Neuer Inhalt
Berliner Zeitung | Wehrdienst in Israel: Mit Zweifeln und Ängsten alleingelassen
24. January 2012
http://www.berliner-zeitung.de/4735768
©

Wehrdienst in Israel: Mit Zweifeln und Ängsten alleingelassen

David Ranan: Ist es noch gut, für unser Land zu sterben? Nicolai-Verlag. 272 Seiten, 19,95 Euro

David Ranan: Ist es noch gut, für unser Land zu sterben? Nicolai-Verlag. 272 Seiten, 19,95 Euro

Israel hegte und pflegte seit Gründung am 14. Mai 1948 viele Mythen: Die Israelis eroberten ein nahezu menschenleeres Land; David kämpfte gegen Goliath, also die feindlichen, arabischen Nachbarn; die Armee ist unbesiegbar, und ihre Soldaten sind ihren Gegnern moralisch überlegen. Einige dieser Mythen sind inzwischen arg lädiert worden. Von israelischen Historikern wie Benny Morris, Simcha Flapan, Ilan Pape oder einfach von der Realität. Trotz dramatischer Wandlungen in der israelischen Gesellschaft in den vergangenen sechs Jahrzehnten aber schienen zwei Konstanten unangetastet. Erstens: Es gibt keinen Frieden in Nahost. Zweitens: Die Armee bleibt das Rückgrat der Nation, eine Bastion säkular-liberaler Aschkenazi (aus Mittel- und Osteuropa stammender Juden), und der Militärdienst ist eine moralische Pflicht.

Doch inzwischen zeigt auch der Armee-Mythos Zerfallserscheinungen. In seinem Buch „Ist es noch gut, für unser Land zu sterben“ untersucht der israelische Ökonom und Politikwissenschaftler David Ranan, welches Verhältnis vor allem junge Israelis zu ihrer Armee haben, und wie das Militär von den Veränderungen in der Gesellschaft betroffen ist. Dafür hat er rund 50 Israelis befragt und 27 dieser Interviews exemplarisch für sein Buch ausgewählt.

Das Fazit: Die Zahl derer, die sich um den Wehrdienst drücken, nimmt stetig zu. Immer mehr religiös motivierte Soldaten aber – aus Siedlerkreisen und aus religiös-orthodoxen Gruppen – drängen in die Elite- und Kampfeinheiten und besetzen Führungsränge. Wenn sich die Entwicklung so fortsetze, schreibt Ranan, dann gehöre die Armee, so wie sie einst von zionistischen, säkularen Juden gegründet wurde, bald der Vergangenheit an. Religiös Orthodoxe und Siedler-Kinder könnten bald die Mehrheit stellen. Sie lehnten die Rückgabe besetzter Gebiete ebenso ab wie die Gründung eines palästinensischen Staates. Das aber werfe das Problem der Befehlsverweigerung auf: Im Falle eines Friedensvertrages mit den Palästinensern und einer darin vereinbarten Auflösung von Siedlungen in den besetzten Gebieten werden diese Soldaten kaum an Räumungsaktionen teilnehmen.

Instrument der Besatzung

David Ranan wurde 1965 eingezogen und nahm am Sechs-Tage-Krieg teil, in dem Israel eine Fläche eroberte, die drei Mal so groß wie das Kernland war. Einen großen Teil dieser Gebiete besetzt es bis auf den heutigen Tag. Damit aber haben sich auch die Aufgaben der Armee verändert: Die jungen Wehrdienstpflichtigen und auch deren Eltern kennen die Armee nur als Instrument der Besatzung.

Der Wehrdienst ist in Israel Pflicht. Jungen müssen drei, Mädchen zwei Jahre dienen. Danach werden sie ein Mal pro Jahr, bis sie zirka 40 Jahre alt sind, einen Monat zum Reservedienst geholt. Wehrdienst-Verweigerung ist nicht vorgesehen und steht unter Strafe. Palästinensische Israeli – Christen wie Moslems – dürfen nicht zur Armee. Orthodoxe Juden und religiöse Frauen können sich freistellen lassen.

Nur wenige verweigern und nehmen dafür Gefängnis in Kauf. Die meisten versuchen, durch Tricks – psychiatrische Atteste oder Heirat – die Armee zu umgehen. Einige bezeichnen sich als links, weil sie die Besatzung infragestellen und keine Palästinenser schikanieren wollen. Doch die meisten Leute wüssten gar nicht, dass es ein Besatzungsregime gebe und was dort geschieht, glaubt Noa, die eine Verweigerung in Erwägung gezogen hat. „Ich will nicht, dass die Leute so denken wie ich. Ich will, dass die Leute nachdenken.“

Andere bekennen offen, dass sie Drückeberger sind. Ihnen wie fast allen Interviewten macht Angst, dass sie nicht wissen, wo die Grenze zwischen legitimer Verteidigung und brutaler Gewalt verläuft. „Die Soldaten sind dazu ausgebildet, extreme Gewalt anzuwenden, um Schlachten zu gewinnen“, schreibt Ranan in seinem Fazit. „Diese Gewalt so zu dosieren, dass man eine zivile Bevölkerung im Zaum halten kann, die deren Präsenz ablehnt, ist nicht einfach.“ Und da habe die Armee versagt.

Mancher Leser wird Schwierigkeiten mit der titelgebenden Fragestellung haben: Es kann nicht gut sein, für ein Land zu sterben. Allenfalls richtig, notwendig oder nicht umzugehen. Und die Monologe zeigen zwar ein buntes Kaleidoskop der israelischen Gesellschaft, von allem ist etwas dabei – was den Leser aber auch etwas ratlos lässt. Orientierung gibt die Einleitung mit einem Überblick über die Geschichte Israels und seiner Armee, über die aktuell politischen Strukturen und die Spannungen in der Gesellschaft zwischen liberalen, linken, säkularen Israelis und den radikalen Siedlern, rechts-konservativen und religiös Orthodoxen. Aber die Kinder der einen wie der anderen, so fasst einer der Befragten zusammen, wachsen „hierzulande in dem Bewusstsein auf, dass es falsch ist, nicht zur Armee zu gehen“. Mit ihren Zweifeln, Ängsten und Fragen vor, während und vor allem nach ihrem Wehrdienst müssen sie allein fertigwerden.

Lesung: 26. Januar, 19 Uhr, Senatssaal der Humboldt-Universität zu Berlin, Unter den Linden 6, Hauptgebäude, 1. OG.