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Berliner Zeitung | Schauspielerin Dagmar Manzel im Interview: „Ich bin ein Theatertier“
05. January 2016
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Schauspielerin Dagmar Manzel im Interview: „Ich bin ein Theatertier“

Fühlt sich musikalisch in den 20er-Jahren zu Hause: Dagmar Manzel.

Fühlt sich musikalisch in den 20er-Jahren zu Hause: Dagmar Manzel.

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Berliner Zeitung/PAULUS PONIZAK

Die Leichtfüßigkeit ist im Probenraum geblieben. Mehrere Stunden hat Dagmar Manzel an diesem Montag bereits gesungen und getanzt für die Wiederaufnahme des Cole-Porter-Musicals „Kiss me, Kate“, in dem sie die Lilli Vanessi spielt. Mit schweren Tritten steigt sie die Treppen zur Fritzi-Massary-Lounge in der Komischen Oper hinauf, wo sie sich in einen der weichen Sessel sinken lässt. Der Blick aber ist wach, die Stimme erstaunlich leise.

Frau Manzel, nach fast zwei Jahren Pause werden Sie als Lilli Vanessi wieder Ihren Ex Fred bekämpfen. Das ist die vierte Wiederaufnahme, fast 70 Vorstellungen liegen hinter Ihnen. Wie halten Sie sich für die Geschichte frisch?

Unter anderem hält mich die Zusammenarbeit mit neuen „Ex-Männern“ frisch. Peter Bording ist nach den vier Wiederaufnahmen auch mein vierter Fred. Mit jedem habe ich das Stück komplett neu einstudiert. Es ist natürlich viel vorgegeben, aber durch einen neuen Partner entsteht immer wieder etwas Neues, eine andere Chemie.

Ein ganz schöner Verschleiß...

Ja, das kann man so sagen. Aber vier Ex-Ehemänner sind ja heute schon fast normal.

Und wie läuft es mit Ihrem neuen Fred?

Peter Bording ist ein wunderbarer Sänger und Darsteller. Er arbeitet in vielerlei Hinsicht wie ein Theaterschauspieler, was das Darstellerische betrifft. So entsteht ein intensives Zusammenspiel auf der Bühne, was für mich sehr wichtig ist. Es gibt inzwischen viele Sänger, die ganz in der Tradition des Musiktheaters von Walter Felsenstein stehen, dem Gründer der Komischen Oper Berlin und ihrem langjährigen Intendant: starke Sänger und intensive Darsteller.

"Ich brauche das Theater"

Ist Ihnen nach so vielen Aufführungen mitunter nicht der eine oder andere Song verleidet?

Nein, gar nicht. Jetzt waren ja ein paar Jahre Pause. Und es sind ja nicht nur die Songs, sondern auch die wunderbaren Dialoge, die ich immer wieder neu entdecken kann, und die Tanzszenen. „Kiss me, Kate“ ist eine riesige, energiegeladene Aufführung. Es sind in dieser Spielzeit viele neue Tänzer dabei – auch sie halten eine Produktion frisch und geben neue Inspirationen.

Sie sagten einmal, in jeder Rolle, die Sie spielen, findet sich etwas von Ihnen selbst. Wie viel Lilli Vanessi steckt in Dagmar Manzel?

Lilli ist ein Theatertier. Sie kann ohne Theater nicht leben. Das hat sie mit mir gemeinsam: Ich brauche das Theater. Solange es mir mehr Freude als Angst macht, möchte ich es nicht missen. Natürlich bin ich vor jeder Aufführung nervös, aber sobald das Orchester erklingt oder der Scheinwerfer angeht, möchte ich nur eins: Spielen. Solange ich darauf noch Lust habe, will ich auf der Bühne stehen.

Sie waren im Schauspiel-Olymp, fast 20 Jahre festes Ensemblemitglied des Deutschen Theaters, gefeiert, unkündbar …

… 2001 bin ich gegangen – nicht der ideale Moment, um einen sicheren Job aufzugeben, so kurz nach der Wende und ich als allein erziehende Mutter …

… und wandten sich bald darauf der von vielen als leichte Muse belächelten Operette zu.

Diese strenge Trennung zwischen „ernsthafter“ Kunst und Unterhaltung – das ist etwas, was ich an der deutschen Kultur nicht mag. Gute Unterhaltung ist genauso schwer zu erarbeiten und genauso ernsthaft wie die großen Klassiker. Ich möchte da nicht trennen, beides ist wertvoll und wichtig. Das ist übrigens auch genau das, was ich an Barrie Kosky …

"Ich habe Barrie Kosky viel zu verdanken."

… dem aktuellen Intendanten …

… so sehr liebe, nämlich dass er völlig unbelastet an die verschiedenen Genres herangeht. Er unterscheidet nicht zwischen „E“ und „U“; allein die Qualität und das Potenzial eines Stücks zählt.

„Kiss me, Kate“ war die erste Produktion mit Kosky, mit dem Sie seither regelmäßig arbeiten. Einmal pries er Ihre Vielseitigkeit, nannte Sie seine Muse.

Das war eine richtige Liebeserklärung, die mich sehr berührt hat. Barrie ist nicht nur ein grandioser Regisseur, sondern auch ein wunderbarer, warmherziger Mensch. Ich habe ihm sehr viel zu verdanken.

Ihr Humor und Ihr feiner Spott passen sehr gut zu den Berliner Jazz-Operetten der 1920er-Jahre, die Barrie Kosky ausgegraben hat.

Ich fühle mich in dieser Zeit einfach zu Hause – das gilt für die Musik von Hanns Eisler, Friedrich Hollaender und anderen genauso wie für diese Operetten. Aber es ist schon verrückt: Da kommt ein Regisseur aus Australien und zeigt uns Deutschen, was für eine tolle Musiktheatergeschichte wir haben, noch dazu direkt hier in Berlin und an der Komischen Oper Berlin, mit der Sängerin Fritzi Massary und mit Komponisten wie Paul Abraham oder Oscar Straus. Das ist so ein Glück auch für mich, denn es ist nicht nur großartige Musik, sondern auch die Libretti sind so intelligent, so witzig und voller Esprit – und dabei doch selbstironisch und auch zeitkritisch. Das ist Unterhaltung im besten Sinne. Für mich ist das nicht nur als Sängerin, sondern auch als Schauspielerin ein gefundenes Fressen.

Wie kamen Sie zur Opernbühne?

Ich wollte immer singen. Schon während meines ersten Engagements, 1983 in Dresden, habe ich Gesangsunterricht genommen. Nach der Wende kam dann dieser Glücksfall: Ich spielte die Opernsängerin Rita Marchetti in dem Stück „Nebbich“ von Carl Sternheim, sang auch einige Lieder und Arien. Da habe ich vollends Blut geleckt. Ich merkte, dass mir das wahnsinnigen Spaß macht. Eines Tages saß der Sänger Jochen Kowalski in der Vorstellung. Er war begeistert und ermutigte mich, mehr zu singen. 2002 habe ich „Die Großherzogin von Gerolstein“ von Offenbach am Deutschen Theater gemacht – und dann meldete sich die Komische Oper. Das war einfach zu reizvoll, ich habe keine Minute gezögert.

"Ich lerne Klavier"

Welche Rolle spielte Musik bei Ihnen zu Hause?

Es war wichtig, aber wir haben nicht zu Hause musiziert. Ich habe leider auch kein Instrument gelernt, das mache ich erst jetzt. Ich lerne Klavier. Aber ich bin mit viel Musik aufgewachsen, ich erinnere mich insbesondere an die berühmten Opernchöre-Schallplatten, dann natürlich Fritzi Massary, Operetten, klassische Musik und vor allem Jacques Offenbach. „Klein-Zack“ aus Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ war die erste Single, die ich mir mit zwölf gekauft habe. Auf der B-Seite war die „Barcarole“.

Schauspielerinnen beklagen mitunter, dass es jenseits der 40 weniger Rollen gebe. Das Problem haben Sie offensichtlich nicht.

Seitdem ich Schauspielerin bin, höre ich diese Geschichte. Erst heißt es: Wenn du in die 30er kommst, dann wird es schwierig. Ich hab gespielt wie der Teufel. Dann heißt es: Die 40er … Bei mir hat sich kaum etwas verändert, im Gegenteil: Mit dem Musiktheater habe ich eine weitere Herausforderung gefunden. Jetzt bin ich 57 und kann noch immer nicht klagen. Und wenn ich erst 60 bin, gibt es hoffentlich die schönen Altersrollen, auf die ich mich freuen kann, wie die Mutter Courage.

Es gab Zeiten, da standen Sie bis zu zehn Mal im Monat auf der Bühne, drehten nebenher Filme für Kino und Fernsehen oder sprachen Hörbücher ein. Im vergangenen Frühjahr mussten Sie die Notbremse ziehen, Ihre Stimme versagte. Hat das Ihr Arbeiten verändert?

Das war schon ein Schuss vor den Bug. Zumal ich ein sehr preußisch geprägtes Arbeitsethos habe und keine Aufführung ausfallen lassen möchte. Aber da musste ich mir drei Monate Auszeit nehmen. Daraus habe ich viel gelernt. Ich schaffe mir jetzt mehr Freiräume, nehme mir mindestens einmal im Monat Zeit, um zu meinem Enkelkind nach Zürich zu fahren. Ich nehme mir regelmäßig Zeit für meine Mama, eine tolle Frau – ihr habe ich viel zu verdanken. Oder ich sitze im Sommer einfach mit Freunden im Garten und trinke ein Bierchen. Ich brauche keinen Trubel im Privatleben. Ich habe eine große Familie, da reicht die private Action. Ich genieße es auch, wenn ich für mich sein kann.

Für Ihre Theaterrollen, Filmcharaktere oder Hörbuch-Einspielungen erhalten Sie Preise, Sie ermitteln als Tatort-Kommissarin, geben meist ausverkaufte Konzerte. In Talkshows oder auf roten Teppichen aber zeigen Sie sich kaum.

Das liegt einfach nicht in meiner Natur. Und es ist letztlich auch eine Frage der Zeit und der Prioritäten. Wenn mir eine Sache am Herzen liegt, dann setze ich mich auf allen Ebenen dafür ein. Aber ich würde nie freiwillig auf einen Abend, an dem ich mit einer Freundin ins Kino gehen oder mit der Familie im Garten sitzen kann, verzichten, nur um mich auf dem roten Teppich zu zeigen. Ick bin eben ooch ne Berliner Pflanze.