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Theatervorführung "Borgen" in Berlin: Demokratiekritik in der Schaubühne

Die redlich-unredliche Birgitte Nyborg (Stephanie Eidt) und Volkes Meinung.

Die redlich-unredliche Birgitte Nyborg (Stephanie Eidt) und Volkes Meinung.

Foto:

Arno Declair

Kann man Politik machen, Macht übernehmen und trotzdem man selbst bleiben? Hat Birgitte Nyborg, die dänische Premierministerin, einen idealistischen Kern? Oder: Kann man aus den falschen Gründen oder mit den falschen Mitteln das Richtige tun? Und: Gibt es Umstände, unter denen die Wahrheit keine brauchbare Kategorie ist? Um ein gutes Beispiel für solcherlei moralische Zwickmühlefragen zu bringen, springen wir gleich mal in die zweite Staffel der dänischen TV-Serie „Borgen“, die am Sonntag in der Schaubühne von Nicolas Stemann für das Theater adaptiert wurde.

Gut fürs Image

Folge 17: Birgitte Nyborg will in dem afrikanischen Konflikt zwischen Nord- und Süd-Kharum für Frieden sorgen, sagt sie so in ihrer sehr unverstellten, gewinnenden, glaubwürdigen Art und macht einen Punkt. Nicht ungern nimmt sie, wie auch ihr Medienberater (neudeutsch: Spin-Doctor), dabei in Kauf, dass ihr ein solches Engagement Stimmen von Wählern zurückbringt, die sie am Ende ihrer ersten Amtszeit im realpolitischen Geschäft verloren hat.

Außerdem ist so ein Frieden wirtschaftlich von Vorteil, in Kharum gibt es Öl, und Dänemark ist eine Exportnation. So viel also zu den eigentlichen Gründen. Und nun zu den Mitteln: Um die Kriegsparteien an einen Tisch zu bekommen, dürfen einige Verbrechen nicht ans Licht kommen, weil das den Konflikt vertiefen und den Krieg anheizen würde, deshalb muss Einfluss auf die Medien genommen werden, die praktischerweise zu großen Teilen dem reichsten Mann Dänemarks gehören. Er wird für ein gutes Image sorgen, auch weil ein befriedetes Kharum natürlich in seinem Interesse liegt. Da haben wir den Knoten von Politik, Wirtschaft und Medien. Alles für den Frieden.

Ha, das wussten wir ja alles schon aus der Serie, die solche Konflikte wirklich brillant konstruiert und zuspitzt − von herrlichen, sehr glaubwürdigen (bitte die Problematik dieses Attributs bis zum Ende dieses Absatzes im Hinterkopf behalten) Schauspielern ausagieren lässt. Hier setzt die Stemann-Kritik an. Die Konfliktlagen bleiben, anders als in Wirklichkeit für die Beteiligten (und für die Beobachter) gerade so überschaubar. Das ist ein sicher nötiges Zugeständnis an den Fernsehzuschauer. Und es tut dem Konsumenten und Quote-Bringer womöglich wohl, dass es diese sympathische weiße Frau ist, die den Konflikt in Afrika löst. Dieser kritisch reflektierende Hinweis auf das zynische Geschick der Drehbuchautoren, das muss mal wieder das Theater übernehmen. Und das bedeutet für den Theaterzuschauer natürlich mehr Denkarbeit und durchaus mehr Erkenntnisfrust.

Der Abend springt von der Tischprobe zum Melodram, von der Lecture-Performance zur Soap, vom Brecht’schen Lehrstück zur Nummernrevue − und immer wieder zurück in die bitter-ironische Selbstreflexion. Die Schauspieler − Stephanie Eidt, Sebastian Rudolph, Tilman Strauß und Regine Zimmermann − machen das großartig: Eben noch angeödet von ihrem Tun, dann wieder mitten drin. Sie wechseln die Rollen, deuten an, agieren aus, brechen wieder ab. Wie schon bei Simon McBurneys Zweig-Adaption „Ungeduld des Herzens“ kommen Teleprompter zum Einsatz, auf denen der Text mitläuft. Dazu wuseln Regieassistenten, Kameraleute, Statisten und die beiden Musiker Thomas Kürstner und Sebastian Vogel über die mit Videoschirmen und technischem Equipment vollgestellte Laborbühne. Nie wird richtig klar, was nun eigentlich inszeniert ist und was noch probiert wird. Das ist aber kein Mangel an Service, sondern − wenn auch ein bisschen eitel ausgestellte − Cleverness und Lässigkeit. Ausrede: Perfektion ist Lüge − und das ist der Punkt, an dem die Auseinandersetzung mit den Erzählstrategien der Serie beginnt.

Bedienungsanleitung

Dennoch schien so mancher Zuschauer angeödet zu sein von der forcierten dramaturgischen Disziplinlosigkeit, die es einem nicht leicht macht, die Figuren und die in wilden Sprüngen angedeutete Handlung auf den Schirm zu bekommen. So dass die Serviceabteilung des Theaterbüros der Berliner Zeitung folgende Handhabung empfiehlt: Man verbringe erst ein wenig Zeit mit der Fernsehserie. Man braucht nicht alle 30 Folgen zu kennen, um ausreichend für den Gang in die Schaubühne gewappnet zu sein. Und dort erklimme man weitere zwei oder drei Reflexionsebenen, von denen aus man auf die vor dem Fernseher gewonnenen Einsichten hinabblicken kann. Schließlich begebe man sich zurück in die Wirklichkeit. Falls der gewonnen Durch- und Scharfblick zu Schwindelgefühlen führt: schnell dumm stellen. Doch, das geht.