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Vorschläge für die UNESCO-Liste: Berlins Welterbe perdu!

Der Friedhof der Jüdischen Gemeinde Weissensee ist der größte in Europa.

Der Friedhof der Jüdischen Gemeinde Weissensee ist der größte in Europa.

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imago/Jürgen Ritter

Diese Ohrfeige wird noch lange schmerzen: Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat in der vergangenen Woche beschlossen, alle Berliner Vorschläge für die deutsche Tentativliste zurückzuweisen. Mit dieser soll die Eintragung weiterer Anlagen aus Deutschland ins Welterbe-Register der Unesco ab 2016 vorbereitet werden. Berlin hatte den Jüdischen Friedhof in Weißensee als Denkmal der jüdischen Wanderungsgeschichte sowie die einstige Stalinallee – heute Karl-Marx-Allee – und das Hansaviertel als zwischen 1950 und 1962 errichtetes Doppeldenkmal des auch ästhetisch ausgetragenen Kalten Kriegs eingebracht.

Aber der von der KMK mit der Vorprüfung beauftragte internationale Fachbeirat zeigte sich wenig beeindruckt von den Berliner Papieren. Für Weißensee, immerhin der größte jüdische Friedhof Europas, wurde gar der „Outstanding Universal Value“ (OUV), also die Einzigartigkeit bezweifelt. Und für die einstige Stalinallee und das Hansaviertel mahnte der Beirat mehr Forschung an, bevor sie – wie von der Unesco gefordert – eine Lücke in der historischen Systematik der Welterbestätten schließen könnten. Dabei ist über wenige Anlagen der westlichen und der DDR-Moderne so viel geforscht und publiziert worden wie über diese.

Nicht nur von Bürgervereinen im Hansaviertel sowie in Friedrichhain, von Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde und vom Förderverein Jüdischer Friedhof Weißensee wird die Entscheidung der KMK „zutiefst bedauert“. Auch die für Denkmalpflege zuständige Senats-Stadtentwicklung ist konsterniert. Ihre Sprecherin Petra Rohland betonte, die Begründungen des Fachbeirats seien doch „sehr kurz“: „Aber wir nehmen das Votum zur Kenntnis.“ Es bleibt Berlin auch kaum etwas anderes übrig – verdankt sich dieses Scheitern doch weniger untauglichen Vorschlägen als vielmehr politischen Fehlentscheidungen.

Zwar begann die gründliche Erforschung des Jüdischen Friedhofs und seiner Geschichte bereits 1998. Aber die schon früh von Unesco-Kennern geforderte Zusammenarbeit mit anderen jüdischen Stätten in Deutschland wie dem auf der Tentativliste verzeichneten Jüdischen Friedhof in Hamburg-Altona, den mittelalterlichen Synagogen, Schulen und Ritualbädern in Speyer, Worms und Mainz oder Erfurt wurde nie in die Wege geleitet. Ebenso wenig gelang eine internationale Zusammenarbeit mit den Hütern der jüdischen Friedhöfe in Budapest, Łódź, Warschau oder Wien. Zu kompliziert und teuer sei ein solcher internationaler Antrag, zu wenig vorangeschritten die Erforschung jener Anlagen, hieß es. Dabei fordert die Unesco bei neuen Anträgen die Zusammenarbeit inzwischen als Regel, nicht als Ausnahme.

Auch die Idee, die Bauten der Nachkriegsmoderne in Ost wie West gemeinsam mit den Resten der Mauer als einzigartige Zeugen des Kalten Kriegs auf die Liste zu bringen, ist spätestens um 1999 in die Debatte geworfen worden. Doch noch 2010 wies der Senat sie mit der absurden Behauptung zurück, Berlin solle sich international nicht mit „Negativ-Denkmalen“ präsentieren. Jahrelang arbeitete das Berliner Landesdenkmalamt stattdessen an dem Projekt „Elektropolis“: Berlin sollte als Mutter der elektrisch betriebenen Zivilisation gezeigt werden. Eine schöne Idee, der aber die Verankerung in der Bürgerschaft völlig fehlte. Vor zwei Jahren übernahmen dann Klaus Wowereit und sein Bau-Senator Michael Müller überraschend den inzwischen von einflussreichen Ex-Senatoren wie Volker Hassemer (CDU) und Thomas Flierl (Die Linke) unterstützten Vorschlag zu Hansaviertel und Stalinallee. Das Denkmalamt hatte nun zu wenig Zeit, um Pflegepläne, Gutachten oder die von der Unesco ebenfalls geforderte dauerhafte Bürgerbeteiligung zu organisieren. Ganz zu schweigen von einem Gruppenantrag, etwa mit der westdeutschen Sennestadt und der DDR-Musterstadt Hoyerswerda oder Nachkriegsstadtvierteln in Skandinavien, Polen, Großbritanniens, den Niederlanden.

Der Fachbeirat war jetzt offenkundig auch wegen der politischen Sprunghaftigkeit nicht so tolerant wie im Fall Erfurts, das seinen lückenhaften Antrag noch nachbessern kann. 32 Anträge aus 13 Bundesländern wurden geprüft. Mancher wie der, das einstige Konzentrationslager Buchenwald einzutragen, hatte keine Chance, hat die Unesco doch schon lange beschlossen, den Nazi-Horror nur durch das einstige Vernichtungslager Auschwitz repräsentieren zu lassen. Dass Dresden nach dem Skandal um die Waldschlösschenbrücke mit der Gartenstadt Hellerau versuchte, die Welterbeliste neuerlich zu entern, hatte Unverschämtheitswert. Reine Tourismuswerbung war der Vorschlag „Leipziger Notenspur“.

Vorgeschlagen werden sollen nun auch steinzeitliche Ritualhöhlen in Württemberg, die technikhistorisch bedeutende spätmittelalterliche Wasserkunst von Augsburg, die Moor- und Wiesenlandschaften der Voralpen, die Jugendstil-Siedlung Mathildenhöhe in Darmstadt, Schlösser wie Neuschwanstein, Herrenchiemsee sowie Linderhof und die Residenzlandschaft von Schwerin. Dass selbst dieser umstrittene Vorschlag – Schlösser gibt es wahrlich genug auf der Tentativliste – Erfolg hatte, zeigt einen weiteren Grund für die Ablehnung der Berliner Vorschläge: Überdruss an der berüchtigten Anspruchshaltung der Hauptstadt. Dabei gab es in Berlin keine zentrale Organisation über die Verwaltung hinaus, kaum politische Absprachen, keine öffentlichen Debatten und keine Werbung, ja nicht einmal eine Broschüre. Ohne die radikale Selbstausbeutung der Denkmalpfleger, Forscher und vieler Bürger wären die Anträge nie zustande gekommen. Senat und Abgeordnetenhaus hingegen taten so, als sei der internationale Auftritt der Stadt ein Privatvergnügen.

Volker Hassemer fordert nun gegenüber der Berliner Zeitung: „Auf jeden Fall muss weitergemacht werden. Weil der Antrag so wichtig und auch in seiner Zielsetzung sicherlich einmalig ist“. Er hat recht. 2018 ist die nächste Chance für Welterbe-Anträge. Wenn Berlins Politiker indes weiterhin annehmen, dass hier als bedeutend Geltendes selbstverständlich auch überregional anerkannt wird, droht ein neues Desaster.


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