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Toula Limnaios: Mehr Schärfe und Radikalität

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Berührungen ohne Begegnungen
Berührungen ohne Begegnungen
Foto: Aris

Neue Premiere, gesicherter Auftrittsort, ausverkaufte Vorstellungen und Tourneen – die Tanz-Compagnie Toula Limnaios ist höchst erfolgreich, fühlt sich aber dennoch in ihrer Existenz in Berlin bedroht.

Wie Kreisel drehen sich acht Tänzer auf der Bühne, rotieren um die eigene Achse, sacken schließlich zusammen. Robben über den Boden, bäumen sich kollektiv auf, verlieren sich wieder im Einzelnen. Eine scheitert bei dem Versuch, auf dem Kopf zu stehen, ohne die Hände zu benutzen; andere finden sich paarweise zusammen, doch ihren Gemeinsamkeiten haftet etwas Unpersönliches an. Der Tänzer, der seinen Kopf in die Kuhle des Bauches seiner Partnerin legt, scheint sie nicht wirklich zu meinen; es sind Berührungen ohne wirkliche Begegnungen.

„the thing I am“ nennt Toula Limnaios ihre jüngste Produktion und wie in vorangegangenen Arbeiten widmet sie sich mit dem Panorama menschlicher Gefühlszustände Grundsätzlichem: Schmerz, Verlorenheit, Leidenschaft und Hingabe. Scheinen die superben Tänzer zu Beginn eher als Träger von Emotionen, gewinnen ihre Duette zunehmend an Schärfe und ihre Aktionen an Radikalität.

Angetrieben von der suggestiven und vielschichtigen Musik des Komponisten Ralf R. Ollertz, arbeitet sich ein Paar mit verzweifelten Würfen und Hebungen in einer gepolsterten Ecke ab, ein anderes erscheint mit verzerrten Gesichtern und Kopfhörern wie die Karikatur moderner Kommunikationslosigkeit. Mit ihrer poetisch-expressiven, bildhaften Bewegungssprache steht die Griechin Toula Limnaios ganz in der Tradition des deutschen Tanztheaters. Formalismen interessieren sie nicht, ihre Darstellungen setzen auf emotionale Allgemeingültigkeit und weit interpretierbare Allgemeinverständlichkeit.

Damit hat sie sich ein ganz eignes, sehr treues, aufmerksames und begeistertes Publikum erobert, jenseits des Tanzszene-Zirkels und quer durch alle Alterstufen. Fast alle ihre Vorstellungen in der Halle sind ausverkauft.

Seit 2003 betreibt das Künstlerpaar Toula Limnais und Ralf R. Ollertz diesen eigenen kleinen Spielort im Prenzlauer Berg; das schöne Areal mit einer früheren Turnhalle und angrenzendem, baumbestandenen Garten wurde kürzlich von der Schweizer Stiftung Edith Maryon erworben und damit möglichen Spekulationen von Finanzinvestoren entzogen.

Als Kulturstandort wird die Halle nun auf jeden Fall erhalten bleiben; doch Limnaois und Ollertz kämpfen noch um etwas anderes: als feste Compagnie mit acht Tänzern sind sie auch nach über 15 Jahren in Berlin noch immer auf die alle zwei Jahre neu zu beantragende Basisförderung angewiesen. Allem lokalen und internationalen Erfolg zum Trotz können und wollen die Künstler die biennale Zitterpartie nicht mehr länger mitmachen. Zwar gab es im letzten Jahr eine Etaterhöhung, doch noch immer müssen sie mehr als die Hälfte ihrer Kosten selbst erwirtschaften, was die Notwendigkeit eines lücken- und reibungslosen Ablaufs von Aufführungen, von Tourneen, Neu- und Wiedereinstudierunge bedeutet. Das ist für eine Companie von dieser Größenordnung trotz ihrer immer ausverkauften Vorstellungen nur schwer zu bewältigen.

Die immer wiederkehrende Unsicherheit und den Druck rausnehmen könnte eine auf vier Jahre angelegte Konzeptförderung. Die Entscheidung, welche Gruppen sie in der nächsten Runde erhalten, steht derzeit noch aus. Für Limnaios und Ollertz sind damit große Hoffnungen, aber auch grundsätzliche Überlegungen verbunden. Im Falle, dass sie keinen Zuschlag erhalten, wollen die beiden keine weiteren Anträge in Berlin stellen. Das aber würde das Ende der Companie in ihrer bisherigen Form bedeuten und für Berlin der Verlust eines leidenschaftlichen und unermüdlichen künstlerischen Teams, das den zeitgenössischen Tanz weit über seine engen Spezialisten-Grenzen hinaus in breitere Zuschauerschichten getragen hat.

the thing I am 8.–11., 15.–18.8. Halle Tanzbühne Berlin, Eberswalder Str. 10-11

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