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Kommentar: Auf Lebenszeit! Castorf muss an der Volksbühne bleiben

Wie man sieht, ist Frank Castorf längst an der Volksbühne angewachsen.

Wie man sieht, ist Frank Castorf längst an der Volksbühne angewachsen.

Foto:

Berliner Zeitung/Max Lautenschläger

Berlin -

Hallo, Ihr neuen Kulturpolitiker in Euren Ämtern! Ihr werdet ihn doch nicht tatsächlich schon 2017 nach nur 25 Jahren gehen lassen? Diese Gnade hat der Volksbühnenintendant Frank Castorf, nach allem, was er seinem Publikum angetan hat, nicht verdient. Eigentlich hatte er doch schon auf der ersten Spielzeitpressekonferenz im Jahre 1992 keinen Bock auf diesen ganzen Theaterleiterkram. Der Satz „Ick weeß doch ooch nich, wie dit jeht.“ soll gefallen sein.

Eigentlich setzte er vom ersten Moment seines Intendantendaseins alles daran, den Laden möglichst bald baden gehen zu lassen. Es ist ja auch ein Ding der Unmöglichkeit, dieses Monstrum von Theater, in dem man als Schauspieler nur verstanden wird, wenn man schreit, und nur gesehen wird, wenn man zappelt, durch die Zeit zu retten. Da treibt man zweimal eine Herde von bunten Elefanten durch, und der Appetit ist befriedigt. Schon muss man sich was Neues ausdenken, was noch viel Bunteres und Elefantigeres.

Schon bei der Durchlaufprobe von „Rheinische Rebellen“ im Oktober 1992 bemerkt die damalige Hospitantin Annika Krump: „Bei aller Bewunderung, die ich für seine Arbeit empfinde, glaube ich, Castorf ist − wie alle anderen auch und das Theater überhaupt − in der Krise.“ Das kann man in Krumps soeben veröffentlichtem Tagebuch nachlesen, und das Zitat geht weiter: „Er ist unverblendet und ehrlich genug, um selbst zu sagen, dass er sich wiederholt. Möglicherweise beschreibe ich hier gerade den ,Untergang des Castorf’schen Imperiums’. Dabei hat es doch gerade erst angefangen.“ Eben! Wieso soll, was 1992 galt, heute falsch sein.

Schmiedet ihn an

Die Krise (Castorfs, unsere und die des Theaters) knirscht vor sich hin, die Wiederholungen haben sich vervielfacht, der in seinen Inszenierungen meisterlich reflektierte „Untergang des Castorf’schen Imperiums“ ist in vollem Gange − er fängt immer noch gerade an. Viele Schauspieler und Dramaturgen sind geflohen, bevor sie ausgelaugt, leergelutscht, weggeschmissen auf der Strecke blieben. Der Geist des Hauses, der ja von manch anderen epochemachenden Großintendanten geritten wurde, wenn auch nie so lang, kriegt immer wieder schmähliche Hinterntritte. Diese schlechte Laune, dieser Muff, dieser Überdruss, diese ständigen Kopfschmerzen der Überforderung − sie sind Teil eines des größten Theaterexperimente seit der Antike.

Bitte jetzt nicht vorzeitig abbrechen! Also bevor das letzte Fitzelchen an Schaffenskraft ausgezittert hat, bevor sich keine Schauspieler mehr finden, die sich diesem Selbstporträtkünstler nicht selten zum Schaden ihrer körperlich und seelischen Gesundheit und ihrer Karriere opfern wollen, bevor also Castorf, möge es noch lang dauern, seinen Geist aufgibt, darf er nicht aus seiner Höhle entlassen werden. Wir haben das, was an diesem Hause gelitten und geleistet wurde, 25 Jahre unter Mühen, Qualen und Zweifeln ausgehalten. Saftige Mühen, markzermürbende Qualen, vernichtende Zweifel, von denen die Gegenwart draußen gar keine Ahnung hat.

Dieses Castorf’sche Scheitern ist eine Zerreißprobe für die Geduld, zumal es gerade wieder gut läuft: Castorf befindet sich in einer manischen Phase und beglückt/quält die Republik mit seinen Inszenierungen. Er genießt es, dass ihm die erste Inszenierung seit dem Ende der DDR verboten wurde (von den Brecht-Erben). Er hat Marthaler, Pollesch, Fritsch auf seinem Spielplan, und der Prater ist in Beschlag genommen von dem Norweger Vegard Vinge, der da vor sich hinkunstet − seit über einem Jahr und ohne jeden Zuschauer. Bitte, liebe Neukulturpolitiker, pfeift auf Vernunft und Mehrheit, habt Mut und lasst ihn machen, bis er stirbt. Und wenn er vorher abhauen will, schmiedet ihn an.