04.02.2012

Transmediale: Zur Kur in den Klang-Ofen

Von Sebastian Preuss
        

Der amerikanische Künstler JK Keller hat die Simpsons und ihre Begegnung mit der Pop-Art-Legende Jasper Johns durch den Datenschredder gejagt.
Der amerikanische Künstler JK Keller hat die Simpsons und ihre Begegnung mit der Pop-Art-Legende Jasper Johns durch den Datenschredder gejagt.
Foto: JK Keller

Geister der Technik, Geister aus dem Regal: Die Ausstellungen von Transmediale und Club Transmediale.

Wer sich aus Kunstgründen schon anschießen ließ, der hat auch vor Stromschlägen keine Angst. So drückte sich Chris Burden 1973 am Strand von Los Angeles zwei elektrische Drähte an die Brust. Das Foto, das bei der Aktion entstand, zeigt in düsterer Schönheit, wie die Funken aus seinem Körper schießen. Es ist ein magisches Sinnbild davon, welche Faszination die Elektrizität, ihr Segen und ihre Gefahr auf den Mensch schon immer ausgeübt haben. Von dem vierzig Jahre alten Werk geht es unvermittelt in die Gegenwart, zu dem New Yorker Künstlerduo Eva und Franco Mattes, das auf dem Boden eine zertrümmerte Computerlandschaft ausgebreitet hat. Ein Monitor funktioniert noch, darauf sehen wir, wie junge Menschen ausrasten, auf ihren Geräten herumhauen und exzessiv schreien: So kann es einem gehen, wenn man sich zu exzessiv der Sucht nach Computerspielen hingibt - auch so eine der "unruhigen Energien in technologischen Zeiten", um die es der Transmediale-Ausstellung geht.

Jaromil aus Amsterdam hat eine Formel aus dreizehn Zeichen an die Wand geschrieben, Code für eine "forkbomb", mit der Hacker fremde Rechner lahmlegen. Wen Zerstörungsgelüste plagen, der kann den Algorithmus versuchsweise eingeben.

Zum 25. Mal findet derzeit die Transmediale statt, das Festival für "digitale Kultur", wie es sich nennt, seit der Begriff Medienkunst verpönt und abgegriffen ist. Kristoffer Gansing, der neue künstlerische Leiter, hat als Rahmenthema die Inkompitibiläten der angeblich immer einfacher werdenden Techniken gewählt. Das Festival kreist darum, wie sehr es im gelobten digitalen Land tatsächlich knirscht, hakt und bröselt, wie die Krisen der Welt auch Krisen der Technik sind und das Inkompatible vielleicht eine Chance zum kritischen Umgang mit den allmächtigen Neuen Medien bedeuten kann.

Vor diesem Hintergrund stellt die Ausstellung "Dark Drives" (Dunkle Antriebe) einiges Material zur Verfügung, zum Unbehagen an der Technik, zu deren monströsen Auswüchsen und menschenfeindlichen Absurditäten. Der Kurator Jacob Lillemose hat die Ausstellungshalle in eine schummrige Black Box verwandelt und betreibt darin eine Gefühlsarchäologie, die bis in die sechziger Jahre zurückreicht. Er hat William Buroughs’ und Antony Balchs rasend geschnittene Filmschnipselcollage von 1966 über entfremdete Stadterlebnisse hervorgeholt, ebenso den Pixelbrei der Medienpioniere Steina und Woody Vasulka. Er spielt düster fiepende Noise-Musik und Chris Cunninghams diabolisches Vorstadtvideo zu "Come to Daddy" von Aphex Twin. Wir dürfen uns schütteln angesichts von Computerschrott, der Afrika verseucht (Jack Caravanes), Bewegungsmeldern, die Selbstmordspringer von der Golden-Gate-Brücke aufnehmen (B.I.T.), oder den ferngesteuerten Knopfdruckbomben der amerikanischen Armee (Bjørn Erik Haugen).

Das alles ist, bei aller Vielfalt, sehr sorgfältig ausgewählt und man verlässt die Schau mit einem fiesen Gefühl im Steiß. Ein Gegenmittel zu all diesen dunklen Antrieben bietet das Ausstellungsprogramm des Club Transmediale. Hier kann man sich von Chris Salter zehn Minuten lang in einer Art klanglichen Mikrowellenherd einsperren und von kaum noch hörbaren Frequenzen den Geist reinigen lassen. Anke Eckardt trainiert dagegen die Augen: Ihre Lichtmembran , die einem Dunkelraum unterteilt, wirkt so täuschend stofflich, dass man sich kaum getraut, hindurch zu gehen.

Weil sich der Club Tansmediale diesmal mit dem Geisterhaften beschäftigt, bat der Kurator Thibaut de Ruyter einige Künstler um alte Videobänder, die mangels passender Geräte nur noch als Geister im Regal vor sich hin dämmern. Na ja, die Idee ist gut, nur das Ergebnis ziemlich langweilig. Immerhin, ein wenig Abwechslung in dem Bilder-Trash bietet Elke Krystufeks taumelnde Kamerafahrt durch die Venedig-Biennale von 1993, untermalt von genüsslich gurgelnder italienischer Schlagerschunkelmusik. Doch es hilft nichts: Die meisten Bänder wären besser Geister geblieben.

Transmediale: Haus der Kulturen Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10. Bis 5. Februar, 10-22 Uhr.

Club Transmediale: Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Mariannenplatz 2. "Ghost of the Shelf" bis 19. Februar, Chris Salter und Anke Eckardt bis 5. Februar, täglich 12-19 Uhr.

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