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Theater in Berlin: Eine Kafka-Collage im Deutschen Theater

Virtuose Kafka-Clown-Klone beim Bewältigen ihrer Ängste

Virtuose Kafka-Clown-Klone beim Bewältigen ihrer Ängste

Foto:

Arno Declair

Vier hingewürfelte, nahezu identisch eingerichtete Wohnzellen hat scheinbar der Zufall so aufgestapelt, dass sie das Bühnenportal ausfüllen. Man glaubt nur einen Ausschnitt aus einem Wohnzellenhaufen zu sehen und kann das parzellierte Geschehen in alle Richtungen gedanklich fortsetzen, vielleicht nicht unendlich, aber doch ameisenhaufenartig unüberblickbar. Die Ecken der schiefen Schachteln stoßen ineinander, die durchborstenen Wände bilden keine rechten Winkel, alles ist perspektivisch verschoben, einen Fluchtpunkt gibt es nicht. Hier in diesem windig-hermetischen Gebilde, das alles Außenleben abhalten soll, haben sich die kleinbürgerlichen Junggesellen eingenistet, die Franz Kafka in seinem Werk stellt.

Vervielfältigung

Einige seiner Erzählungen, eher die unbekannteren, hat der Regisseur Andreas Kriegenburg im Deutschen Theater zu seinem literarischen, streng-komischen Spielabend „Ein Käfig ging einen Vogel suchen“ montiert. Auch das Bühnenbild stammt von ihm. Nicht nur die Zimmer wurden geklont, sondern auch ihre Bewohner: Glattmaske, Kafka-Scheitel, Hornbrille, mausgrauer Anzug, weißes Hemd, beigefarbener Pullunder, Aktentasche und Krawatte. Aus diesen Vervielfältigungen saugt Kriegenburg erst einmal auf formaler, clownesker Ebene schönsten Honig.

Die Verrichtungen, die zum An- und Ablegen einer solchen Angestelltenuniform nötig sind, werden in ihren reichen, fast schon wieder individualistischen Varianten zelebriert. Dazu kommen einprogrammierte Alltagsübungen, die zu absolvieren zwar einige Mühe bedeutet, aber zur Sortierung des bedrohlich chaotischen Lebens dringend erforderlich sind: Eier aufklopfen, Kalenderblatt abreißen, Zeitung lesen, Radio hören, Kaffee trinken, verschiedensten Juck-, Zupf- und Putzreizen nachgeben. Letzteres vollziehen die Vervielfacht-Vereinzelten in ihren Winkeln während einer sehr hübschen Sitzchoreografie, für die es bei der Premiere den ersten von vielen Szenenapplausen gibt.

Wie das hinhaut! Eine herrlich vergebliche Gruppen-Krawattenbinde-Arie, bei der die anfängliche Synchronität immer mehr verloren geht, wobei sich die Schlipsenden selbstständig zu machen scheinen und sich, Kontakt zu ihren Artgenossen suchend, mit den Nebenschlipsen verschlingen, bis die Fünf an den Hälsen in einem Krawattenknoten aneinandergefesselt sind und bei der kleinsten Bewegung stranguliert zu werden drohen. Solcherweise als Schicksalsgenossen verbunden, geben sie die kleine Erzählung „Gemeinschaft“, die von fünf Freunden handelt, die in ihrem Miteinander gestört werden durch einen sechsten, der sich einfach nicht vertreiben lässt.

Aber dieser Abend ist mehr als ein Slapstick-Nummernprogramm − zumindest wenn man gutwillig genug ist, das Menschsein in der Welt nicht lediglich als ein Slapstick-Nummerprogramm zu sehen. Kafkas grausame Gleichnisse über die Not des Lebenmüssens (unter anderem „Es war einmal ein Geduldspiel“, „Der plötzliche Spaziergang“) treten in nervenreißende Interferenz mit den nicht weniger grausamen Gleichnissen über die Angst vor dem Sterbenmüssen („Schakale und Araber“, „Ein altes Blatt“).

Die unvollendete, im Nachlass gefundene, längere Geschichte „Der Bau“, die den Abend verklammert, fasst beide Qualen in eine. Es ist der Monolog eines Tieres, das immer paranoidere unterirdische Architekturen gräbt, die seine Vorräte und sein Leben behüten sollen. Das Gebilde scheint kurz vor der Vollendung zu stehen, schon fast meint das Wesen, sich eine „gewisse Lässigkeit“ leisten zu können (Lachen im Publikum), da entpuppt sich der Schutzraum immer mehr als Falle.

Gewissen und Gewissheit

Es hätte die kurzen Einspielungen von Radionachrichten über Flüchtlinge und IS-Terroristen nicht gebraucht, um uns Zuschauer bei unseren aktuellen Ängsten und unserem Unbehagen vor dem Fremden zu packen, das immer auch aus der unterschwelligen Gewissheit gespeist wird, dass einem das, was man hat und zu brauchen meint, gar nicht zusteht. Dass man sicher nicht lebensfähig wäre oder gar gut sein könnte, wenn es ernst wird. Dass man demnächst ganz bestimmt als Hochstapler und Raffke auffliegt.

Mögen diese angstverkniffenen Abziehbilder in ihren so lächerlichen wie ohnmächtigen Abwehrverrenkungen zum Lachen reizen − sie sind natürlich keinen Deut schlechter als wir, vielleicht ein bisschen virtuoser im ungeschickten Umgang mit ihren Angst-, Chaos- und Unheil-Bewältigungsstrategien. Und ganz so ungemütlich oder gar langweilig scheint es in diesem vielfachverspiegelten, ausweglosen, einsamen Höllenstapel nun auch wieder nicht zu sein. Zumindest zugucken macht Spaß, wie man auch an dem großen Schlussjubel erkennen konnte. Vielleicht ist das sowieso keine schlechte Idee für die Bewältigung des trüben Lebens: ein bisschen auf Abstand gehen, zugucken und auf Humor hoffen.