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Schaubühne Berlin: Milo Rau inszeniert „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“

Ursina Lardi als NGO-Helferin in „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“

Ursina Lardi als NGO-Helferin in „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“

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DAVIDS/Dominique Ecken

Wenn Milo Rau ein neues Stück ankündigt, dann sind die markigen Leitartikel, die er ihm vorausschickt, so unverzichtbar wie andernorts Voraufführungen. Kein anderer Theatermacher arbeitet so intensiv an seiner medialen Wirkung, daran, öffentlich zu wirken mit seinen Projekten, wie Milo Rau. Und so waren auch dieses Mal zahlreiche Manifeste des Regisseurs unterwegs, die das Terrain systemkritisch aufzubereiten hatten für „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“. Das zu erwähnen ist wichtig, denn ohne all die außertheatralen Verweise fehlt seinem Theater die Hälfte der Referenz.

Alle sind Arschlöcher

„Mitleid“ nun dreht sich dazu um pure Aktualität. Es geht um die Hilfsbereitschaft und Politik der Hilfe, die angesichts aktueller Flüchtlingsankünfte speziell in Deutschland Hochkonjunktur hat. Hilfe ist gut, meinen wir alle. Vielleicht denkt auch Milo Rau insgeheim so. In der Schweizer „Sonntagszeitung“ aber ließ er erst einmal ausrichten: „Alle sind Arschlöcher!“ und meinte damit nicht die Flüchtlinge, sondern uns (sich eingeschlossen), die kurzsichtigen Gastgeber und Hüter der Zuflucht.

Wer helfen will, so Rau, soll keine Herzchen auf Notunterkünfte malen – „zynischen Humanismus“ nennt er das – sondern der eigenen Schuld an dieser Flucht auf die Schliche kommen. Und diese Schuld verbirgt sich nicht in Afrika oder dem Nahen Osten, sondern in dem, was wir selbst hervorbringen: die „systemische Ungerechtigkeit und der Rassismus“ globaler Marktwirtschaft, auf der Europa fußt.

Was sich wie Wahlslogans anhört, birgt komplexe Wahrheiten. Zusammen mit einer Vielzahl Zeugen, Juristen und NGO-Experten belegte Rau das im vergangenen Sommer am Beispiel Zentralafrikas in seinem „Kongo-Tribunal“. Nach der Verhandlung in Bukavu tagte es auch drei Tage in Berlin und auch in das Zwei-Personen-Stück „Mitleid“ wirkt dieses große Recherche-Projekt noch hinein. Die Spielfläche der Schaubühne ist komplett mit Müll übersät: Hier ist so ein Ort, vor dem die Menschen fliehen, um zu leben. Oder wohin Europäer reisen, um als Helfer Meriten zu ernten. Die burundische Schauspielerin Consolate Siperius musste schon als Kind 1993 ihre Heimat verlassen, weil Hutu und Tutsi sich gegenseitig abschlachteten. Ursina Lardi spielt eine NGO-Helferin, die dagegen meinte, Frieden in das ausgebeutete und umkämpfte Zentralafrika bringen zu können. Beide Frauen erzählen von sich in erster Person, doch Lardi spricht Texte, die Rau in mehreren Interviews mit solchen Helfern gesammelt hat. Kein Wort sei erfunden, so Rau, und doch ist Lardis Erzählung eben (Ver)Dichtung. Dokumentarisch will Rau sein Theater daher nicht nennen, ebenso wenig „Recherchetheater“, „engagiertes Theater“ oder „politisches Theater“, die er alle für unmöglich erklärt. Rau will dagegen real werden, weshalb er allenfalls Alexander Kluges Bezeichnung „Real-Theater“ für sich geltenlässt.

Was nun in der Schaubühne zur Aufführung kam, ist natürlich nicht „realer“, als jede andere Aufführung. Und doch muss man diesem seltsamen Zwei-Monologe-Stück etwas sehr Besonderes bescheinigen, denn hier entsteht eine Art Theater zweiter Ordnung: die Geburt eines Meta-Theaters aus dem Geiste des Zynismus. Überhaupt der Zynismus! Er ist das heimliche Thema dieses herausfordernden, widersprüchlichen Abends und überraschenderweise ist er auch sein stärkstes Mittel. Denn wie Rau gerade den Lardi-Text montiert hat, wie sie langsam erst unbeeindruckt von den in ihren Augen luxuriösen Verhältnissen in den heutigen Auffanglagern an der EU-Grenze erzählt, wie sie dann immer betroffener in ihre Afrika-Erinnerungen eintaucht, in die täglichen kleinen Rassismen und die Massaker, deren Opfer wie Täter sie in ihren Lagern „durchfüttern“ mussten, dann zeigt das erst einmal nicht nur die erschütternde Sinnlosigkeit dieser organisierten „Hilfe“. Es führt zugleich die furchtbare Ökonomisierung der Anteilnahme vor.

Wohldosierter Zynismus

Es ist der selektive Blick, das Sehen des einen und Übersehen des anderen Leids, das Rau uns in Gestalt der zynischen, sanft-rassistischen Ursina-Lardi vor Augen hält: ein wohldosierter Zynismus, den wir im Gefolge der Mainstreammedien täglich vollziehen. Einen „Theater-Essay“ hat Rau „Mitleid“ selbst genannt. Und trotzdem auf den ersten Blick nichts essayistisch an den (pseudo)-biografischen Monologen der beiden erscheint, bewegen sich ihre Erzählungen doch auf so subtil doppelbödigem Niveau, schlagen sie unentwegt so dünne Fäden zu den nur mitgedachten, weltgeschichtlichen Hintergründen, dass man sehr bald ihr Artifizielles erkennt. Schrecklich ist dieser Abend und erschütternd und mit allem Vor und Danach ein erstaunliches Reflexionsspiel.



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