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Tim Renner: Wo hat der Mann seine Augen?

Der Musikproduzent Tim Renner (SPD) wird neuer Kulturstaatssekretär in Berlin (Archivbild).

Der Musikproduzent Tim Renner (SPD) wird neuer Kulturstaatssekretär in Berlin (Archivbild).

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Imago/Jens Jeske

Tim Renner ist ein Zukunftsmensch. So einen kann man nicht damit beeindrucken, dass eine Tradition schon lange lebt. Die 500 Jahre alte Geschichte des gedruckten Buchs zum Beispiel nötigt ihm keinen Respekt ab. Buchhändler und Verleger dürften froh sein, dass Renner jetzt nur der Nachfolger von André Schmitz als Berliner Kulturstaatssekretär wird und nicht noch mehr Einfluss bekommt. Denn deren Branche hat er auf einer Veranstaltung des E-Book-Dienstleisters Readbox Ende vergangener Woche in Dortmund gezeigt, wo seiner Meinung nach der Hammer hängt. Oder der neue Besen, der gut kehrt.

Digital ist besser

Als der Regierende Bürgermeister im Februar den Posten für Tim Renner verkündete, zeigten viele Kommentatoren ihre Begeisterung über den vorwärts denkenden Musikmanager. Weil Renner das Amt erst Ende dieses Monats antreten wollte, erklärte er damals, dass er sich zu kulturpolitischen Fragen noch nicht äußern könne. Damit meinte er offenbar nur die Berliner Kulturpolitik, nicht die ganz großen Themen.

Der Buchbranche riet er nun sehr allgemein, sie müsse sich vom Wunsch einer „Kontrolle des Wandels“ verabschieden und dem Leser endlich „Angebote auf Augenhöhe“ machen. Das berichtet der Buchreport. Renner stört sich am hohen Preis der E-Books, kritisiert den Kopierschutz, fordert eine Flatrate in der Art von Spotify. „Sie können die Digitalisierung nicht zurückdrängen, Sie müssen akzeptieren, dass Sie keine Kontrolle mehr haben“, mahnte Renner. Aber wo, in welcher Höhe, hat er seine Augen? Und wer drängt die Digitalisierung zurück?

Tim Renner weiß einiges über Digitalisierung, keine Frage. Er hat jahrelang im Musikgeschäft gearbeitet, als Popkritiker, als Radiochef, als Manager, als Unternehmer. Er hat erlebt, wie sich Musik im Internet rasend schnell und kostenlos verbreitete, obwohl in Deutschland immer noch fast drei Viertel des Umsatzes der Musikbranche aus physischen Tonträgern bestehen. Vor drei Jahren veröffentlichte er mit seinem Bruder Kai-Hinrich Renner das Buch „Digital ist besser“. Das Buch gibt es natürlich nicht nur auf Papier, sondern auch in digitaler Form zu kaufen.

Die Branche ist schon weiter

Der Witz an Renners Ausführungen besteht ja darin, dass die elektronischen Verkäufe in Deutschland durchaus wachsen. Doch in einem Land mit einem so weit gefächerten Buchhandel und so vielen auf Qualität in der Verarbeitung achtenden Verlagen ist das gedruckte Buch nach wie vor für viele Menschen attraktiv – und wird das auch bleiben. Die Branche wäre dumm, würde sie in vorauseilendem Gehorsam ihr Engagement für das klassische Produkt vernachlässigen und sich allein auf das digitale konzentrieren. Sie würden sich von den Augen der Leser abwenden.

Gerade in den Bereichen, die digital besonders attraktiv sind, passiert auch eine Menge: Im Sachbuch, bei der wissenschaftlichen Literatur – und in der Unterhaltung. Außerdem steigt die Zahl der gedruckten Bücher, die man mit E-Book-Code kaufen kann. So lässt sich das gute Stück zu Hause ins Regal stellen und handlich unterwegs lesen. Und es gibt ja längst Verlage, die sich allein auf das elektronische Publizieren konzentrieren. Eine der Verlegerinnen dieses neuen Typs, Christiane Frohmann, gehört zu den Kuratoren der Electric Book Fair, der ersten E-Book-Messe Deutschlands, die im Juni in Berlin stattfindet.

Wer als jung, frisch und modern gelten will, stellt gern alles infrage. Doch warum erlebt denn die Vinylplatte heute ein Comeback? Warum melden die traditionellen Buchmessen immer noch Besucherrekorde? Digital ist anders, muss aber nicht immer besser ein.