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Witold Lutoslawskis Konzert für Orchester: Wer gewinnt beim Tempo: Solistin oder Dirigent?

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In Warschau spielte Mutter das Konzert bereits vor zwei Wochen.
In Warschau spielte Mutter das Konzert bereits vor zwei Wochen.
Foto: dpa
Berlin –  

Anne-Sophie Mutter im Konzert mit den Philharmonikern: Unfehlbar dominiert sie das Geschehen, ignoriert damit aber auch, was Orchester und Dirigent Honeck an Differenzierungen in der Interpretation anzubieten haben.

Witold Lutoslawskis Konzert für Orchester markiert das Äußerste an Dissonanz und Klang, was sich ein Komponist 1954 im Ostblock leisten konnte. Es berührt unheimlich, dass es sich im Westen bis heute nicht anders verhält: Auch wenn es der Komponist selbst nicht sonderlich schätzte, ist es sein mit Abstand erfolgreichstes Stück; bei den diesjährigen Feiern von Lutoslawskis 100. Geburtstag steht es an erster Stelle: Das Rundfunk-Sinfonieorchester spielte es vor zwei Wochen, die Berliner Philharmoniker am Donnerstag.

Der Titel geht auf Béla Bartók zurück. Lutoslawski zielt jedoch weniger auf das konzertierende Miteinander der Orchestergruppen als auf große orchestrale Gesamtwirkungen: Das volkstümliche Material nimmt Lutoslawski mit der gleichen architektonischen Energie in den Griff wie später das atonale, abstrakte. Für einen Interpreten stellt sich die Aufgabe, die kalkulierten Proportionen zu verlebendigen. Marek Janowskis Interpretation mit dem RSB blieb steif, beschwert durch einen klanglich gut austarierten, aber sehr deutschen Klang.

Honeck etwas verloren

Der Wiener Manfred Honeck dagegen, Chefdirigent in Pittsburgh und zum ersten Mal am Pult der Berliner Philharmoniker, brachte eine große Dynamik in die Partitur. Er löste ihre Akkordsäulen in vorantreibende Dissonanzen auf, entdeckte eine aufregende Wildheit im Klang – auch dort, wo er recht gespenstisch dahinhuscht wie im Mittelsatz oder wo er bedrohlich raunt wie zu Beginn der abschließenden Passacaglia. Das Publikum dankte mitgerissen.

Die Philharmoniker selbst wirkten nicht so recht überzeugt. Vor der Pause stand Honeck etwas verloren zwischen dem Orchester und der Solistin Anne-Sophie Mutter, der Lutoslawski einige Werke gewidmet hat. Hier stellte man dem Konzert für Orchester jedoch Antonin Dvoraks Violinromanze f-Moll sowie das Violinkonzert zur Seite, die Mutter erst vor zwei Jahren hier gespielt hatte.

Sehr fein mischten sich die Bläser in die Streicherlinien der Romanze und gaben deren vager Betrübnis mit klagenden Melodien genauere Gestalt. Mit dem Einsatz der Anne-Sophie Mutter steht dann eine Autorität im Raum, die mit der Größe des Klangs irritiert und mit der Energie der Phrasierung zugleich beeindruckt. Unfehlbar dominiert sie das Geschehen aus ihrer Linie heraus, ignoriert damit aber auch, was das Orchester und Honeck an Differenzierungen anzubieten haben.

Im Zusammenspiel war am ersten Abend vieles unscharf, im Finale des Violinkonzerts war man zuweilen unsicher, ob die Verwirrung von den Schwerpunktverschiebungen des zugrundeliegenden Furiant-Tanzes ausging oder vom Kampf zwischen Solistin und Dirigent um die Tempohoheit.

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