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Klage von Beatrix von Storch und Hedwig Freifrau von Beverfoerde gegen "Fear"-Inszenierung : Gericht kassiert einstweilige Verfügung gegen Schaubühne

Szene aus "Fear".

Szene aus "Fear".

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dpa/Arno Declair/Schaubühne

Das Landgericht Berlin hat am Dienstag wahrscheinlich eine Uraufführung erlebt. Es dürfte jedenfalls noch nicht oft vorgekommen sein, dass eine Kammer über einen Streitgegenstand – hier: eine Theaterinszenierung – verhandelt, den weder die beiden Klägerinnen noch deren Anwälte kennen – und die darüber auch nicht vom Vorsitzenden Richter aufgeklärt werden können, weil er die umstrittene Inszenierung ebenfalls noch nicht gesehen hat.

Das Theaterstück heißt „Fear“, geschrieben und inszeniert hat es Falk Richter, gespielt wird es in der Schaubühne am Lehniner Platz. Warum es geht? Falk Richter hat dazu mitgeteilt, seine Inszenierung setze sich „auf satirischem Weg mit den rechtsnationalen und religiös-fundamentalistischen Strömungen im heutigen Deutschland auseinander“.

Der Wiederkehr des rechten Gedankenguts stelle sich die Aufführung allein mit den Mitteln der Kunst entgegen. Also, will Falk Richter damit sagen, nicht mit Gewalt und auch nicht mit dem Aufruf zur Gewalt. Das wird von zwei Frauen bezweifelt, die vor der 27. Zivilkammer eine einstweilige Verfügung erstritten, gegen die die Schaubühne Widerspruch eingelegt hat und über deren Fortdauer oder Aufhebung die Kammer am Dienstag verhandelte.

Als Zombies inszeniert

Die beiden Frauen fühlen sich in ihrer Menschenwürde verletzt, weil sie in der Inszenierung als Zombies dargestellt, zu ihrer Vernichtung aufgerufen und Bilder von ihnen in einer Reihe mit Porträts des norwegischen rechtsextremistischen Massenmörders Anders Behring Breivik und der wegen der Mittäterschaft bei zehn Morden angeklagten mutmaßlichen Rechtsterroristin Beate Zschäpe gezeigt würden.

Eine der Frauen ist Hedwig Freifrau von Beverfoerde, Gründerin der „Initiative Familienschutz“, in christlich-fundamentalistischen Kreisen als Heilige Jungfrau im Kampf gegen die Homo-Ehe verehrt, allerdings – wie sie im überfüllten Gerichtssaal beteuerte – nicht Mitglied der AfD, sondern der CDU.

Die andere ist Beatrix von Storch, seit diesem Jahr stellvertretende Bundesvorsitzende der AfD, derem rechtskonservativen Flügel sie zugerechnet wird. Sie ist ebenfalls gegen die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften und – obwohl eine geborene Herzogin und als Europa-Abgeordnete gut versorgt – möglicherweise in materieller Verlegenheit.

Mittlerweile sind zwei Verfahren zwischen ihr und der Schaubühne anhängig, teure Verfahren, wie sie in einem jüngst herausgegebenen Aufruf versichert: „Ich habe eine herzliche Bitte: Helfen Sie mir beim Tragen der Anwaltskosten. Spenden Sie hier 10, 30, 50 oder ... Euro. Ich habe einen exzellenten Anwalt, der mich vertritt. Aber exzellente Anwälte kosten mehrere hundert Euro pro Arbeitsstunde.“

Figuren sollen Hassgedanken symbolisieren

Sind die Anwälte der beiden in ihrer Menschenwürde vermeintlich verletzten Frauen exzellent? Prof. Jan Hegemann (Berlin), Anwalt von Beverfoerdes, beklagt, die Inszenierung verletze „den Kern des Persönlichkeitsrechts“ seiner Mandantin, ja sie versuche sogar, ihn zu vernichten – ihr, beziehungsweise ihrem Bild würden in der Inszenierung die Augen herausgerissen.

„Das ist falsch“, ruft Johannes Eisenberg (Berlin), der Anwalt der Schaubühne, dazwischen, und seine Sozia, Stefanie Schork, liefert sogleich so etwas wie einen Augenscheinsbeweis. Als solcher wird ein Beweis bezeichnet, bei dem das Gericht sich von einer Tatsache durch unmittelbare Wahrnehmung (sehen, riechen, hören, schmecken, tasten usw.) überzeugt, was in diesem Fall bedeutet, dass Schork Szenen der dem Gericht unbekannten Inszenierung auf einer DVD abspielt. Und was das Gericht da nicht zu sehen bekommt, das bekommt es von der Anwältin zu hören.

Die Zombies, zu deren Tötung aufgerufen werde, sagt sie, seien natürlich keine Menschen, sondern Gedanken, Hassgedanken, wie sie seit Monaten auf Pegida-Demonstrationen in Dresden, aber auch in Reden von AfD-Funktionären zu hören seien. Das Stück rufe gerade nicht zur Gewalt auf, es sei vielmehr ein Akt des Widerstands gegen die Gewalt und gegen die Menschenfeindlichkeit, wie sie die Bewohner des rechten Randes der Gesellschaft unentwegt erzeugten.

Nach der Verhandlung sagte Anwalt Eisenberg vor der Tür: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir hier nicht gewinnen.“ Er sollte recht behalten. Die Kammer hob die Einstweilige Verfügung am Nachmittag auf.