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Tribute von Panem : Schick für die Revolution

Die Heldin hat sich im Kampf und moralisch zu bewähren sowie maximal gut auszusehen.

Die Heldin hat sich im Kampf und moralisch zu bewähren sowie maximal gut auszusehen.

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dpa

Aus der Sicht des Herrschers beging Katniss Everdeen einen schweren Fehler im ersten Teil der „Tribute von Panem“. Die ebenso sture wie attraktive junge Bogenschützerin hatte dem greisen Präsidenten Snow ihre Todesverachtung gezeigt, als sie zum Ende der sogenannten „Hunger Games“ lieber tödliche Beeren wählen wollte, als – wie vorgesehen – ihren Freund Peeta zu töten. Dass Katniss mit ihrer souveränen Geste Snows Autorität erschütterte und den Keim zu einer übergreifenden Rebellion legte, kann der Diktator über zwölf Distrikte selbstredend nicht ungestraft lassen. Denn die Hungerspiele, brutale Gladiatorenkämpfe, bei denen die – Tribute genannten – menschlichen Opfergaben der einzelnen Distrikte auf Leben und Tod gegeneinander antreten müssen, dienen in Snows totalitärer Mediendiktatur zwar der Unterhaltung, aber auch der Einschüchterung. Katniss jedoch verlieh den Hungernden und Unterdrückten den Mut, gegen ihr Schicksal aufzubegehren.

Rechtschaffen aufgerüstet

In „Die Tribute von Panem – Catching Fire“, dem zweiten Teil der Filmreihe nach der Bestsellertrilogie von Suzanne Collins, wird nun davon erzählt, wie Diktator Snow diese junge Heldin zu bestrafen gedenkt und wie Katniss (Jennifer Lawrence) selbst mit ihrer neuen Rolle als Symbol des Widerstands zurechtkommt. Man hat das Unternehmen nach dem großen Publikumserfolg des ersten Films rechtschaffen aufgerüstet und zu einem veritablen Blockbuster ausgebaut, vor allem was die Computereffekte anbelangt, denn das Erzählmuster selbst wird sowohl durch die Romanvorlagen als auch durch das Filmgenre Action/Science Fiction vorgegeben. Es ist logischerweise schlicht: Die Heldin muss sich erneut im Kampf, aber auch moralisch bewähren – und dabei natürlich maximal gut aussehen! In der Folge kommt es zu kuriosen Schlüssen: Wie sehr der Erfolg einer Revolution doch vom Stylisten ihrer Symbolfigur abhängt, verdeutlicht jene Szene, in der sich Katniss beim Show-Moderator Caesar (Stanley Tucci jetzt mit lila Haar) präsentieren muss - wobei sich ihr weißes Kleid in ein schwarzes Spotttölpel-Kostüm verwandelt. Und man weiß ja längst, dass dieser Vogel zu Katniss gehört wie der Seitenzopf, den nun sogar Snows kleine Enkelin trägt – sehr zum Missfallen des Großvaters.

Um die Wurzel des schleichenden Rebellionsübels auszurotten, will Snow (Donald Sutherland) gleich alle einstigen Sieger, also die Überlebenden der „Hunger Games“ eliminieren. Dazu lässt er sich etwas besonders Perfides einfallen. Mit einem sogenannten Jubel-Jubiläum, bei dem sämtliche einstigen Sieger der „Hunger Games“ gegeneinander antreten, soll der 75. Jahrestag der blutigen Niederschlagung des ersten Aufstands gegen die Diktatur „gefeiert“ werden. Einige dieser Überlebenden sind verständlicherweise wütend, ihr Leben doch noch in Gefahr zu sehen. Und die Gefahr aus dem Computer sieht stets aufregend aus, aber das muss sie auch, da die Erzählung ja so stereotyp bleibt.

Der Regisseur des ersten Films, Gary Ross, wurde beim zweiten durch Francis Lawrence (u. a. „I Am Legend“) ersetzt, der dem dystopischen Actionszenario etliche visuelle Attraktionen eininszeniert. Tödliche Affen; giftige Nebel, welche die Haut wie Dioxin zersetzen; Blutregen, Blitze, Flutwellen und aggressive, Wahn verbreitende Vögel werden jetzt auf die Tribute losgelassen. Wobei Katniss nicht nur mit diesen Bedrohungen zu tun hat, sondern auch mit ihrer eigenen hormonellen Verwirrung. Denn sie ist jetzt kein Mädchen mehr, sondern eine junge Frau mit sexuellen Bedürfnissen.

Gemeinsam erwachsen werden

Ähnlich wie schon die „Harry Potter“-Filme versuchen auch die „Tribute von Panem“, gemeinsam mit dem Kinopublikum erwachsener werden. Entsprechend wird die Kritik an Snows totalitärer Mediendiktatur von Panem samt ihrer Manipulationsmechanismen im zweiten Teil stärker herausgearbeitet: Als neuer Spielmeister Plutarch erklärt der große Philip Seymour Hoffman hier mediale Techniken der Idolisierung und Dekonstruktion am Fall von Katniss.

Es fragt sich allerdings, ob diese Katniss auch ein zukunftsweisendes Rollenmodell abgibt für all die jungen Mädchen und Frauen, die der „Tribute“-Serie so leidenschaftlich anhängen. Eine junge Frau, die „Kätzchen“ genannt wird! Und auffälliger als im ersten Film ist nun der Eindruck von Vergeblichkeit, der letztlich über dem Tun der jungen Heldin schwebt. Denn Katniss kämpft auch in „Catching Fire“ wieder in einem von vornherein manipuliertem Spiel und bleibt damit eine Figur, die nicht wirklich über Handlungsautonomie verfügt. Aber sie kämpft immerhin – und sieht dabei gut aus. Das allein zählt heute.


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