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Theater am Kurfürstendamm: Rassismus beim Abendessen

Als Schauspieler hatte Ivan Vrgoc sein Auskommen. Aber etwas fehlte. Nun bringt er auch noch als Produzent Broadway-Stücke auf deutsche Bühnen.

Als Schauspieler hatte Ivan Vrgoc sein Auskommen. Aber etwas fehlte. Nun bringt er auch noch als Produzent Broadway-Stücke auf deutsche Bühnen.

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berliner zeitung/PAULUS PONIZAK

Ivan Vrgoc sieht müde aus. Der Schauspieler sitzt am offenen Fenster seines Büros in einer aufgehübschten Remise in einem Kreuzberger Hinterhof, zieht an einer selbst gedrehten Zigarette. Nur noch drei Tage bis zur Premiere. Der Berliner steht nicht auf der Bühne, er produziert mit der von ihm 2012 gegründeten Santinis Production das Stück „Geächtet“ des amerikanischen Autors Ayad Akthar, das ab Donnerstag im Theater am Kurfürstendamm zu sehen sein wird – zwei Wochen nach der deutschen Erstaufführung am Schauspielhaus Hamburg und vor der Premiere am Münchner Residenztheater.

Anders als die mit zweistelligen Millionensummen auskömmlich finanzierten Staatstheater, in deren Liga er sich qualitativ bewegt, erhält Vrgoc keine öffentlichen Gelder für seine Arbeit. Der 38-jährige Vater zweier kleiner Kinder haftet mit vollem persönlichen Risiko. Da können allein schon die Produktionskosten von 350.000 Euro den Schlaf rauben. Zumal, gelinde gesagt, nicht alles rund läuft.

Rückschläge bei der Rollenbesetzung

Das ist nichts Ungewöhnliches für eine Theaterproduktion, aber während am Staatstheater im schlimmsten Fall eine Premiere verschoben wird, ist Santinis zum Erfolg verdammt. So hat sich Vrgoc von Cosma Shiva Hagen, dem prominenten Zugpferd der Produktion, wegen „künstlerischer Differenzen“ getrennt. Auch mit Regisseur Arash T. Riahi sollte es nicht klappen. Da nahm Vrgoc vor zehn Tagen die Inszenierung kurzentschlossen selbst in die Hand.

„Würden wir absagen, hätte ich ein Problem“, sagt Vrgoc. Das Bühnenbild ist gebaut (20.000 Euro), der Theatersaal gemietet (50.000 pro Monat), die Schauspieler verpflichtet (90.000 Euro), um nur einige Punkte zu nennen. Erstaunlich freimütig listet Vrgoc die Kosten auf. Einige der Zahlen sind mit Kreide auf eine schwarze Tafel an der makellos weißen Wand gekritzelt. Gleich daneben stehen schon die nächsten Projekte.

Nicht unternehmerischer Ehrgeiz treibt Vrgoc an, ohne ihn geht es aber nicht. Vrgoc will mit hochwertiger Bühnenkunst unterhalten. Zeigen, dass es durchaus ein Publikum gibt für ein Gegenwartstheater, das sich nicht selbst reflektiert, sondern hintergründige Stücke einfach gut erzählt. Seine Vorbilder dafür findet er in den USA, die Stücke ebenfalls. Und das mitunter schneller als die subventionierte Konkurrenz.

Das in der vergangenen Saison am Broadway erfolgreich aufgeführte und mehrfach, unter anderen mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Drama „Geächtet“ ist so eines, für das Vrgoc die Aufführungsrechte für Berlin vom Fischer-Verlag erhalten hat. Der pakistanischstämmige Autor Akthar thematisiert darin Fragen religiöser und ethnischer Identität, es geht um Anpassung und Rassismus, und das alles während eines Abendessen zweier vermeintlich so vorurteilsfreier reicher New Yorker Ehepaare. „Das Stück der Stunde“, nennt es Der Spiegel.

Spürbare Begeisterung

„Ich glaube an das Stück“, sagt Vrgoc, „wenn man sich ihm aussetzt, lässt es niemanden unberührt“. Er redet schnell, doch eilig hat er es nicht. Vielmehr lässt Begeisterung die Worte sprudeln. Warum sonst sollte er sich das antun, das Risiko, den Druck? Als Schauspieler hatte der Sohn kroatischer Eltern sein Auskommen, spielte kleinere Rollen in Filmen, hatte Engagements an Bühnen in Düsseldorf, Bonn und München. Er war nicht unzufrieden, aber etwas fehlte.

Ein Workshop mit dem amerikanischen Schauspiellehrer Larry Moss wies neue Wege. Mit anderen Teilnehmern entstand die Idee, gemeinsam das Stück „Gerüchte, Gerüchte“ des Broadway-Autors Neil Simon auf die Bühne zu bringen. Dass aus diesem spontanen Gedanken Santinis entstand, war nicht zuletzt Vrgocs Unerschrockenheit zu verdanken.

Die Hürden waren hoch, Unterstützung von Banken nicht zu erwarten. Also lieh sich der frisch gebackene Produzent die 80.000 Euro Startkapital von Freunden, 20.000 schenkte ein deutscher Autobauer und gewann das Kudammtheater als Co-Produzenten. Die Schauspieler, auch Fernsehkommissarin Maria Furtwängler, die ihr Bühnendebut gab, verzichteten auf eine feste Gage. Das Wagnis zahlte sich aus. Nach 44 ausverkauften Vorstellungen in dem 800 Zuschauer fassenden Kudamm-Theater und über einer Million Euro Umsatz erhielten die Schauspieler rund 700 Euro pro Vorstellung – mehr, als sonst an Privattheatern gezahlt wird. Natürlich hing dieser Erfolg nicht zuletzt an der Popularität Furtwänglers. Aber er zeigte, dass wirtschaftliches Gelingen jenseits der Schenkelklopfschwänke des Boulevards möglich ist.

Überschwängliche Anerkennung

So beflügelt, steckte Vrgoc den Gewinn in die nächste Produktion. Für das Drama „Eine Familie“ des US-Autors Tracy Letts, kurz zuvor unter dem Titel „August: Osage County“ erfolgreich verfilmt mit Stars wie Julia Roberts und Meryl Streep, sicherte sich Vrgoc die Rechte vor Schaubühne und Deutschem Theater. Mit der dreieinhalbstündigen Bühnenversion des Generationengemetzels konnte Santinis trotz bekannter Fernseh- gesichter wie Annette Frier den wirtschaftlichen Gewinn nicht wiederholen. Dafür zollten die Feuilletons dieser Inszenierung überschwänglich Anerkennung.

Es ist ein mühsamer Weg. „Scheitern. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern“, lautet denn auch Vrgocs Leitsatz frei nach Samuel Beckett. Der nächste Schritt steht bevor.

Geächtet – Premiere am Donnerstag, 28. Januar, 20 Uhr, dann bis 27. März, Theater am Kurfürstendamm, Karten: 19 bis 47 Euro, Tel. 88 59 11 88