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Werner Mittenzwei: Seine Zeit war, und seine Zeit wird kommen

Das letzte Buch Werner Mittenzweis, dieses bedeutenden deutschen Germanisten, Brecht-Forschers und Historiografen der Exilliteratur, heißt „Im Zwielicht“. Anhand der eigenen Biografie statuiert Mittenzwei das Exempel für die Geistesgeschichte der DDR und lässt noch einmal die Anfälligkeit europäischer Intellektueller seit der französischen Revolution greifbar werden. Denn die Weltverbesserungskonzepte, mit denen besonders deutsche Intellektuelle seit 1800 gern hantierten, fanden ihr Pendant gerade in solchen Staatsformen, die die Massen zwangsbeglücken wollten.

Mit dieser Autobiografie jedoch, 2004 im Verlag Faber & Faber erschienen, hat sich Mittenzwei aus Sicht eines großen Kollegen, des deutsch-amerikanischen Germanisten Hans Ulrich Gumbrecht in den Olymp der deutschen Geistesgeschichte hineingeschrieben. Weil er damit zum Historiografen des letzten Kapitels in der Geschichte der klassischen westlichen Intellektuellen geworden ist, die seit je im Spannungsverhältnis von Geist und Macht standen. Heute ist der Macht der Geist längst ausgetrieben.

Die eigenen Wahrheiten des Kalten Kriegs

1927 im sächsischen Städtchen Limbach geboren, gehörte Werner Mittenzwei der sprichwörtlich gewordenen Flakhelfer-Generation an, die in der Propagandamaschinerie der Nazis aufgewachsen und von der Schulbank in den Krieg geschickt worden war. Und die 1945 vor den Trümmern ihres Landes und ihrer Identität stand. Mittenzwei studierte Germanistik und Gesellschaftswissenschaften und widmete sein Wissenschaftlerleben der Literatur derer, die von den Nazis ins Exil getrieben worden waren. Seine Studien zur Exilliteratur zeugen von akribischem Quellenstudium, leben aber auch wesentlich davon, dass Mittenzwei viele der Künstler, über die er schrieb, noch intensiv befragen konnte. Dass der Kalte Krieg seine eigenen Wahrheiten produzierte, der ideologische Sog stärker als der gute Wille Einzelner war, macht viele seiner Bücher heute selbst zu hochinteressantem Quellenmaterial.

Schon 1972 war er Mitglied der Akademie der Wissenschaften der DDR. Sein Lebensthema ist Bertolt Brecht gewesen, über den er eine berühmte Biografie schrieb. In ihr vollzieht Mittenzwei das Dichter-Leben so detailliert nach, dass man immer wieder den Eindruck bekommt, es gab keinen Tag im Leben des BB, von dem Mittenzwei nicht wusste. Er war einer der Mitherausgeber von Brechts Gesamtwerk, 1988 noch als deutsch-deutsches Projekt begonnen. Als Brechtspezialist besaß Mittenzwei bis zuletzt internationales Renommee. In den letzten Jahren lebte er in Bernau bei Berlin. Mittenzwei gehört zu jenen deutschen Intellektuellen, deren Zeit gewesen ist − und deren Zeit noch kommen wird, wenn sich die ideologischen Spiralnebel verzogen haben, und neue Blicke möglich werden. Am vergangenen Freitag ist Werner Mittenzwei gestorben.