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Nachruf: Zum Tod des Theaterregisseurs Fritz Marquardt

Fritz Marquardt (1928–2014).

Fritz Marquardt (1928–2014).

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imago stock&people

Das letzte Mal, als ich den Theaterregisseur Fritz Marquardt vor knapp zwei Jahren in seinem kleinen Haus in der Uckermark traf, sollte ich ihn über Dimiter Gotscheff, seinen Schüler und Freund, befragen. Doch Marquardts Gedächtnis funktionierte nicht mehr allzu präzise, er bestätigte mir damals nur das, was ich schon wusste. Später jedoch, als das Aufnahmegerät ausgeschaltet war, erzählte er mir von seiner Kindheit auf einem Gutshof im Warthebruch, von seinen Eltern und wie er einer Frechheit wegen von der Schule geflogen war. Als ich mit einem Kollegen an einem Buch über Fritz Marquardt gearbeitet hatte, war nichts davon zur Sprache gekommen: Er hielt es für nicht wichtig genug. Doch nun, da die Bilder seines Lebens am Theater langsam in ihm erloschen, traten diese Erinnerungen an eine untergegangene Welt in einer Intensität an die Oberfläche, dass es mir die Tränen in die Augen trieb.

Zum ersten Mal hatte ich Fritz Marquardt 1990 in Frankfurt am Main bei einer Podiumsdiskussion erlebt. Seine Inszenierung „Germania Tod in Berlin“ vom Berliner Ensemble war zu der Heiner-Müller-Werkschau „Experimenta 6“ eingeladen worden. Marquardt wirkte in der Stadt der Finanzen und des Kapitals allein schon durch sein Äußeres fremd und seltsam: Ein kleiner, drahtiger, zäher Bursche mit proletarischer Mütze über den unbeschreiblich buschigen Augenbrauen – markantestes Merkmal in einem überaus markanten, von Lebens- und Arbeitsstürmen gegerbten Gesicht. Während der Diskussion explodierte dieser Mensch plötzlich: Er tobte, er schrie, er hieb wild auf den Tisch ein. Heiner Müller hatte nämlich gerade erklärt, dass er nie ein DDR-Schriftsteller gewesen sei – und das war für Marquardt eine faustdicke Lüge, ein Verrat.

Marquard war keiner, der wegging

Später erzählte er: „Ich wusste natürlich, was Müller meinte: dass er nie ein vom Staat ausgehaltener Schreiber gewesen sei. Aber er konnte doch nicht behaupten, wir hätten alle mit dem Land DDR im Grunde gar nichts zu tun gehabt.“ Fritz Marquardt verabscheute es, wenn man angesichts einer neuen historischen Situation seine Biographie verbog. Die DDR war für ihn wie für Müller eine Arbeitsbedingung gewesen, im Guten wie im Bösen – und dazu galt es zu stehen. Marquardt war keiner, der wegging (wie Peter Palitzsch oder Einar Schleef), aber er war auch einer, der stets integer und in seiner Arbeit kompromisslos bis zur offenen Kampfansage blieb. „Ich hatte immer eine Tendenz zum harten Bockigsein“, lautet eine treffende Selbstcharakterisierung Marquardts.

So singulär der Mann, so einzigartig die Biographie. Worüber Heiner Müller oder Peter Hacks in ihren Produktionsstücken bloß schrieben, das hatte Marquardt selbst erlebt. 1928 auf dem erwähnten Gutshof geboren, 1945 als Zivilgefangener nach Sibirien verschleppt, nach seiner Rückkehr zwei Jahre lang Neubauer, studierte er schließlich Philosophie bei Wolfgang Heise in Berlin. Der Student aber hatte Schwierigkeiten mit der starren Terminologie des Marxismus-Leninismus, bekam reichlich Ärger und landete Ende der 50er-Jahre auf einer Großbaustelle im Erdölkombinat Schwedt – sicherlich nicht der klassische Weg, Theaterregisseur zu werden.

Ein Zufall führte Marquardt in die Redaktionsstube der Zeitschrift Theater der Zeit. Von hier aus startete seine Theaterkarriere: Als Dramaturg am Landestheater Parchim inszenierte er einen „Woyzeck“, dessen expressive, nicht-realistische Darstellungsweise für einige Verstörungen sorgte. Als Dozent für Szenenstudium an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg wiederholte er diesen „Woyzeck“. Die Aufführung wurde nach einer einzigen Vorstellung abgesetzt, ebnete ihm aber den Weg an die Volksbühne von Benno Besson.

Dort erlebte Fritz Marquardt in den 70er-Jahren seine größte Zeit: Die Uraufführungen von Müllers „Die Bauern“ und „Der Bau“, Molières „Menschenhasser“ wurden Marksteine der Theatergeschichte. Mitte der 80er-Jahre wechselte er ans Berliner Ensemble, dessen Leitung er nach der Wende gemeinsam mit Müller und Peter Zadek übernahm: Im Dauer-Clinch mit Zadek, den er als Usurpator empfand, wurde diese neue Aufgabe für Marquardt zu einer quälenden Erfahrung des Scheiterns. 1995 gelang ihm immerhin mit Ibsens „Eyolf“ eine letzte große Arbeit. Bald darauf verstummte Marquardt, nur auf der Kinoleinwand konnte man ihn zuletzt noch einmal in Andreas Dresens Komödie „Whiskey mit Wodka“ erleben: als Sterbenden.

So sehr Marquardt die Dinge, von denen sein Theater handelte, am eigenen Leib erfahren hat, so wenig interessierte ihn, sie naturalistisch abzubilden. Heiner Müller schrieb, er gehe „mit seinen Schauspielern um wie ein Bildhauer mit seinem Material, Gips Stein oder Bronze.“ Marquardts Abneigung gegen den Naturalismus mag eine Anekdote auf den Punkt bringen: Bei der „Bauern“-Produktion von 1976 sollte ein Pferd geschminkt werden. Das Tier wurde zurecht gemacht, mit bunten Haaren behängt und was noch alles. Nach all diesen aufwändigen Zurichtungen brummelte Marquardt: „Ach verdammt, das sieht ja immer noch aus wie ein Pferd!“

Der große Theaterkünstler Fritz Marquardt ist am Dienstag in Pasewalk im Alter von 85 Jahren verstorben.

Wolfgang Behrens hat zusammen mit Michael Laages das Buch „Fritz Marquardt. Wahrhaftigkeit und Zorn“ (Berlin 2008) herausgegeben.