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Umsonst gestorben: Die Oper "Krieg" in der Volksbühne

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Der kleine Soldat (Maximilian Brauer) steht in gemalter Landschaft und leidet.

Foto:

Thomas Aurin

Wie ungerecht! Solch ein läppischer Applaus war in der Volksbühne schon lang nicht mehr zu hören. Nicht einmal zu ein paar entrüsteten Buhs mochten sich am Freitagabend die Premierengäste aufraffen. Sicher liegt es auch daran, dass das Verbeugeritual verletzt wurde, indem sich zwar der Regisseur und Bühnenbildner des kurzen Opernabends, der isländische Künstler Ragna Kjartansson sowie der ebenfalls isländische Komponist Kjartan Sveinsson die Ehre gaben, dies in feierlichster Abendgarderobe, nicht aber der einzige Schauspieler, nämlich der grandiose, an diesem Abend grandios gestorbene Maximilian Brauer. Der bleibt im Bühnenbild liegen. Tot. Das wäre auch noch schöner, wenn der jetzt wieder aufstünde, nachdem er eine geschlagene Stunde lang ganz formidabel gelitten hat.

Die Schlacht ist schon vorbei, wenn der schwarze Vorhang sich hebt. Ein malerisches Panorama mit glimmenden Feuerstellen, verkohlten Bäumen, ein paar vom Zufall drapierten Leichen; hüglig der Vordergrund, hinten erhabene Hochgebirgssilhouetten. Auch eine Kanone steht und eine Marschtrommel liegt herum. Es nebelt, es dämmert, der hohe Himmel tut unbeeindruckt. Die Musik wabert in schwellenden Moll-Schwaden über das Land. Ein melancholischer Atem, tröstende Seufzer. Nunu, kleiner Soldat, jetzt ist es so weit, nunu, geht es ans Sterben, nunu, bist allein, nunu, weine mal schön und halt noch ein bisschen aus, nunu, ist alles umsonst.

Es dürfte sich, wenn die lückenhaften Kenntnisse des Berichterstatters im Uniformwesen nicht trügen, um eine Schlacht im frühen 18. Jahrhundert gehandelt haben. Zumindest lassen die gelben Hosen, die gelbe Weste, die weißen Gamaschen mit den goldenen Knöpfen sowie der blaue Waffenrock mit den roten Ärmelaufschlägen und auch die rote hohe Kappe mit dem Silberbeschlag darauf schließen. Es könnte sich um einen Füsilier des Prinz-Heinrich-von-Preußen-Regiments handeln (Korrekturen bitte per Leserbrief) − aber es könnte auch sein, dass es völlig egal ist, mit welchem Regiment, in welcher Armee und für welchen König/welche Sache man in die Schlacht gezogen ist, wenn man eine derartige Bauchverletzung hat wie unser sterbender Schauspieler.

Die Schmerzen müssen stark sein, seine Hände halten den Leib fest, als würde er sonst auseinanderlaufen. Maximilian Brauer seufzt, ächzt, schluckt, gurgelt Blut. Die Gedärme werden von Paukenwirbeln durchgrummelt, pfeifende Dissonanzen fahren ihm stechend ins Rückenmark. Sein Blick bricht mehrmals, findet aber immer wieder zurück in seine untröstliche und banale Situation: Allein ist er, die Kameraden liegen im Dreck. Er trauert, er rafft sich auf, versucht zu stehen, klappt ein, kracht nieder, rutscht vom Papphügel. Und sein Gewimmer schwillt an, begleitet vom Anschwellen der Musik, wird zum Weinen, zum Klagen, zum Wut- und Schmerzgeheul, das freilich kaum noch zu hören ist, im orgiastischen Sturm des aufgeschichteten Wohlklangs. Da! Ein Sonnenstrahl bricht hervor, scheint dem Soldaten ins erhobene Antlitz, hinten glühen die Gipfel im Abendrot. Jetzt nimmt er die Hände von der Wunde und hebt sie mit dem Gewehr samt Bajonett gen Himmel, bevor er wieder vom Schmerz gepackt, von der Schwäche gefällt, vom Fieber geschüttelt wird − so geht das mehrmals: Zusammenbrechen, Leiden, Aufrichten, Zusammenbrechen, Leiden, Aufrichten und so weiter, dann aber, die Stunde ist um, trifft ihn, von irgendwoher eine Kugel, ein blöder Querschläger vielleicht − er fällt zum letzten Mal und der Vorhang senkt sich langsam, schwer, schön und erbarmungslos. Und dann klatschen sie kaum.



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