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Volksbühne: Ein Seelenbad in süßem Gift

1985_03_Halleluj

Die Insassen hantieren, nein nicht mit Absperrgittern, sondern mit Leitsystem-Elementen.

Foto:

Walter Mair

Mit das Schönste an diesem neuen Volksbühnenabend von Christoph Marthaler, Anna Viebrock und Ensemble ist der langsame, von viel Aufmerksamkeit getragene, dennoch zeitweise immer aussichtslosere Gruppenslapstick mit den Absperrgittern.

Elf betont farbenfrohe Gestalten verhaken und blockieren sich, nehmen durchaus Rücksicht aufeinander, aber verfolgen doch jede mit ihrem Gitter ein eigenes Projekt. Sie versuchen, sich entsprechend den rätselhaften Maßgaben − zum Beispiel: Nicht aus der Freizeit ausscheren! − einzurichten.

Sie sind übrig gebliebene Insassen in einem bröckelnden und gammelnden, aber hoch ummauerten Rummelplatz: Einem umgekippten Pappsaurier fallen die Zähne aus; in einem Kassenhäuschen zieht es; ein blau-rosa Treppenelement führt nirgendwo hinauf und wieder hinunter; omnipräsente Sitzgelegenheiten laden zum Ermatten ein; in einem Kunstteich ist das Wasser versickert, dafür sammelt sich jetzt dort der Müll, unter anderem die eckigen Milchkübel, die beim Rezensenten prompt erste nostalgische Saiten klingen lassen, wurde darin doch in DDR-Zeiten die Schulmilch transportiert, mit denen der Arbeiter- und Bauernstaat seine kommende Generation säugte (Schoko, Vanille und Frucht).

Weitere Vorwendephänomene treten aus dem passiven Gedächtnis: Der Kulturpark Plänterwald! Die Hobbyindianer! Dean Reed, unser deutscher demokratischer US-Westernheld, mit gelbem Rolli, Jeanshemd und Sonnenbrille! Clemens Sienknecht übernimmt diese Heldenrolle samt geblähtem Double-U-Akzent und singt: „Jedes Lied, das unsre Feinde stört, ist ein Liebeslied, das dir gehört“. Worauf die nach authentischen brandenburgischen Hopi-Indianern suchende Hobby-Indianerin Olivia Grigolli allerdings mit Brechanfällen reagiert.

Lauter Heimatgefühle. Dazu die Tatsache, dass man dieses realexistierende Paradies nicht verlassen darf. Was den Insassen prinzipiell recht ist, auch wenn ihnen vielleicht nicht ganz klar ist, wer oder was ab- oder aus- oder einzuzusperren ist. Überhaupt: Absperrgitter! Klingt fast so schlimm wie Mauer, EU-Außengrenze oder Bezahlschranke! Richtig heißen die Dinger Leitsysteme, und sie finden auch heute in der Freiheit bei Demos Verwendung, auf dass sich niemand verlaufe. Überhaupt besteht das Beunruhigende der so wonnigen wie giftigen nostalgischen Anwandlungen darin, dass sie als Metapher für die Gegenwart taugen: Diese Mischung aus Überwachung und Unterhaltung, bei gleichzeitiger Ermüdung, Erstarrung und Massenvereinsamung.

Ungebrochen ist auch der Widerhall, den diese Stimmungen in den auch nicht authentischeren Original-Country-Evergreens und Popsongs von Dolly Parton, Bob Nolan, Taylor James, The Eagles finden. Zum Beispiel Hank Williams’ Wehklage: „I’m so lonesome I could die“, in der die Drossel weint, die Schwarznachtschwalbe zum Fliegen zu traurig ist, der Mond sich zum Weinen hinter die Wolken verzieht und der verlassene Sänger eben am liebsten sterben möchte. Das ist Ueli Jäggis Nummer; er selbst hängt auf einer Parkbank, sein Kopf an ihm, er singt langsam, brabbelt die Pausen zu, wird noch langsamer. Raphael Clamer an der Rührtrommel verzögert mit großer innerer Beherrschung jeden Taktschlag bis kurz vor die Einschlafgrenze, um den Schmerz und die Klage einen halben Zentimeter tiefer ins Herz zu stupsen. Als er sich nicht mehr bremsen kann und in wildes Getrommel ausbricht, wird die Insassenmeute zum ersten Mal richtig aktiv − um ihn schnellstens wieder zu Ruhe und Ordnung zu rufen. Zu Ruhe vor allem. Herrlich.