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Werkstatt in Treptow: Flüchtlinge vom Oranienplatz bauen Möbel aus Lampedusa-Booten

Arbeiten an Stühlen und an ihrer Zukunft: Malik (graue Wolljacke), Saidou (gelbes Shirt), Maiga (graues Hemd), Ali (rotes Shirt).

Arbeiten an Stühlen und an ihrer Zukunft: Malik (graue Wolljacke), Saidou (gelbes Shirt), Maiga (graues Hemd), Ali (rotes Shirt).

Foto:

Benjamin Pritzkuleit

Berlin -

Das ist die Geschichte einer Unternehmung, die es gar nicht geben dürfte in der Wirklichkeit. Deren Existenz höchstens als Idee denkbar ist. Eine Idee, die man gleich wieder verwirft. Schön, aber naiv! Nicht realisierbar! In der Wirklichkeit würde Malik Agachi im Heim auf seinem Bett sitzen sich langweilen, fernsehen und sich vor seiner Abschiebung fürchten.

Denn Malik Agachi, 21 Jahre alt, ein Tuareg aus dem Niger, ist Lampedusa-Flüchtling, er hat lange auf dem Oranienplatz gelebt, er hat kein Recht in Deutschland zu sein. In der Wirklichkeit würde Malik Agachi also auf keinen Fall in einer Werkstatt in Treptow stehen und mit Schleifpapier ein Stück helles Kiefernholz glätten, aus dem die Sitzfläche eines Kinderstuhls werden soll, ein Designermöbelstück. Aber er tut es.

Malik Agachi arbeitet in einem Unternehmen namens Cucula, „Refugee Company for Crafts and Design“, also Flüchtlingsunternehmen für Kunsthandwerk und Design. Sie stellen dort Möbel her, Stühle, Tische, Bänke, Betten. In Wirklichkeit arbeitet er natürlich nicht, dazu hat er schließlich nicht die Erlaubnis. Er hat bei Cucula einen Ausbildungspraktikumsvertrag. Und in Wirklichkeit handelt es sich bei Cucula auch nicht um ein Unternehmen, sondern um ein Projekt, das so tut, als sei es eines.

„Wir schmeißen uns in die Realität“, so drückt Corinna Sy es aus, die zum Projektteam von Cucula gehört. „Der Rest muss sich anpassen.“ Das ist ihr Konzept, und damit sind sie schon ganz schön weit gekommen. Im Frühjahr sogar bis nach Mailand. Sie waren dort auf der Ventura Lambrate, der Mailänder Möbelmesse.

Die Geschichte hat vor einem Jahr begonnen. Die fünf Möbelbauer aus Westafrika, außer Malik Agachi sind das Ali Maiga Nouhou, Moussa Usuman, Saidou Moussa und Maiga Chamseddine, allesamt Lampedusa-Flüchtlinge, wohnten auf dem Oranienplatz in Kreuzberg und erwiesen sich als zuverlässige Besucher eines Deutschkurses in der Schlesischen 27, einem Kreuzberger Jugend- und Kulturzentrum. Damals gab dort der Architekt Sebastian Däschle einen Workshop und hatte die Idee, die Flüchtlinge könnten vielleicht Möbel brauchen, Stühle, Tische, ein Bett.

Aber nicht irgendwelche Möbel, sondern Möbel nach den Plänen von Enzo Mari, einem italienischen Künstler und Designer. Mari hat 1974 ein Buch mit dem Titel „Autoprogettazione“ veröffentlicht, was man mit „Selbstdesign“ übersetzen könnte. Es enthält Anleitungen zum Bau von Möbeln nur mit Hilfe von Brettern und Nägeln, eine Art Open Source, zugänglich für alle, genau wie die Bauanleitungen für die Hartz IV-Möbel von Van Bo Le Mentzel. Überhaupt erscheint Mari wie ein Vordenker der Berliner Do-it-Yourself-Szene, aber das ist eine andere Geschichte.

Der Chef aus Mailand

Es stellte sich jedenfalls ziemlich schnell heraus, dass die Fünf die Möbel gar nicht so sehr brauchten wie die Beschäftigung, die Arbeit. So entstand die Idee mit der Firma. Anneliese Bödecker, die 82 Jahre alte Tochter des Gründers der Weberbank, gab dann das Geld für die Anschubfinanzierung.

In dem Vorwort zu „Autoprogettazione“ schrieb Enzo Mari den Satz: „Der Autor hofft, dass seine Idee in die Zukunft hineinreichen wird. “ Auf welche Weise das jetzt geschieht, hätte er wohl nicht gedacht. Aber er hat es erfahren. An der Werkstattwand lehnt ein Foto, das einen alten Mann mit weißem Vollbart zeigt. „Unser Chef“, sagt Malik Agachi. Es ist Enzo Mari. Kennt er ihn? „Ja, klar“, sagt Malik Agachi, und es wundert einen schon nicht mehr, so viel wie man sich bis dahin schon gewundert hat. Sie haben Mari, der heute 82 Jahre alt ist, besucht, als sie in Mailand gewesen sind.

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