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Volksbühne feiert die Osterzeit mit einer düsteren Premierenserie

Daniel Zillmann in der Inszenierung von „TROJA“ an der Volksbühne

Daniel Zillmann in der Inszenierung von „TROJA“ an der Volksbühne

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Thomas Aurin

Sind wir eine Lüge? Ein Film? Sind wir die Gedanken eines Wahnsinnigen? Ein Druckfehler? Ein Zufall?“ Dunkel ist es, als die Schauspielerin Mira Partecke im weißem Brautkleid diese feierlich-profanen Lebensfragen von der Kanzel der Berliner Volksbühne stellt. Auf drei Leinwänden über ihr demonstrieren derweil mikrobiologische Zellteilungen ein davon gänzlich unbeirrtes, biochemisches Eigenleben. Was sind wir also? Die entgleitenden Gedanken, die hartnäckigen Kettenreaktionen? Das eine hat so wenig Plausibilität wie das andere und doch ist beides hier so wahr wie wenig sonst.

Wir befinden uns in der „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“, mit der Christoph Schlingensief 2008 seiner Krebserkrankung entgegentrat. Es war ein höchst besonderes Ereignis, das damals in Schlingensiefs Heimat Oberhausen zelebriert wurde und in seinem verspielten, mehrfach überblendeten Gesamtkunstwerkcharakter nicht viel anders aussah, als die meisten Arbeiten zuvor. Die Nähe des eigenen Todes aber machte jede Unwahrscheinlichkeit plötzlich wahrscheinlich, schärfte Klarheiten und sprengte sie zugleich auf. Ja, die bohrenden Widersprüchlichkeiten waren der Antrieb dieses Abends.

Schlingensiefs Lunge

Der Kirchenraum, den Schlingensief in eine alte Industriehalle bauen ließ, glich seiner Taufkirche, in der er auch Messdiener war und die die inneren Bilder seiner radikal zweifelnden, spöttischen, immer auch weihevollen späteren Lebenskunst lieferte. Nun verbanden sich amtskirchliche Ewigkeitsgesten mit Fluxus, Arztprotokolle mit eucharistischen Formeln, das Krankenhausbett mit der Kanzel. Und die Monstranz auf dem Altar barg keine konsekrierte Hostie mehr, sondern das Röntgenbild des Krankheitsherds selbst: Schlingensiefs Lunge. Schon damals war diese Monstranz das zentrale Sinnbild dieser mutigen, verzweifelten, aber auch überaus tröstlichen Aneignungsmesse. Und sie dient heute als ebenso starkes Sinnbild dafür, was dieser Tage in der Volksbühne passiert.

„Schwarze Serie“ ist die Reihe von sieben Premieren getauft, die bereits Anfang des Monats mit der Panorama-Installation „Krieg“ von Ragnar Kjartansson begann (Rezension in der Berliner Zeitung vom 14.3.). Und wenn am Karfreitag um Mitternacht die filmische Originaldokumentation dieser „Kirche der Angst“ zur Uraufführung kommt, dürfte das Unterfangen einen Höhepunkt feiern. Wem Theater als wirkliche Erfahrungs- und Wandlungsstätte wichtig ist, der sollte dieses Schlingensief-Vermächtnis nicht verpassen.

Auch, weil es das radikale Herzstück dessen freilegt, woran Chefdramaturg Carl Hegemann mit dieser „Schwarzen Serie“ gelegen ist. Ihr von Aischylos entlehntes Motto „Erobert Euer Grab!“ ist nicht einfach blasphemisches Gegenprogramm zum österlichen Auferstehungskult, sie nimmt dessen Radikalität vielmehr ernster als es scheint. Was die Serie sucht, ist der Perspektivwechsel, der die Gegenwart tiefer begreift, als anhand ihrer bloßen Lebensbedingungen. Nicht „wie wollen wir leben?“ lautet daher die Leitfrage, sondern „wie wollen wir sterben?“

Ein furchtlos auf den Tod gerichteter Blick, kann das Entpersönlichende, Unverfügbare dieses Todes gerade wieder persönlich machen und damit auch das Unverfügbare, Unrepräsentable, Nichtallgemeine des einzelnen Lebens aufrichten. Das, was im gegenwärtigen Uniformismus ganz und gar verloren scheint, so die dramaturgische Hoffnung. Gesucht wird ein anderes, vom Tod her gedachtes Individuellwerden, das jenseits gesellschaftlicher Vernutzbarkeit steht und damit erst wirklich kritisch sein kann.

Eigentlich ist die Castorfsche Volksbühne seit 25 Jahren Expertin für genau das. Die „Schwarze Serie“ aber, bei der vor allem Nachwuchskünstler zum Zuge kommen, will diese Sichtröhren noch ein bisschen stärker ausputzen.

Bringt das was? Ungeheuer viel. Wer Schlingensief als Mitstreiter nimmt und mit ihm seine Ängste, Schwächen, Unbegreifbarkeiten auf den Altar jener Kunstöffentlichkeit hebt und sie dabei nicht – das ist das Entscheidende – in allgemeine Entschuldungsrituale auflöst. Zu werden, der man ist, das ist die eigentliche Herausforderung dieser Reihe.

Dass die ersten Premieren vor allem Absichtserklärungen blieben, mag da vielleicht nicht wundern. Silvia Riegers Inszenierung von Maxim Gorkis „Sommergäste“ mit Schauspielstudenten der Ernst-Busch-Schule, ist zunächst nicht viel mehr als eine Schrei- und Verrenkungschoreografie im hysterischen Vaudeville-Stil. Und Esther Preußlers „Troja“ will eine ausgelassen Rock-Collage sein, mit den Stars Zeus, Helena, Paris und Achill, die sich vor, auf und in einem Trojanischen Holzpferd über die Lächerlichkeit von Krieg an sich austauschen.

Sinn und Sinnlosigkeit

Zu selten geben diese Chaosspiele indes Raum für eigene Gedanken – lieber herrscht Theaterterror. Wie ein solcher aber auch zum persönlichen Findungsmoment werden kann, wird man hoffentlich in der Uraufführung des Romans „Exodus“ von DJ Stalingrad am Freitag erleben. Der 22-jährige Pjotr Silaew erzählt darin aus dem Raubtierkapitalismus Russlands Anfang dieses Jahrhunderts, als er wie viele seiner Generation in sinnloser Gewalt Lebenssinn fand. Alexander Scheer wird diesen Schmerzensmann verkörpern und die Band „The New World Order“ dazu aufspielen.