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Uwe Radas: „Die Elbe“: Der Amazonas Deutschlands

Die Elbe, Grenzfluss und Verbindung von Ufern und Kulturen

Die Elbe, Grenzfluss und Verbindung von Ufern und Kulturen

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imago

In Comic-Serien wie den Peanuts steckt durchaus ein hintergründiges Potential: Charlie Brown steht am Ufer und hat soeben einen Kieselstein ins Wasser geworfen. „Bei allem, was ich tue, kriege ich ein schlechtes Gewissen“, bemerkt er dazu. Linus sieht sich zu einer Antwort provoziert: „Na toll! Dieser Stein hat viertausend Jahre gebraucht, um ans Land zu kommen, und jetzt hast du ihn einfach wieder reingeworfen.“ Auf witzig subtile Weise illustriert dieser Strip, dass Gewässer und materielle wie kulturelle Entwicklung in enger Wechselbeziehung stehen.

Für einen Wanderer, der durch eine Landschaft geht und an ein Flussufer gelangt, ist der Fluss eine Grenze: Er schneidet ihm den Weg ab, lässt nicht zu, dass er auf der anderen Seite weiter geht, und zwingt ihn dazu, nach einer Brücke oder einer Fähre zu suchen oder aber seinen Weg zu ändern und eine andere Richtung einzuschlagen. Für einen Reisenden jedoch, der auf demselben Fluss mit dem Boot unterwegs ist, verbindet das Gewässer die beiden Flussufer, die in der Ferne aufeinander zuzulaufen scheinen; es verbindet Landschaften, die unterschiedlich sein können, in der Regel aber einander ähneln, und der Reisende zu Wasser wird vielleicht dem Wanderer, den er am Ufer sieht, zuwinken und dessen Ratlosigkeit oder Verzweiflung gar nicht ahnen.

Keine Reiseliteratur

Wenn sich Uwe Rada mit der Elbe auseinandersetzt, dann geht es auch um diese unterschiedlichen Wahrnehmungen. Nachdem er sich in den letzten Jahren zunächst der Oder, dann der Memel gewidmet hat, nimmt der Publizist nun den drittgrößten Strom, der Deutschland durchquert, ins Visier. Vielerlei Facetten des Flusses gilt seine nüchterne, gleichwohl mitreißende, teilweise auch persönlich eingefärbte Darstellung. Allen narrativen Qualitäten zum Trotz hat sein Buch nichts mit Reiseliteratur zu tun. Vielmehr geht es um eine zwar episodenhafte, aber gezielte Raumaneignung: Denn in der Art, wie Rada beschreibt, macht er nichts anderes, als das Unbekannte an das Bekannte anzubinden. Er fängt diese historische Landschaft ein wie ein wildes Pferd. Wer sich in dem Koordinatennetz verfängt, das er auswirft, der ist für die eigene Sache verloren. Er ist für die Zivilisation gezähmt.

Elbe, tschechisch Labe, der Fluss des weißen Sandes. Als kleiner Bach kommt sie aus dem nahe der Mitte des Kontinents gelegenen Riesengebirge. Er schwillt rasch an und verlässt das Bergland bereits als kleiner Strom. Schon seit Jahrhunderten war die Elbe als Transportweg von zentraler Bedeutung. Sie ermöglichte ein weites Vordringen der Hanse bis fast an die Mittelgebirge. Magdeburg war in der frühen Neuzeit weit und breit die wichtigste Metropole. Seit dem 12. Jahrhundert war dieser Fluss Bestandteil eines kontinentalen Handelssystems, das von Brügge bis nach Königsberg reichte. Allerdings, im Vergleich etwa zur Mosel oder zum Main, ist die Elblandschaft streckenweise nur dünn besiedelt.

Was mitnichten gesellschaftliche Frontstellungen verhindert. Einen „Dualismus an der Elbe“ stellt Rada gleich eingangs fest: Hier die barocke Sinnesfreude Sachsens und Böhmens, dort hanseatische Nüchternheit oder strikte preußische Rationalität. In Anhalt-Dessau hingegen glaubt er einen „dritten Weg“ ausmachen zu können, der von Wörlitz bis zum Bauhaus reicht und dabei Schönheit mit Nützlichkeit verbindet. Deutlich wird allerdings auch, dass die Zuschreibungen des 19. Jahrhunderts fast ungehemmt nachwirken: In Tschechien gilt bis heute die Elbe als deutscher Fluss, wohingegen die Moldau als Wasserlauf von überragender nationaler, ja fast mystischer Bedeutung sei. Allegorisch ist dies am Wenzelsplatz in Prag zu sehen, indem der Bildhauer Antonin Pavel Wagner die Elbe als alten Greis darstellte, die Moldau hingegen als junge, schöne Mutter. Noch immer empfinde man es in Tschechien als „geografische Sünde“, dass die Elbe ihren Namen zur Nordsee trägt, obgleich doch die Moldau beim Zusammenschluss schon länger unterwegs und zudem viel breiter ist.

Auch wässrige Grenzen können schier unüberwindlich sein. Jenseits gilt ein anderes Reglement. Dahinter lebt das Andere, das Ungeliebte, das systemisch Falsche. Fast vier Jahrzehnte lang gehörte der Strom zwei verschiedenen Welten an und war – auf rund 100 Kilometern Länge – die scharf bewachte Grenze zwischen zwei getrennten deutschen Staaten: Ein brachiale Barriere, an der einige, die auf die andere Seite fliehen wollten, umgekommen sind – erschossen oder ertrunken. Freilich war den Menschen im westlichen Teil Europas der Blick auf bedeutende Orte entlang der Elbe nicht bloß deshalb verstellt. Sie wollten nicht recht sehen. Konrad Adenauer etwa hatte einst, noch als Kölner Oberbürgermeister, behauptet, hinter der Elbe beginne Asien, und so deren Image als Grenzfluss fortgeschrieben. Doch die Elbe hat in ihrer Geschichte immer auch gemeinsame Räume hervorgebracht. Mit Sandstein aus dem Elbsandsteingebirge wurde das Hamburger Rathaus gebaut, böhmische Schiffer brachten das Ahoi nach Tschechien, in Hamburg gibt es noch immer den Moldauhafen.

Vernetztes Denken

Gleichwohl ist die Elbe in unserer kollektiven Erinnerung augenscheinlich weniger präsent als etwa der Rhein (dessen zum Gemeingut verdichte, patriarchale Figur vom „Vater“ ja Bände spricht) oder die – freilich schon leicht balkanisch angehauchte Donau. Wenngleich unausgesprochen, will Rada dieses Wertegefüge ändern: „Von der mittleren Elbe gibt es keine Landschaftsmalerei. Kein Caspar David Friedrich hat ihr ein Bild gewidmet, kein Ludwig Richter und auch kein Lovis Corinth. Grund dafür sind weniger die fehlenden Motive. Es war die Grenzziehung, die hier die Elbe zum Strom am Kartenrand machte – erst zwischen Hannover und Mecklenburg, später zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Nun aber, da die Grenze verschwunden ist, rückt die Elbe in den Mittelpunkt des Landschaftsempfindens und -beschreibens. So schält sich also langsam ein Repertoire der Landschaft heraus, die die Elbe schon lange ist, die aber bislang der Entdeckung harrte: Wasser und Weite, blau und grün, Aun und Wiesen, Mäander und Altarme, freier Fluss als – fast – freie Natur. Ein Repertoire, das tatsächlich schwierig zu malen ist, weil es wohl eher die Vogelperspektive verlangt, die in den zahlreichen Publikationen der Umweltschutzverbände bereits eingenommen wird.“

Allerdings, noch fehle die Marke. Doch auch dafür hat Rada einen Vorschlag parat: „Warum nicht die Elbe preisen als amazonischen Dschungelstrom, als deutsches Amazonien? Auch die Sächsische Schweiz war nicht von Anbeginn eine Schweiz, also muss an der Elbe auch kein Regenwald wachsen, damit ein solches Branding gerechtfertigt ist.“

Rada geht auf alle erdenklichen Aspekte dieses Flusses ein, dessen geografischem wie geschichtlichem Verlauf er diszipliniert mäandernd folgt. Die Elbe steht hier metaphorisch für ein vernetztes Denken. Und für eine europäische Kultur, die stets auf den Anderen und das Andere bezogen ist. In der alle in einer Verbindung miteinander stehen, oft ohne dass es ihnen bewusst ist. Wie generell Flüsse ja nicht nur für Gewässer, für Transport, für Grenzen und Räume stehen, sondern auch für das Zusammengehören von Entferntem, für die Prägung des Eigenen, das in Begegnung mit dem Anderen sein So-Sein erfährt, aber auch das Anders-Sein schätzt. Neben Fakten und Begebenheiten – ob nun der 1620 eskalierte Streit um den Nordseezugang in Hamburg, Luthers Wirken in Wittenberg, oder die Mutation Theresienstadts von der Festung zum KZ – vermittelt das Buch eine untergründige Botschaft: Ohne es zu wollen und ohne es wirklich zu bemerken, sind wir eingebettet in eine ganz bestimmte, regional geprägte Kultur. Und die gibt uns die Raster vor, durch die wir die Welt sehen. Das ist so selbstverständlich, dass wir es leicht vergessen. Schon deshalb lohnt diese Lektüre.