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Volksmusik: Vom Jodelkurs zum Anti-Stadl

Das Volkslied: zwischen Tradition und Moderne, nah an Mensch und Tier.

Das Volkslied: zwischen Tradition und Moderne, nah an Mensch und Tier.

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Christian Hüller

Der Musiker aus Dithmarschen erzählt, wie er mit seiner Gruppe im irischen Pub irischen Folk gespielt hat. Alle Iren würden mitgesungen haben. Aber als die Dithmarscher von den Iren aufgefordert worden seien, ein deutsches Volkslied zu singen, sei ihnen nur die erste Strophe von „Der Mond ist aufgegangen“ eingefallen. „Und das war irgendwie Scheiße.“

Die Anekdote beleuchtet drastisch, worum es in dem behutsam-beharrlichen Dokumentarfilm „Sound of Heimat“ geht: Was ist Volksmusik eigentlich, und warum haben wir in Deutschland so ein seltsames Verhältnis zu ihr? Der neuseeländische, in Köln lebende Saxophonist Hayden Chisholm hat die ganze Welt bereist und Volksmusiken erkundet; in diesem Film bereist er Deutschland vom Allgäu bis nach Flensburg. Nirgends auf der Welt, beobachtete er, war die Haltung zur überlieferten, eigenen Musik so gespalten wie hier. Erst hat der Nationalsozialismus den Begriff des „Volkes“ unmöglich gemacht, dann haben die direkt in die Hitlerjugend spazierten Wandervögel dem chorischen Singen die Unschuld geraubt. Die bundesdeutsche Pädagogik hat diese Zerstörung fortgesetzt, indem sie den Musikunterricht von Singen auf Theorie und Geschichte umprogrammierte. Wo Beethoven zum Maß aller Musik wird, verfällt das einfache Lied der Geringschätzung.

Spanne zwischen Tradition und Moderne

Das größte Verdienst von „Sound of Heimat“ ist, die vielen Gesichter und Formen zu zeigen, die Volksmusik heute annehmen kann. Es gibt noch immer den Chor, der „Ännchen von Tharau“ singt, aber auch die Jodelkurse, die Loni Kuisle bevorzugt beim Wandern durch die Berge gibt. Im Erzgebirge besucht Hayden den Bandoneon-Spieler und Sänger Rudi Vodel, der seine Programme noch den DDR-Kulturbonzen vorlegen musste, damit die alten Lieder auch zur sozialistischen Linie passten und nicht zu viel von König und Freiheit sprachen. Und im nächst-nördlichen Bundesland trifft Hayden die Sängerin Bobo, die bekannte Volkslieder mit der Begleitung von präpariertem Klavier, Harmonium, Schlagzeug und Megaphon zu düster-avantgardistischen Ausdrucksmomenten verdichtet. Und in Bamberg stachelt der „Antistadl“ mit heftig rhythmisierter Volksmusik Studenten zu wilden Tänzen an.

So bewegt sich das Volkslied in einer weiten Spanne zwischen Tradition und Moderne. Es lädt zum Mitsingen und Tanzen ein, nimmt aber auch kunstvolle Formen an, die für das Zuhören gedacht sind. „Volkstümlich“ im Sinne weiter Verbreitung ist das alles nicht mehr, sondern ein Programm für speziell Interessierte. Ein spezielles Interesse für das Thema sollte der Zuschauer auch mitbringen, denn um Spannung und formalen Witz haben sich die Filmemacher Arne Birkenstock und Jan Tengeler nicht groß bemüht. Hayden wandert von Station zu Station, lässt sich von den Musikern etwas zeigen, erzählen und vorspielen, und am Ende spielt er mit. Dazwischen sieht man reichlich Abendrot und blaue Berge. Diese Erkundung deutschen Liedguts ist auch ein Heimatfilm und leider entsprechend behäbig.

Sound of Heimat – Deutschland singt Dtl.2012. Buch & Regie: Arne Birkenstock & Jan Tengeler; 93 Min., FSK o. A.



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