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Theaterstück "Heimweh und Verbrechen" in Hamburg: Keine Geschichte vergeht

"Heimweh und Verbrechen" im Hamburger Schauspielhaus.

"Heimweh und Verbrechen" im Hamburger Schauspielhaus.

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Walter Mair

Da steht er, streng gescheitelt. Im blassbraunen Anzug, mit Brille und spitzen Fingern. Alles wirkt, als wäre dieser Mensch außen- wie innenherum fremdgeboren in sein Dasein. Gleichermaßen Opfer der Umstände wie ihr willfähriger Diener. Steht, schaut, schweigt und verkündet: „Nun“. Pause. Hernach spricht Clemens Sienknecht uns vom „Haussegen für den Heimkaktus“, von „das Heimatdefekt“ (kein Schreibfehler!), vom Ort, an dem er sich befindet (die Rampe!). Bald schiebt sich der Eisernen Vorhang quietschend nach oben, auf dass man ein Häufchen Menschen hocken sehe, die schön windesfern singen „Lustig ist das Zigeunerleben, faria, faria, ho!“. Das Harmonium jammert, die Stimmen glöckeln, der Vorhang fährt wieder herab.

Heimtückische Drolligkeit

Hach, diese erhabene Skurrilität, diese schief in die Welt gehängten Figuren. Dafür ist Christoph Marthaler berühmt, wird er geliebt und bewundert. Niemand sonst im Theater weiß so herzerheiternd die Menschen zu preisen, indem er sie über auf schrulligem Grund errichtet, stolpern und irrlichtern lässt. Das Marthaler-Theater: eine Unterhaltungskunst, in der sich das Komische beim Traurigen unterhakt.

Nun. Das Marthaler-Theater ist immer schon mehr als das, ist auch garstig, packt den Zuschauer unversehens im Nacken und rupft ihn aus seinem Drolligkeitsschlummer. Das Marthaler-Theater: auch eine heimtückische Überrumpelungskunst, zuletzt vor allem dank der dissonanzseligen, musikalischen Arrangements. „Letzte Tage. Ein Vorabend“, Marthalers Singspiel im alten Wiener Parlament vom vergangenen Mai, war in dieser Hinsicht das Meister-Stück.

Musikalisch ist „Heimweh & Verbrechen“, sein neuestes Bühnenwerk, hergerichtet am Hamburger Schauspielhaus, eher alte Marthaler-Schule. Volkslieder, Arien-Schnipsel, hin und wieder Elektro-Cello-Einschübe live von Martin Schütz; und am Ende wird „Kommt ihr Töchter, helft mir klagen“, der Eingangschor aus Bachs „Matthäuspassion“, in schlimmschönster Weise zum Partysound verhohnepiepelt. Und alle wippen sie in Galakleidung dazu. Ein böser Musikdoppelpunkt hinter diesem Abend.

Man sieht Heimgesuchte, Flüchtende

In seinem Zentrum jedoch: Geschichten, Erinnerungen. Sie scheinen aus einer tief hängenden Erzählwolke zu tropfen, den Figuren mitten ins Gesicht, oder den Nacken; es ist, als würden sie von den Sätze ereilt. Als widerfahre ihnen das Erzählen. Nichts ist diesen Figuren unbegreiflicher als die Rede, man führe ein Leben. Man sieht Heimgesuchte, Flüchtende.

Die Texte sind größtenteils Karl Jaspers’ Heidelberger Doktorschrift „Heimweh und Verbrechen“ von 1909 entnommen. Darin untersucht Jaspers Kriminalfälle aus Heimweh, um den „Mechanismus der Heimwehentstehung“ zu ergründen, „Zwangshandlungen“ vor allem bei Pubertierenden mit „psychopathische Veranlagung“. Josef Ostendorf verliest ein Gerichtsprotokoll über den Mord der Wilhelmine Krebs an einem Kleinkind; sie hat es erstickt, aus Heimweh. Ueli Jäggi erzählt von Haft und Selbstmordversuchen, aus Heimweh. Bettina Stucky berichtet von stummen Schlägen, Irm Hermann von einem Mädchen, das nach Hause wollte und wieder fortgeschickt wurde. Olivia Grigolli sagt „Das kostet Rache.“

Den Hauptteil des gut zweistündigen Abends machen solcherlei dickflüssige Berichte aus. Berichte von Heimatvergötterung und Heimwehsucht, und von Angst vor Fremden und der Fremde. Einmal sitzen sie alle beieinander und singen „Nun ade, du mein lieb Heimatland“. Jede Silbe wird einzeln herausgepresst, jeder Ton wie ein Stein hingewürfelt. Heimat: auch ein Vergessen, Verdrängen. Heimweh: auch die Sehnsucht nach der Geborgenheit von Lebenslügen.

Unfreiwillig tagesaktuell

Es konnte, als dieser Abend in Planung ging, niemand wissen, dass Marthalers Herkunftsland, die Schweiz, dafür votierte, sich vor Europa lieber wegzusperren, im Glauben, die Heimat müsse gegen Fremdes beschützt werden. Politische Brisanz hat diese Inszenierung ohnehin, ihre Tagesaktualität erfährt sie unfreiwillig. Weil sie das Vergangene nicht vom Gegenwärtigen abschneidet. Marthaler wollte an die Geschichte der „Verdingkinder“ erinnern, an Kinder, die man den Eltern wegnahm, anderswo unterbrachte und arbeiten ließ; bis Ende der 1950er Jahre gab es das in der Schweiz, zuvor auch lange in Deutschland. Und seine Bühnenbildnerin Anna Viebrock wollte die Auswandererwelle Anfang des 20. Jahrhunderts aufgreifen. Ihr Raum ist eine Nachbildung des Eingangsbereichs zu den (heute in ein Museum umgewandelten) Auswandererhallen in Hamburg-Veddel, Abschieds- und Aufenthaltsort für die Tausenden, die oft genug aus Not und Aussichtslosigkeit in die USA wegzogen. „Mein Feld ist die Welt“ steht an der Wand, darunter eine Uhr, die eine unmögliche Zeit zeigt.

Das ist dieser absichtsvoll zähe Abend: ein Rücksturz in die Geschichte, um der Gegenwart von hinten über die Schulter zu schauen. Sowohl überkonkret als allgemein zugleich. Am Anfang lässt Clemens Sienknecht neben den Schauspielern auch Statisten in einer Reihe hinstellen. Er schreitet auf und ab – und sortiert die Statisten aus. Eine Selektion an der Rampe. Ein Fingerzeig auf die Geschichte, die nicht vergehen will. Und auf sich selbst, auf ein Theater, das sich damit nicht abfindet.

Wieder am 2., 21., 26. März im Hamburger Schauspielhaus, Tel.: 040/248713