26.01.2012

Unterm Strich: Nachruf auf einen Wirt

Von Ulrich Seidler

Der Wirt der „Schankwirtschaft zu den fünf Ziegen“ in der Lychener Straße ist gestorben. Ein Nachruf.

Milan ist gestorben. Die Leser der Berliner Zeitung kennen den Wirt der „Schankwirtschaft zu den fünf Ziegen“ von seinen Texten, die er hier unterm Strich veröffentlicht hat. Eine quälende Krankheit zwang ihn innerhalb von ein paar Monaten mit roher, völlig unangebrachter Unerbittlichkeit viel zu früh aus dem Leben. Milan, der eigentlich Andreas hieß und den seinen Freunde Assi nannten, starb kurz nach seinem 52. Geburtstag. Er hinterlässt Mutter, Schwester, Bruder und seine Frau, die ihn tapfer durch die Krankenhaus-, Untersuchungs- und Therapie-Tortur begleitet hat. Zurück bleibt auch ein unüberblickbarer, sehr bunter Haufen von Freunden, zu denen viele seiner Stammkunden geworden sind. Einer von ihnen schreibt hier.

Liebeskummer trieb mich in die „5 Ziegen“. Eine ernste Sache, aber lange her. Als mich die Frau meines damaligen Lebens verlassen hatte, wusste ich verletzter und erschütterter Jungspund nicht, wohin mit mir. Die Kneipe in der Lychener Straße hatte ich gelegentlich aufgesucht vor allem wegen der kuschelgeeigneten Sofas, nun kam ich regelmäßig, meist zu früh am Abend eines dieser endlosen Tage, setzte mich mit meinem Schmerz an den Tresen und versoff mein gesunderweise sehr spärliches Budget. Zeit sollte vergehen und mit ihr, wie ich damals allerdings kaum hoffte, der Schmerz. Assi schien mich über Wochen nicht zu bemerken, er grüßte flüchtig, schwieg, las: Thomas Bernhard zum Beispiel. Ich hörte seine Musik – Grateful Dead, Neil Young, Leonard Cohen – und begann, den einen oder anderen Stammgast wiederzuerkennen. Ich versuchte vorsichtig, wieder mit Menschen zu sprechen. Es tat gut. So gut, dass ich eines fast schon lustigen Abends nicht nach Hause wollte, obwohl mein Geld alle war. Assi stellte mir ein Bier hin: „Du zahlst, wenn du kannst.“ Er hat mir damit mehr als nur diesen einen Abend gerettet. Es ging nicht ums Geld, sondern um das heimatliche Gefühl, einen Deckel zu haben. Ich fand Freunde in den „5 Ziegen“. Wir fuhren weg, kochten und aßen gemeinsam (zu Hause, in den „5 Ziegen“ gab es meistens nicht einmal Erdnüsse).

Abschiedsbesäufnis

Das Helmholtz-Platz-Viertel veränderte sich, hinter jeder zweiten Tür machten Bars und Restaurants auf, die sich alle ähnelten. Sogar das Haus mit den „5 Ziegen“ wurde renoviert. Ein Vorgang, der von der Stammkundschaft mit großer Fortschrittsskepsis aufgenommen wurde. Das Abschiedsbesäufnis vor der Baupause endete in einer sehr erinnerungswürdigen Ekstase der Verzweiflung, die sich als unbegründet herausstellte, denn Assi sorgte dafür, dass hinterher alles fast genauso aussah wie vorher: dunkle, teilweise unverputzte, durchbrochene Wände, Wohnzimmermöbel, Kerzenlicht und Zigarettennebel. Sogar die Klos waren bald wieder nicht mehr so furchtbar aseptisch.

Bei Assi, der manchmal wochenlang kein Tageslicht sah, schien die Zeit stehen zu bleiben. Doch sie verging. Änderungen schlichen sich leise ein, und immer hatten sie mit Assis neuen Leidenschaften zu tun: erst kam die Schachwelle, dann wurde herrliche Monate lang fast ausschließlich die Musik einer bis zum Irrsinn gut gelaunten Band namens Phish gespielt, und seit ein paar Jahren sind die „5 Ziegen“ zu einer Burg für Union-Fans geworden. Ich kam immer seltener, die neuen Gesichter am Tresen wurden immer mehr. Die Art aber, wie Assi einen anlächelte, sein speckiges Basecap in den Nacken schob und „Lässt er sich mal wieder blicken!“ sagte, machten die Ziegen zu einem Zuhause. Ein Zuhause, von dem man wusste, dass es so etwas bald nicht mehr gibt.

Assi wollte die „5 Ziegen“ abgeben, er hat sich mit seiner Frau ein kaputtes Haus auf dem Land gekauft, wollte es wieder aufbauen und im Sommer vielleicht einen Biergarten aufmachen. Er wollte auch weiter schreiben, er war zu recht stolz auf seine „Bekenntnisse eines Wirts“. Jetzt aber hatte er etwas Großes am Wickel. Er strahlte, wenn er davon anfing: „Ich muss mal mit dir darüber reden, aber nicht hier in der Kneipe“. Es ist nicht leicht, sich Assi und seine Kneipe ohne einander zu denken. Es ist nicht leicht, sich ohne Assi zu denken. Jetzt muss Zeit vergehen.

Die 5 Ziegen befinden sich in der Lychener Straße 63

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