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Berliner Zeitung | René Pollesch und Dirk von Lotzow an der Volksbühne Berlin: Der sichere Erfolg "von einem, der auszog..."
13. March 2015
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René Pollesch und Dirk von Lotzow an der Volksbühne Berlin: Der sichere Erfolg "von einem, der auszog..."

Vertieft in die Deklamation: Franz Beil, Lilith Stangenberg und Martin Wuttke (v. l.). Bei dem Wal handelt es sich um eine Umkleidekabine.

Vertieft in die Deklamation: Franz Beil, Lilith Stangenberg und Martin Wuttke (v. l.). Bei dem Wal handelt es sich um eine Umkleidekabine.

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imago/DRAMA-Berlin.de

Dass dies ein Publikumserfolg wird, ist keine Frage. Aber lässt sich sagen, warum eigentlich? Der Theaterfacharbeiter René Pollesch und Dirk von Lowtzow, Sänger und Gitarrist der bekannten deutschen Popband Tocotronic, haben gemeinsam eine Oper erfunden. Das zieht natürlich. Pollesch hat längst Starstatus im promiverliebten Theaterbetrieb, also die entsprechend dauerjubelnde Fangemeinde. Tocotronic sowieso.

Aber das allein ist es nicht. Der seit Jahren, ach was Jahrzehnten ungebrochene Zuschauerzuspruch für das Pollesch-Theater entsteht daraus, dass man sich verstanden und gemeint fühlt, obwohl man so wenig versteht, obwohl es niemanden gibt, der diese Texthäkelarbeiten aus Philosophiezitaten und Filmanleihen, Selbstverweisen und Assoziationen zu entwirren vermag, außer vielleicht Pollesch selbst.

Dieses Theater ist auf der so einfachen wie einnehmenden Technik gegründet, dem Zuschauer die roten Teppiche des Wiedererkennens eigener Nöte und Freuden auszurollen. Er darf sich ungebremst seiner Daseinszersplitterung versichern, also in seiner Dauerüberforderung abgeholt fühlen. Das hat man gern, man weiß sich bestätigt. Es ist auch lustig, vor allem, weil Pollesch die drolligsten Theorieumwege nimmt, mit Vorliebe bei den Herren Slavoj Žižek und Jaques Lacan vorbeischaut und immer so tut, als tauge die Philosophie zur Betriebsanleitung für das Leben. Insofern schreibt Pollesch Verwechslungskomödien für das selbstironisch trainierte Gegenwartssubjekt. Diesmal auch, und diesmal mit dem perfekten Pop-Opern-Sound. Eine bestens geeignete Tonmasse, um allen Widersprüche einen glibberig-glänzenden Anschein zu verleihen.

Trotzige Trostlosigkeit

„Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte“ heißt die Oper. Es geht nicht um Gentrifizierung. Es geht um die Liebe, ja, die selbstbildumstürzende Begegnung mit dem Anderen, das Zerfließen der Gefühle und Gedanken, wenn in jeder Zelle Begehren haust, das Zerfleddern der Wirklichkeit, wenn man sich selbst im Gegenüber verliert. Wer kennt das nicht.

Der operntechnische Dreh dabei: Pollesch lässt zwei Ex-Liebende nach einem Jahrzehnt aufeinander treffen. Sie wundern sich naturgemäß, dass die Herzensbilder nicht mehr zur Realität passen. Und niemand sonst kann sich so herrlich wundern wie Lilith Stangenberg und Martin Wuttke. Stangenberg ruft „Das Begehren!“, und es klingt, als seien die Silben in ein stachliges Wolkenbett gehüllt, als wehten die Silben aus einer fernen, gefährlichen Welt herüber. Wuttke verkündet: „Ich leide an einem riesigen Realitätsverlust. Ich bin gar nicht mehr ich selbst“, und zerknittert die Sätze, als wären sie von trotziger Trostlosigkeit angefressen. Wuttke ist bei Pollesch immer ein Monument schönster Verzweiflungsgymnastik, an diesem zweistündigen Abend im Widerspiel mit Stangenberg besonders. Franz Beil steht derweil zwischen diesem Duo und hackt auf die Worte ein, als müssten sie einzeln erlegt werden: „Die Liebe dauerte, und sie dauerte eben doch nicht.“

Es wird überhaupt viel gestanden und deklamiert, in Glitzerkostümen vor Glitzerlametta. Dazwischen: ein Orca an Seilen. Ein Wal als Fluch- und Fluchtort. Fast ein biblisches Bild: Sie kriechen zu dritt ins Walmaul, ziehen sich im Bauch um und kommen verwandelt wieder heraus. Es ist gar von einer „zweiten Geburt“ und einer „neuen Genesis“ die Rede. Hört, hört!

Das ist so neu für Pollesch allerdings nicht. Am Hamburger Schauspielhaus hat er in „Rocco Darsow“ kürzlich, auch mit Martin Wuttke, danach gesucht, was sich dieses Theater lange verboten hat überhaupt zu denken: Wahrheit. Es fand dabei zu der Einsicht, dass die Liebe einem Einbruch gleicht, die Wahrheit immer eine Zumutung ist und wir durch etwas gegründet werden, das wir uns nicht selbst schenken können. Er hat sie jetzt an die Volksbühne mitgebracht, inklusive ganzer Textpassagen.

Die Regeln der Stimmigkeit

Dazu aber diese Musik! Lowtzow, der im Vorfeld lustigerweise freimütig bekannte, weder Noten lesen noch schreiben, nicht arrangieren, nicht orchestrieren zu können, hat mit Thomas Meadowcroft ein Orchesterwerk gebastelt, das sich polleschmäßig bei allen herumliegenden Traditionen bedient. Im Barock und in der Spätromantik, beim Pop natürlich, bei der Operette, gar bei der Neuen Musik. Bereits die Ouvertüre: erst strammes Paukenspiel, danach gediegene Blechbläserpassagen, schließlich hüpfende Geigenklänge in possierlicher Heiterkeit. Hier ein paar Glockenspieltröpfchen, dort eine Marschanleihe. Es fließt so dahin, und das Filmorchester Babelsberg (am Pult: Oliver Pohl) lässt es herrlich vorüberrauschen. Dass sich die Partitur nicht um den Pollesch-Kosmos schert, sondern in seinem eigenen Harmoniereich suhlt – passt bestens. Pollesch kümmert es ja auch nicht, ob seine Assoziationen und Anspielungen den Regeln der Stimmigkeit gehorchen. „Ich habe nichts mit mir zu tun“, heißt es einmal. Ein Satz wie ein Credo.

Außerdem singen sie Lowtzow-Texte. Lilith Stangenberg singt: „Moder Moder Moder, deine Liebe zieht mich aus dem Moder“. Martin Wuttke singt: „Ich hafte an dir wie Tinte auf Papier.“ Das ist natürlich wunderbar. In „Rocco Darsow“ musste Wuttke noch ein imaginäres Orchester dirigieren. Jetzt darf er orchesterbegleitet Sänger spielen. Toll.

Ein Wal schwebt durch die Luft, aus dem Orchestergraben strömt’s gutlaunig, ein Kinderchor im Zauberlook tritt zwei Mal auf, Wuttke zwängt sich in ein Alien-Kostüm, Stangenberg tollt in einer Riesenpfütze umher, um Liebe geht’s und um Liebesverlust: Wenn das kein Erfolg wird. Wir gratulieren.

Von einem, der auszog ..., 14., 21., 22., 31. März, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Karten unter: 24065777


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