blz_logo12,9

Transmediale: Schwer zu entsorgen

„Critical Infrastructure" von Jamie Allen und David Gauthier.

„Critical Infrastructure" von Jamie Allen und David Gauthier.

Foto:

dpa/Hannibal Hanschke

Berlin -

Eine Ausstellung mit Medienkunst gibt es in diesem Jahr bei der Transmediale nicht zu sehen – das gleich zu Beginn. Vier Installationen stehen im Foyer des Hauses der Kulturen der Welt, darunter die raumgreifende „Critical Infrastructure“ von Jamie Allen und David Gauthier, bestehend aus mehreren Dutzend Tachymetern, die normalerweise von Landvermessern benutzt werden, hier aber Daten und Informationen über die Transmediale visualisieren. Dann gibt es während des Festivals noch eine Reihe von Performances.

Doch der eigentliche Ausstellungsraum ist mit Tischen und Werkbänken voller Computer und 3D-Drucker in eine Art temporären Co-Working-Space verwandelt worden. Hier fand von Montag- bis Mittwochabend der „Art Hack Day“ statt, ein „Hacker-Marathon“, bei dem knapp 80 Künstler aus der ganzen Welt in 48 Stunden Kunstprojekte schaffen sollten. Das Resultat ist nun fünf Tage lang während des Festivals zu sehen. „Es geht darum, aus dem etwas zu machen, was man vorfindet“, sagt Olof Mathé, einer der Organisatoren.

Die spezielle Berliner Ökonomie

„Art Hack Days“ sind in den letzten Jahren sechs Mal an verschiedenen Orten in den USA und in Westeuropa durchgeführt worden – zuletzt vor vier Monaten im Berliner Projektraum LEAP als Vorprogramm der Transmediale. Sie werden organisiert, so steht es auf der Website der Veranstaltung, von „einer Internet-basierten Nonprofit-Organisation für Hacker, deren Medium die Kunst ist, und für Künstler, deren Medium die Technologie ist“. So sitzen am Tag vor der Festival-Eröffnung in einer temporären Konstruktion aus Baugerüsten junge Menschen, deren Gesichter vom fahlen Schein ihrer Monitore erleuchtet werden, an mit Club-Mate-Flaschen und Hardware vollgemüllten Tischen. Das wirkt selbst fast wie eine künstlerische Installation, die einen mitleidlosen Blick auf die Produktionsweisen der kreativen Klasse unter den Bedingungen der speziellen Berliner Ökonomie werfen will: Hier wird in improvisierten Zusammenhängen und in kürzester Zeit produziert.

Obwohl man beim „Art Hack Day“ nur für Reisekosten, Kost und Logis arbeitet, wollten so viele jungen Künstler teilnehmen, dass die Zahl der Teilnehmer von ursprünglich 60 auf knapp 100 hoch schoss. Organisator Mathé sieht das als Bestätigung des Konzepts, er glaubt sogar: „Würde man den Teilnehmern etwas bezahlen, würde das den ganzen Charakter des Events zerstören.“ Denn dessen spezieller Reiz bestehe gerade darin, dass man unter Gleichgesinnten spontan und ohne institutionelle Zwänge Technokunstwerke produzieren und sich gegenseitig inspirieren kann.

Das gilt zum Beispiel für Alberto De Campo und Hannes Hoelzl, die schon zum zweiten Mal bei einem „Art Hack Day“ zusammenarbeiten. Ihr Projekt: eine Wachswalze, in die – wie bei Edisons frühen Experimenten mit Tonaufzeichnung – Klänge mit einer Nadel direkt ins Wachs eingeritzt werden. Anders als bei Edisons Vorbild werden die Einschreibungen anschließend mit einer Kerze gleich wieder eingeschmolzen, der festgehaltene Ton gelöscht – eine künstlerische Methode, potenziell unendlich speicherbaren Mediendaten ein symbolisches „Recht auf Vergessen“ einzuräumen. Ob die Arbeit rechtzeitig zum Ausstellungsbeginn fertig werden würde, wollten die beiden Künstler beim Presserundgang am Dienstag nicht versprechen – aber der schiere Nervenkitzel und die Möglichkeit, gemeinsam an so einem Projekt zu basteln, genügt, um dabei sein zu wollen.

Ende der digitalen Utopien

Die künstlerische Eliminierung von Information passt zum Motto der Transmediale, das „Afterglow“ lautet und sich mit dem Ende der digitalen Utopien nach den Enthüllungen von globaler Datenspionage durch die NSA beschäftigt. Das war auch der Ausgangspunkt der Arbeit der beiden Künstler Benjamin Gaulon and Justin Blinder, die tatsächlich erst zu Beginn des „Hackathons“ angefangen haben, sich Gedanken über ihr gemeinsames Projekt zu machen. Sie arbeiten zum ersten Mal zusammen und entschieden, sich in ihrer Arbeit auf die Informationen zu konzentrieren, die über die Website pastbin.com ausgetauscht wurden. Da man hier vollkommen anonym kommunizieren kann, ist die Website ein wichtiges Kommunikationsforum für die Hackergruppe Anonymous.

Die beiden Künstler haben sich vorgenommen, Daten von dieser Website verschwinden zu lassen. Wie das genau aussehen wird, wollen sie noch nicht verraten, aber dass sie dafür „fluoreszierende Farben und eine Art Fließband in einem abgedunkelten Raum“ brauchen, haben sie schon geklärt. Werke für die Ewigkeit entstehen unter solchen Hochgeschwindigkeitsbedingungen wahrscheinlich nicht, wie die beiden schnell zugeben: „Wir sind schon froh, wenn unsere Installation für die Dauer ihrer Präsentation funktioniert.“ Aber auch sie reizt die Möglichkeit, hier unter extremen Bedingungen ihre Fähigkeiten zu erproben – und natürlich die Chance, auf der international renommierten Transmediale eine Arbeit zu zeigen.

Ihre Arbeit ist ein künstlerischer Kommentar zu dem Thema des Festivals: das Nachleuchten der Hoffnungen, die die Internet-Revolution einst mobilisiert hatte, und von der anscheinend nur Massenüberwachung und sich auftürmende Berge von schwer entsorgbarem Hardware-Sondermüll übrig geblieben sind. Dazu gibt es ein opulentes Konferenzprogramm mit Panels zu Themen wie Whistleblowing, Big Data und Elektroschrott sowie eine ambitioniert zusammengestellte Filmreihe.

Transmediale „Afterglow“: bis zum 2. Februar im Haus der Kulturen der Welt.