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Berliner Zeitung | Willi Heckmann: Es war einmal ein Musikus
24. September 2013
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Willi Heckmann: Es war einmal ein Musikus

Wilhelm Heckmann mit seinem Akkordeon.

Wilhelm Heckmann mit seinem Akkordeon.

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Cinetarium

Im Alter von 68 Jahren Jahren heiratete Willi Heckmann zum ersten Mal. Während der Feier zu seinem 90. Geburtstag fiel dann nebenbei eine Bemerkung, die den Neffen Klaus stutzen ließ – dass der Willi ja im Lager gewesen wäre. Keiner aus der Familie hatte je darüber gesprochen, auch Willi nicht. Den Nachfragen von Klaus wurde ablehnend bis unwirsch begegnet, und Onkel Willi verfügte kategorisch: „Nein, kein Film darüber; nicht so lange ich lebe.“

Aber Klaus Stanjek begann nachzuforschen, und er stieß dabei auf eine schlimme Geschichte. Diese Geschichte eines jahrzehntelangen Verschweigens, die Misstrauen und Verdächtigungen hervorbrachte, erzählt der Regisseur nun in einem schlicht wirkenden, aber profunden Dokumentarfilm. „Klänge des Verschweigens“ zeigt nicht zuletzt, was ein Tabu bei den Menschen anrichtet, die es aufstellen.

Aber zuerst erzählt der Film eine verborgene Lebensgeschichte, und das tut er ganz unaufgeregt und doch spannend, in der Art einer detektivischen Spurensuche. Er beginnt dabei mit dem Greifbarsten, den Erinnerungen Stanjeks an seinen Onkel. Willi sei ein zarter, spielerischer Mann gewesen, dem noch etwas für den kleinen Neffen undeutbar Drittes anhaftete. Willi Heckmann trug immer einen Hut und rauchte gern Zigarre, nachts war er meist unterwegs. Bis zu seiner späten Heirat wohnte er „möbliert“. Als Alleinunterhalter sei Willi in Hotels, Gaststätten und auch Bars aufgetreten in den 1930er-Jahren, erzählen Stanjeks Mutter und andere Verwandte. Dass der Mann 1937 verhaftet worden war, erzählen sie nicht gern.

Flirt mit einem jungen Mann aus der Hitlerjugend

Nach mehreren Vorstößen erfährt der Filmemacher den Grund: Der Paragraph 175 sei zur Anwendung gebracht worden, also das Verbot von Homosexualität. Auf Stanjeks Nachfragen hin machen die alten, noch lebenden Tanten dicht: Sie hätten sich nicht damit beschäftigt; sie kannten „so etwas“ nicht. Die Rede ist auch vom „Einschlägigen“.

Dabei war Onkel Willi einfach nur schwul. Wahrscheinlich kam er wegen eines Flirts mit einem jungen Mann aus der Hitlerjugend ins Konzentrationslager, erst nach Dachau, dann nach Mauthausen. In den noch erhaltenen Akten gibt es jedenfalls, anders als bei anderen wegen des Paragrafen 175 internierten Männern, keinen Vermerk über „unsittliches Verhalten“. Dennoch musste er insgesamt sieben Jahre in diesen Lagern verbringen. Als Willi Heckmann zurückkam ins heimatliche Westfalen, Ende 1945, wurde nicht über die KZs Dachau und Mauthausen und das, was er dort erlebt hatte, geredet. In Willis Familie herrschte die Ansicht, vergessen zu können sei etwas Nützliches.

Dass es nicht um ein heilsames Vergessen ging, sondern vielmehr um eine verwickelte und sehr deutsche Form der Verdrängung, wird nach und nach deutlich in „Klänge des Verschweigens“. Und es ist keineswegs immer angenehm, was diese Spurensuche zu Tage fördert. Denn natürlich rekonstruiert Stanjek nicht einfach ein Leben, sondern eines in gesellschaftlichen Zusammenhängen, die seine ganze Familie einschließen, auch die geliebte Mutter. Sie hatte unter Hitler beim „Bund deutscher Mädchen“ als Funktionärin Karriere gemacht, meint aber: „Wir waren ja nicht so tief verstrickt ... wir haben ja nichts anderes gemacht als heute die Vokshochschulen.“ Und eine Nachbarin von Willi im westfälischen Altena möchte die guten Zeiten unter Hitler gar nicht missen. Stanjek erfährt, dass es ein Buch gibt mit dem Titel „Auschwitz begann in Wuppertal“.

Mit Hilfe von Dokumenten, Briefen, Archivbildern und alten Fotos, die zum Teil sehr originell als Animationen aufbereitet wurden, macht sich Klaus Stanjek auf die Reise in die Vergangenheit. Er begibt sich an die Lebensorte seines Onkels, nach Altena und Wuppertal sowie Passau, wo Willi schließlich im Alter von 40 Jahren verhaftet wurde, nach München, wo der Onkel in der „Löwengrube“ eingekerkert war, nach Dachau und Mauthausen. Stanjek spricht mit noch lebenden Mithäftlingen von Willi, die von Vergewaltigungen unter Männern im Lager erzählen, von Frauen, die zur Prostitution gezwungen wurden, und von der harten Arbeit im Steibruch. Täglich kamen bis zu 150 Menschen um in Mauthausen. Die Entmenschlichung setzte spätestens nach einem Monat Lagerhaft ein; nur die Stärksten überlebten, sagt ein ehemaliger Häftling.

Orchester bei Hinrichtungen

Wie hat der zarte Onkel Willi nur diese unmenschlichen, langen Lagerjahre überstehen können? Eins der alten Fotos zeigt den kahlrasierten Will in KZ-Kleidung mit einem Akkordeon. Also bekam er besser zu essen, denn er gehörte zum Lagerorchester, das auch bei Hinrichtungen spielen musste. Etwa „Alle Vögel sind schon da“. Doch das Lagerorchester wurde erst 1942 gegründet; da war Onkel Willi schon drei Jahre in Mauthausen.

Hässliche Verdachtsmomente kommen auf. Noch hässlicher wird es, als eine Verwandte andeutet, der Willi wäre ja wohl ein Pädophiler gewesen. Diese Frau gehört zu denen, die „es“ nie genau wissen wollten. „Das wird abgehakt, wie alles andere auch“, heißt es einmal schroff über die KZs. Den Gerüchten, dem latenten Misstrauen, den ungebrochenen ideologischen Ablagerungen – also all dem unverarbeitet Subkutanen, das in den Äußerungen der alten Frauen aus der Verwandtschaft mitschwingt, hält der Regisseur durch zähes Nachfragen und -forschen stand.

Nie verleugnet Stanjek, dass er ein unmittelbar Beteiligter ist. Aber nie wirkt es eitel oder narzisstisch, wenn er ins Bild gerät. Diese Sache muss Klaus Stanjek eben zu Ende bringen, um zu wissen, woher er kommt, und er tut das ganz unaufgeregt und mit Anstand. Es hat nicht den geringsten Anflug von Pathos, wenn er Archivbilder zerbombter deutscher Städte mit Willis Schlagern unterlegt. Der „lyrische Tenor“ Willi Heckmann stellte in den 1950ern einen Antrag auf Wiedergutmachung, der nach sechsjähriger Bearbeitungszeit abschlägig beschieden wurde. Die Regierung der BRD bediente sich dabei pikanterweise derselben Gründe, die schon die Hitler-Behörden bei Willis Verhaftung angeführt hatten. Erst 1994, nach dem Mauerfall, wurde der Paragraf 175 abgeschafft.

Klänge des Verschweigens Dtl. 2012. Buch & Regie: Klaus Stanjek, Kamera: Niels Bolbrinker, Volker Gerling, Klaus Lautenbacher, Axel Schneppat. 90 Minuten, Farbe.