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Tod einer Filmgröße: Harun Farocki mit 70 Jahren gestorben

Geschichte war ihm immer auch Gegenwart: Harun Farocki im April 2013 in seiner Oldenburger Schau „Spiel und Spielregeln“ vor einer Videoinstallation.

Geschichte war ihm immer auch Gegenwart: Harun Farocki im April 2013 in seiner Oldenburger Schau „Spiel und Spielregeln“ vor einer Videoinstallation.

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dpa

In gewisser, fast mystischer Weise begreifen wir nach dieser Nachricht, was Harun Farocki mit seiner lakonischen Kunst eigentlich wollte. Er klärte uns mit Leidenschaft und Präzision über die veränderten Verhältnisse zwischen Kamera und Autor, zwischen Technik und Mensch auf, er lotete tief hinein in die so komplexen wie oft simplen Mechanismen und die Systematik des Kapitalismus, der virtuellen Kriegsvorbereitung, entlarvte die Harmlosigkeit des Krieg-Spielens und die Gefahr von fanatischem Nationalismus und Patriotismus. Geschichte war dem eigenwilligen Film-Künstler immer Gegenwart.

All die Dokumentarfilme, die gerade dieser Tage, in Erinnerung an das Trauma des Ersten Weltkriegs, gesendet, vorgeführt, beschrieben werden, enthalten jenen Stoff, auf dem Farockis unvergleichliche Filmessays aufbauten. Am Donnerstag kam die Nachricht vom Tod des Künstlers: Der Siebzigjährige starb, wie seine Familie und seine Salzburger Galerie Ropac mitteilten, am Mittwoch nahe Berlin. Nähere Umstände sind noch nicht bekannt.

Noch in diesem Frühjahr hatte der rastlose Filmemacher, Fotograf und politische Konzeptualist seine brisante Werk-Reihe „Ernste Spiele“ von 2009-2010 im Hamburger Bahnhof, dem Museum für Gegenwart der Nationalgalerie, gezeigt. Hart konfrontierte er die Besucher mit Computerspiel-Szenen – zur Ausbildung von (blutjungen) US-Soldaten und Soldatinnen für den Krieg im Irak. In Afghanistan, demnächst wohl in Afrika.

Wahlberliner seit 40 Jahren

Von den gegenwärtigen Kriegsschauplätzen erst in Kiew, dann auf der Krim, nun in der Ost-Ukraine und von der drohenden dritten Intifada zwischen Israel und Palästina war da, auf den Bildschirmen in unseren Wohnzimmern, noch nichts zu sehen. Zu ahnen waren künftige Desaster, bei denen die Welt wieder hilflos-ratlos zusehen würde, aber schon.

Farocki hat das alles – irgendwie – geahnt, hat es in perfiden virtuellen Filmszenen vorweggenommen, als eine lakonische Kassandra der Jetztzeit mit all den ungeahnten, unüberschaubaren, beängstigenden Hightech-Möglichkeiten. Und all die gefilmten Feldübungen in der kalifornischen Mojave-Wüste waren – zum Erschrecken – wie echt. Die Video-Sequenzen mi dem Titel „Drei tot“ etwa spielten sich ab in einer vorderasiatischen Stadtkulisse. Statisten rennen, schreien, gestikulieren, kostümiert als Iraker, als US-Soldaten – als Freund und Helfer.

Das böse Spiel hatte Farocki umgekehrt in dieser Animation. Es entlarvte sich selbst – im Alltag der Soldatenausbildung,in der Abgründigkeit militärischer Logik. Gleich daneben liefen auf Leinwänden Videos über die Folgen. Der „gerechte Krieg schlägt zurück auf seine Kämpfer für die Freiheit“, so die Botschaft. Farocki zeigte den posttraumatischen Horror, der Kriegsheimkehrer gepackt hält, nie mehr loslässt, ihnen kein normales Leben mehr lässt.

Krieg ohne Dreck

Der in Neutitschein/Sudeten (Tschechien) 1944 als Sohn eines eingewanderten indischen Arztes geborene Farocki war Wahlberliner seit über 40 Jahren, Mitglied der Akademie der Künste. Hier wurde der Filmessayist berühmt – in der Kunstszene (er nahm zwei Mal an der Documenta teil) ebenso wie in der Filmbranche und bei Kritikern. Hier, in Berlin, war er aber auch zu Unrecht unbekannt beim breiten Publikum, das kaum zur Kenntnis nahm, wenn sein Name in Erfolgsfilmen des Regisseurs Christian Petzold („Innere Sicherheit“, „Barbara“) auf den Abspännen zu lesen war. Am 25. September kommt „Phoenix“ ins Kino, seine letzte Zusammenarbeit mit Petzold.

Mit Farocki verliert die Kunst den wohl eigensinnigsten Ästheten des Dokumentarischen, einen an Brecht und Godard orientierten, hinterfragenden, insistierenden „Verwischer“ von Wirklichkeit und Spiel. Die nüchtern-absurden Video-Kriegs-Situationen, die er in Videos zwischen Computertechnik und Mensch stattfinden ließ, dienten keine Sekunde lang zur Unterhaltung. Sie entlarvten ihren im Grunde perfiden Zweck – den absoluten Kampf auf Leben und Tod.

In einem der Videos rollte ein Robotergefährt eine leere Straße lang. Über dem Ganzen blähte sich glutrot eine romantisch untergehende Sonne; Sekunden später waren nur noch ein Feuerball, dann die Rauchwolke einer Explosion zu sehen. Jemand hatte den bewussten Knopf auf der Tastatur einer Spielkonsole gedrückt. Computerkrieg als sauberer, perfekter Krieg ohne Blutvergießen, ohne Dreck, Elend, aber mit Überwachungskameras, Fernsteuerungen, Drohnen. Farocki zeigte den Irrsinn in erschreckend identischen, ja, auch zynischen Bildern. Das Leben ist schön, aber die Welt wird nicht besser. Wer wird seine Kamera nehmen und weitermachen?