertreffen-Systems selbst gehört.

In Berlin drei der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen gefunden haben zu wollen, ist deshalb auch eine Botschaft an den Senat und die zuständigen Behörden. Dass Frank Castorfs Inszenierung der „Brüder Karamasow“ entgegen allen Erwartungen aber nicht eingeladen wurde, ist so gesehen ebenfalls eine klare Botschaft.

Bei alldem: Das Theatertreffen ist ein Publikumsfestival. Es ist für die Zuschauer da. Für Berliner ist es immer praktischer, es werden keine Berliner Arbeiten eingeladen, die kann man ja eh problemlos sehen. Nach Karlsruhe, Basel oder Zürich vermögen dagegen die wenigstens zu reisen, um ins Theater zu spazieren. Schön, dass drei Inszenierungen aus diesen Städten im Mai vor die Haustür kommen.