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Berliner Zeitung | Schiller und Handke im Deutschen Theater: Das Deutsche Theater zeigt, was es kann
01. May 2015
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Schiller und Handke im Deutschen Theater: Das Deutsche Theater zeigt, was es kann

Die weite Leere der Macht. (Szene aus „Don Karlos“ mit Ulrich Matthes, Alexander Khuon, Andreas Döhler und Henning Vogt v.l.)

Die weite Leere der Macht. (Szene aus „Don Karlos“ mit Ulrich Matthes, Alexander Khuon, Andreas Döhler und Henning Vogt v.l.)

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Deutsches Theater

Mittwoch Handke, Donnerstag Schiller: Auf der Hinterbühne gibt es eine bescheidene Erzähltheaterpremiere, und einen Tag darauf bringt der Regisseur Stefan Kimmig seinen nächsten Klassiker auf der großen Bühne heraus. Was nach Alltagsgeschäft klingt, geriet am Deutschen Theater zu einem beglückend soliden Doppeltreffer. Zwischen Streit (die an der Volksbühnen-Umstrukturierung entfachte Grundsatztheaterdebatte der letzten Wochen) und Feier (Theatertreffen) wird offenbar auch gearbeitet, also inhaltlich und künstlerisch. Welch Erleichterung!

Schon besagter Peter-Handke-Abend, „Immer noch Sturm“ von Frank Abt in subtiles Sepia getaucht, lässt all die kulturbetriebliche Selbstvergewisserungserregung schlagartig vergessen. Man sinkt mit dem Handke’schen Ich (Markwart Müller-Elmau) hinab in die Einbildungen einer Vergangenheit: Man lernt das Jaunfeld in Kärnten zwischen 1936 und 1945 kennen und die slowenischen Dichter-Ich-Ahnen (mit nachdenklicher Durchlässigkeit verkörpert von Schauspielern), schmeckt alte Apfelsorten und Milchhaut, spürt den Fluss der Zeit durch Leid und Traum zum Tod − vertrauensvolles Theaterschläfchen inbegriffen.

Spannungsgeladene Ruhe

Sehr leise und temporeduziert geht es über weite Phasen auch bei Schillers „Don Karlos“ auf der großen Bühne zu. Doch ist die Ruhe an König Philipps II. Hof zum Bersten mit Spannung geladen, die aber mit Hilfe des Machtapparats und der Inquisition unter dem Deckel gehalten werden. Einerseits gärt es in den protestantischen niederländischen Provinzen, andererseits kochen in dem titelgebenden Infanten (Alexander Khuon) Leidenschaften für seine junge Stiefmutter Elisabeth (Katrin Wichmann), während Prinzessin Eboli (Kathleen Morgeneyer) für ihn entfacht ist. Das Ganze platzt auf mit dem Erscheinen des idealistischen Jugendfreunds Marquis von Posa. Andreas Döhlers Posa scheint tatsächlich der einzige in dieser leergefegten Kühlschrankwelt (Bühne Katja Haß) zu sein, in dessen Adern das Blut zu fließen wagt und der so guckt wie er denkt.

Alle anderen sind festgezurrt und ermattet zugleich − von unterdrückten Leidenschaften oder Posen der Macht. Jedes Wort ist eine Falle, jede Begegnung ein unerbittlich ausgetragener Interessenkonflikt. Alle sind in Deckung, wer zuckt, verliert, gleichzeitig wird der Handlungsspielraum immer enger, die Situation immer auswegloser. Alles, was der König (Ulrich Matthes) absondert, ist eine unerbittliche Entscheidung, ob Sanktion oder Gnade − eine menschliche Äußerung ist unmöglich. Deshalb spricht er wenig und kaum laut. Deshalb die aufgesperrten Ohren und die wohlgesetzten Schritte und Worte in der machtversessenen mittleren Führungsebene (Henning Vogt und Jürgen Huth).

Das Ganze würde den Spielern schon viel früher um die Ohren fliegen, wenn sie sich nicht ab und zu in das Maß der Blankverse retten könnten − die Sprache als Maske, aber auch als Geländer und als Sortierhilfe. Nicht dass das in einer Sekunde aufgesagt klänge, aber in Momenten so, als würde die Sprache in die angststarren oder wutentbrannten oder pathosberauschten Figuren fahren und ihre Affekte in Bahnen lenken, die möglicherweise kühler sind, aber nur umso gezielter ins Verderben führen.

Was für ein nervenzerfetzendes und herzrhythmushetzendes Mitdenkabenteuer! Mit so gut wie nichts als Schauspielern, die dürfen, was sie können, sagen, was sie meinen und wissen, was sie tun. Und die uns damit ihre Freiheit im Spiel und unsere Unfreiheit im Leben vorführen. Wie gesagt: Welch Erleichterung!

Don Carlos 14., 19., 29. Mai; 4., 10. Juni, 6. Juli, Deutsches Theater

Immer noch Sturm 3., 8., 26. Mai; 11. Juni, 1. Juli, DT-Hinterbühne

Karten und Anfangszeiten unter Tel.: 28441225 oder deutschestheater.de