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Volksbühne Berlin: Grandios: Herbert Fritsch inszeniert "Murmel Murmel"

Das expressive Murmeln erfordert zuvor eine gründliche Ausbildung und fleißiges Üben.

Das expressive Murmeln erfordert zuvor eine gründliche Ausbildung und fleißiges Üben.

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dpa

Berlin -

Licht aus, Spot an: Der Musiker Ingo Günther betritt den Saal der Volksbühne, zwängt sich höflich durch die vollen Reihen und stürzt, das wird sich noch als einer der schönen Bräuche erweisen, in den Orchestergraben. Umstandslos hat er sich berappelt und seine Instrumente geordnet − vor allem ein voll- und wohlklingendes Marimbaphon, das diesen Abend mit antreiben wird, gern im herzrhythmusbeschleunigenden 6/8-Takt.

Auf ein Wort

Erst einmal aber fummelt der Musiker eine Uhr hervor und zieht sie auf, während der erste von elf Schauspielern den langen Auftritt aus der Tiefe des von farbenfrohen beweglichen Markisen gerahmten leeren Raumes zur Rampe mit der Bravour eines TV-Entertainers absolviert. Dort angekommen, nimmt er Aufstellung und wartet auf seinen Einsatz. Wartet noch ein bisschen. Atmet durch. Kontrolliert den Sitz von Brille, Tolle und Gürtelschnalle. Baut Spannung auf. Wirft noch einen Blick zur Taschenuhr (aha, Moment noch). Deutet eine federnde Lockerungsübung an. Entdeckt das Publikum. Wird vom Entsetzten gepackt (hab ich jetzt doch den Einsatz verpasst?). Beruhigt sich. Konzentriert sich. Auf den Text. Auf ein Wort. Auf „Murmel“. Und kriegt das Startsignal.

„Murmel Murmel“, heißt das Stück von dem Fluxus-, Müll- und „Schimmel“-Künstler, von dem Musiker, Verleger, Architekten, Filmemacher, Designer, Messi und Trinker Dieter Roth (1930−1998), das am Mittwoch in der Regie des Schauspielers, Internetkünstlers und Theaterwiederentdeckers Herbert Fritsch Premiere feierte. Das Werk aus dem Jahr 1974 besteht aus einem, dem titelgebenden Wort, das auf 176 Seiten gebräunten Papiers gedruckt ist. Wir zitieren zur Anschauung einen Ausschnitt von Seite 46: „(...) Murmel Murmel Murmel Murmel Murmel Murmel Murmel (...) Murmel Murmel Murmel Murmel Murmel Murmel Murmel (...)“ Oder hier, auf Seite 112, lesen wir: „(...) Murmel Murmel Murmel Murmel Murmel Murmel (...)“.

Dass das anderthalb Stunden lang kein bisschen langweilig wird, sondern im Gegenteil den Lebensmut auffrischt, den Kopf erhellt, das Herz rührt, glücklich und wohlgelaunt macht, ist ein waschechtes Theaterwunder. Dieser Abend ist eine Wohltat der Leere, an der allerdings sehr hart und sehr genau gearbeitet wurde. Hierfür entrichten wir den virtuosen Murmlern Florian Anderer, Matthias Buss, Werner Eng, Jonas Hien, Simon Jensen, Wolfram Koch, Annika Meier, Anne Ratte-Polle, Bastian Reiber, Stefan Staudinger und Axel Wandtke murmelnden Dank. Denn es wird alles andere als nur gemurmelt − das auch, aber ansonsten wird mit der Sprache gearbeitet, also mit diesem einen, übrigens auch sehr schönen und für solche Zwecke überaus geeigneten Wort. „Murmel“ wird gesungen, geflötet, gebrüllt, ausgespuckt, runtergeschluckt, skandiert, rezitiert, buchstabiert, getanzt, angesagt, zwischengerufen von einem Murmel-Mann mit Tourette-Syndrom.

Auch bei der penibelsten Akzentuierung verändert sich das Wort, wenn man es nur oft genug wiederholt. Versuchen Sie es selbst! Das Wort verformt sich beim Sprechen, es rumpelt im Munde herum wie ein Turnschuh im Wäschetrockner, es kullert durch den Gehörgang, und irgendwo tief im Kopf entschlüpfen ihm ganz wesensfremde, rätselhafte Bedeutungen: „Murmel, Mubel, Lurma, Bumbi, Bibu, Gurgul, Mommi, Bundschuh...“ Welch ein Reichtum! Wozu werden auf deutschen Bühnen überhaupt noch andere Worte verwendet als dieses? Oder im Alltag?

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